Der einarmige „Tolle Christian“ war „der Pfaffen Feindt“

dzAnlass der Stadtprozession

Die sogenannte Stadtprozession wird am Sonntag, 21. Juni 2020, zum ersten Mal nicht als Gang durch die Straßen von Werne, sondern als Gottesdienst in der Freilichtbühne im Stadtpark gefeiert.

von Heidelore Fertig-Möller

Werne

, 20.06.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Stadtprozession findet statt, um ein jahrhundertealtes Gelübde aus dem Jahre 1623 zu erfüllen. Auf Antrag der Werner Bürger erlaubte am 13. Mai 1623 der Propst von Cappenberg, Theodor Hane, gleichzeitig Pfarrer und Archidiakon von Werne, jährlich „zur Danksagung Gottes“ eine Dankprozession, angeführt vom Pfarrer, Bürgermeister und den Ratsherren, mit anschließendem Gottesdienst und einer Spende an die Armen durchzuführen.

Der Dreißigjährige Krieg ist Anlass für Werner Stadtprozession

Der „Verursacher“ dieser seither zelebrierten Stadtprozession war das Kriegsgeschehen im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648 ), einem der längsten und grausamsten Kriege, der fast ausschließlich auf deutschem Boden stattfand, und der Hauptakteur hierbei war Herzog Christian von Braunschweig-Lüneburg zu Wolfenbüttel, der im September 1621 auf die westfälische Bühne des Dreißigjährigen Krieges trat.

Er wurde 1599 auf dem halberstädtischen Schloss Gröningen an der Bode geboren und bereits mit 17 Jahren als Administrator des Bistums Halberstadt gewählt. Sein Vater hatte das Stift Halberstadt schon 1591 zum Protestantismus geführt und war mit der Schwester des dänischen Königs verheiratet. Christian war mutig, impulsiv und so unberechenbar, dass er bald schon der „Tolle Christian“ genannt wurde.

Urkunde von Theodor Hane für die Genehmigung der Stadtprozession

Urkunde von Theodor Hane für die Genehmigung der Stadtprozession © Förderverein Stadtmuseum

Für Westfalen und das Stift Münster hatte es schlimme Folgen, dass dieser junge Herzog im September 1621 begann, auf eigene Faust in den Krieg einzugreifen. Mit seiner Söldnertruppe, die er mit holländischem Geld angeheuert hatte, beschloss er nach einigen Niederlagen, den Winter 1621/22 in Westfalen zu verbringen.

Jetzt lesen

Es begann mit der Einnahme von Soest, wobei der Paderborner Domschatz in seine Hände fiel, und etwas später folgte die Eroberung von Paderborn, wobei der Dom nun vollständig geplündert wurde, u.a. der kostbare Libori-Schrein aus gediegenem Silber mit Gold überzogen und mit wertvollen Edelsteinen besetzt, der nun eingeschmolzen und zu Münzen verarbeitet wurde. Nachdem er in einer späteren Schlacht einen Arm verlor, ließ er neue Taler mit dem Text prägen: „VERLIERE ICH AUCH ARM UND BEIN, WILL ICH DOCH DER PFAFFEN FEINDT SEIN“.

Christian überzieht 1622 das Münsterland mit Feuer und Schwert

Am 3. Mai 1622 brach Christian dann mit einer starken Heeresmacht von Lippstadt aus auf und überzog das Münsterland mit Feuer und Schwert. Zahlreiche Pfarrwohnungen und Schulzenhöfe in den Ämtern Stromberg und Wolbeck wurden zerstört – Sendenhorst und Telgte ergaben sich nach einigem Zögern.

Jetzt lesen

Daraufhin unternahm Christian von Sendenhorst aus zwei größere Streifzüge gen Münster und Werne. Als sich die Söldner nun Werne näherten, wähnten sich Bürgermeister und Rat in trügerischer Sicherheit, da der Droste für Werne eine Sauvegarde ( Schutzbrief ) durch Zahlung einer beträchtlichen Summe Geld erhalten hatte.

40 Reiter aus Olfen bewahren wohl Werne vor Zerstörung

Dies hatten andere Städte aber nicht vor der Zerstörung durch die Truppen Christians bewahrt. Wahrscheinlich hielten sich in Werne zur selben Zeit 40 Reiter aus Olfen auf, so dass der Angriff zurückgewiesen werden konnte und Werne nicht, wie viele andere Städte und Dörfer im Münsterland, geplündert und gebrandschatzt wurde – der Grund für die noch heute stattfindende Stadtprozession.

Diese Darstellung aus dem Jahre 1623 zeigt den "Tollen Christian" von Braunschweig.

Diese Darstellung aus dem Jahre 1623 zeigt den "Tollen Christian" von Braunschweig. © Förderverein Stadtmuseum

1623 versuchte Christian seine Truppen zurück in die Niederlande zu führen, um den Stiftstruppen des Grafen Anholt, der sich mit dem Heer der katholischen Liga unter dem Grafen von Tilly vereinigt hatte, zu entkommen. Doch im August 1623 musste er sich bei Stadtlohn zum Kampfe stellen – 10.000 Söldner soll er in dieser Schlacht verloren haben und er selbst konnte sich nur mit Mühe retten.

Jetzt lesen

Diese Schlacht bei Stadtlohn befreite die Einwohner des Münsterlandes vom „Tollen Christian“. 1626 unternahm er zum letzten Mal den Versuch, in das Bistum Paderborn einzufallen, doch sein Tod am 16. Juni 1626 beseitigte endgültig die Gefahr für Westfalen, auch wenn der Krieg noch viele Jahre weiter ging.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt