Die ehrenamtlichen Helfer der Ausgabestelle Werne geben ab Mittwoch (13. Januar) wieder Spenden an Bedürftige heraus. © Archivfoto Michelle Kozdon
Bedürftige

Tafelausgabe in Werne: „Als das Angebot kam, mussten wir nicht lange überlegen“

Der Lockdown wird verlängert - doch die Ausgabestelle der Unnaer Tafel in Werne öffnet wieder. Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist aber besonders bewegend.

Ja, man sei in den vergangenen Monaten durchaus das ein oder andere Mal hin- und hergerissen gewesen, sagt Dieter Schimmel, Organisator der Tafel-Ausgabestelle in Werne, als wir am Mittwoch (6. Januar) mit ihm sprechen: „Aber der Bedarf ist nun mal groß. Und wir haben jetzt wieder die Möglichkeit, etwas zu machen.“

Kurz zuvor hatte Schimmel eine Mail an die Redaktion geschickt – mit einem ganz kurzen, aber für viele bedürftige Menschen überaus wichtigen Hinweis: Am Mittwoch (13. Januar) nehme die Ausgabestelle an der Burgstraße um 10.15 Uhr wieder ihren Betrieb auf. Im Wochenrhythmus können sich Kunden mit einem Tafelausweis dann wieder Lebensmittel abholen.

Ausgeklügeltes Konzept ermöglicht Ausgabe an Bedürftige

Die Nachricht kommt zu einem Zeitpunkt, als die offizielle Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns noch relativ frisch ist. Wie schafft es die Ausgabestelle, die seit Mitte Dezember geschlossen bleiben musste, gerade jetzt, wieder an den Start zu gehen? Grund Nummer eins ist recht simpel: Die Zentrale der Tafel in Unna hat ihren Betrieb ebenfalls wieder aufgenommen. Die Fahrer beliefern auch die Ausgebestelle in Werne. Die Ware kommt also.

Grund Nummer zwei ist ein ausgeklügeltes Ausgabekonzept, das den direkten Kontakt zwischen den ehrenamtlichen Helfern, die größtenteils aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe gehören, und den Kunden verhindert. Das klassische Bild des Kunden, der mit einem Einkaufskorb durch den Warenraum geht und sich die benötigten Lebensmittel selbst aussuchen darf, wird es nicht geben.

„Es gibt keinen direkten Kontakt zwischen Kunden und Helfern. Da muss sich keiner Sorgen machen.“

Dieter Schimmel

Stattdessen heißt es: Bitte draußen warten! Die von den Helfern bereits vorab gepackten Tüten werden in Einkaufswagen vor die Tür auf den Hof geschoben. Der Boden ist mit Abstandsmarkierungen versehen. Damit es nicht zu langen Schlangen kommt, läuft die Ausgabe getaktet in alphabetischer Reihenfolge ab. Um 10.15 Uhr werden zunächst diejenigen versorgt, deren Nachname mit „A“ beginnt. Max Mustermann weiß dementsprechend, dass er erst deutlich später in der Burgstraße auftauchen muss.

Das Konzept galt bereits lange vor dem aktuellen Lockdown und hat sich bewährt. „Es gab positive Rückmeldungen von den Kunden. Sie hatten dadurch ja sogar weniger Wartezeit als sonst“, erklärt Schimmel. Und dann kommt er zu Grund Nummer drei. Es ist wahrscheinlich der entscheidende für die Wiederaufnahme des Betriebs: „Als wir geschlossen hatten, haben sich einige Kunden bei uns gemeldet. Manche haben angerufen. Anderen ist man einfach so begegnet“, sagt Schimmel.

Während der Schließung kamen Anfragen von Werner Kunden

Zu letzteren gehören vor allem die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft, die sich ebenfalls im ehemaligen Möbelhaus befindet. Die Fragen der Bedürftigen und die Bitte an die ehrenamtlichen Helfer waren unmissverständlich: Wann öffnet Ihr wieder? Wir brauchen euch doch!

Wenn Schimmel davon spricht, dass die Helfer während der Pandemie bisweilen hin- und hergerissen gewesen seien, dann resultierte dieses Gefühl weniger aus der Frage, ob es für die Helfer selbst womöglich zu gefährlich wäre, die Ausgabestelle zu öffnen. Es lag vielmehr an der Sorge, dass eine Schließung die Bedürftigen zu hart treffen könnte. Die Menschen also, denen es ohnehin schon schlecht geht.

Und das werden immer mehr. Auch in Werne. Schimmel schätzt, dass er und sein Team am Mittwoch wieder Waren für rund 180 Personen ausgeben. 50 bis 60 Abholer werden es wohl sein, die sich die Tüten mit Lebensmitteln für Haushalte mit durchschnittlich drei Personen sichern. Die Warteliste für einen Tafelausweis ist in den vergangenen Jahren länger geworden.

Weil die Ausgabe derzeit unter besonderen Bedingungen stattfindet, können die Werner Helfer beim Zusammenstellen der Tüten kaum auf individuelle Wünsche eingehen. „Aber ein bisschen kennen wir unsere Kunden mittlerweile ja. Wenn wir die Namen auf der Liste sehen, dann wissen wir schon Bescheid und können den Inhalt etwas anpassen“, sagt Schimmel mit einem Schmunzeln.

Am nächsten Mittwoch dürfte sich zudem der ein oder andere kleine Tafelkunde über eine Überraschung freuen. Denn: Es gibt noch Weihnachtsgeschenke. Die Schüler des Anne-Frank-Gymnasiums hatten Ende 2020 erneut Geschenke für bedürftige Kinder gesammelt, die eigentlich schon Ende Dezember verteilt werden sollten. Mehr als 160 Präsente kamen zusammen, vor allem Kleidung und Spielsachen. „So viel wie noch nie“, sagt Schimmel.

Ein paar davon hat der Organisator der Tafelausgabestelle bereits außerhalb der Öffnungszeiten verteilt – und damit für strahlende Kinderaugen gesorgt. Schon bald könnten es noch ein paar mehr sein.

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Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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