Von der Corona- zur Familienkrise: Werner Jugendamt verzeichnet „drastischen“ Beratungsanstieg

dzJugendschutz in Werne

Wird die Corona- nun zur Familienkrise? Bei der Stadt Werne verzeichnet man einen Anstieg an Scheidungs- und Trennungsberatungen. Bei den Hilfen zur Erziehung gebe es eine „trügerische Ruhe“.

Werne

, 02.06.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Shutdown, Kontaktsperre, Home Office und ganz nebenbei auch noch den Nachwuchs beschäftigen. Die Corona-Krise hat viele Eltern vor Herausforderungen gestellt. Auch im privaten Umfeld, in den heimischen vier Wänden. Anspannung und Stress lassen den Umgangston in Familien trotz aller Liebe schon mal etwas schärfer werden. Und wenn man über einen langen Zeitraum so eingeschränkt auf engstem Raum lebt, zum Beispiel im Falle einer häuslichen Quarantäne, dann kann es durchaus schon mal knallen - zumindest verbal, im schlimmsten Fall aber auch physisch.

Zwar verzeichnete die Polizei im Kreis Unna kürzlich auf Anfrage unserer Redaktion lediglich einen Fall von häuslicher Gewalt in Werne zwischen Mitte März und Mitte Mai 2020 - und damit eine rückläufige Entwicklung im Vergleich zu den Vorjahren. Doch wird die Dunkelziffer in dieser Deliktgruppe in der Regel deutlich höher eingeschätzt. Denn nicht jeder Fall wird zur Anzeige gebracht. Und Familienstreitigkeiten schon mal gar nicht, sofern sie nicht ausufern.

Stadt und Jugendhilfe Werne beraten und begleiten

Zu einer Belastung können letztere für die Betroffenen aber durchaus werden. Und wenn sie dabei nicht weiterwissen, dann gibt es natürlich auch andere Ansprechpartner als die Polizei. Bei Sorgen, Problemen und Konflikten stehen beispielsweise der Allgemeine Soziale Dienst der Stadt oder auch die Mitarbeiter der Jugendhilfe Werne den Eltern, Kindern und Jugendlichen zur Seite.

Das Leistungsspektrum reicht von der Beratung und Vermittlung bis hin zu Hilfen zur Erziehung oder psychologischer Unterstützung - von aufsuchender Arbeit in Familien bis hin zu betreutem Wohnen. Denn manchmal genügen einfache Ratschläge eben nicht mehr.

Von der Corona- zur Familienkrise: Werner Jugendamt verzeichnet „drastischen“ Beratungsanstieg
„Wenn Sie mit einer Maske in die Wohnung kommen und dann pädagogisch mit einem Kind arbeiten sollen, ist das keine leichte Aufgabe.“
Maik Rolefs
Jugendamtsleiter

Bei der Stadt Werne sprach Jugendamtsleiter Maik Rolefs in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses mit Blick auf die aktuellen Fallzahlen im Bereich der Hilfen zur Erziehung von einer „möglicherweise trügerischen Ruhe“. Man habe derzeit zwar keine Meldungen vorliegen. „Aber vielleicht liegt das auch einfach daran, dass niemand da ist, der es melden könnte.“

Denn Probleme in der Familie werden bekanntlich nicht unbedingt von den Familienangehörigen selbst gemeldet. Nicht selten geschieht so etwas auf indirektem Weg. Etwa, wenn Erzieher in Einrichtungen oder Lehrkräfte an Schulen bestimmte Anzeichen beziehungsweise Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen bemerken. Allerdings herrscht nach wie vor weder in Schulen noch in Kitas wieder regulärer Betrieb.

Fragen nach dem Sorgerecht im Quarantäne-Fall

Beim sozialen Dienst der Stadt gibt es derzeit jeweils ein Dienststellen- sowie ein Außenteam. Letzteres stattet den Familien auch schon mal einen Besuch ab. „Aber wenn Sie mit einer Maske in die Wohnung kommen und dann pädagogisch mit einem Kind arbeiten sollen, ist das keine leichte Aufgabe“, so Rolefs. Generell arbeite man im Bereich der Jugendhilfe derzeit unter erschwerten Bedingungen: „Uns fehlte zuletzt oft der Face-to-Face-Kontakt. Die Träger haben versucht, das in Form von Videokonferenzen zu machen. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes.“

Im Gegensatz zu den Fallzahlen bei den Hilfen zur Erziehung gibt es laut Angaben des Jugendamtsleiters einen „drastischen Anstieg“ bei den Trennungs- und Scheidungsberatungen. Damit einher gehen unter anderem auch Fragen nach dem Sorgerecht. Nur dass die aktuell etwas anders aussehen als sonst. Es stelle sich dann beispielsweise die Frage, welches Elternteil das Kind im Falle einer Quarantäne betreut, so Rolefs. Und spätestens dann wird die Corona- wohl zur Familienkrise.

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