Manchmal ist weniger mehr, mussten wir im Stadthotel-Esszimmer an der Alten Münsterstraße feststellen. Trotzdem können Gäste hier einen gemütlichen Abend verbringen.

Werne

, 02.12.2018, 17:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Der Weihnachtsmann stand schon an der Tür und nahm uns in Empfang. Nicht mehr lebensgroß, sondern schon riesig. Er hielt die Karte fürs Weihnachtsbüfett. Kurz einen Blick drauf geworfen, dann nahmen wir Platz im gleichsam rustikalen wie modernen Speisezimmer des Stadthotels und Esszimmer. So heißen Hotel und Gastronomie im Kolpinghaus nach der Übernahme durch Wirt Horst Nußbaum (52) und Partnerin Bettina Schriever (51).

360-Grad-Panorama vom Tresenbereich

An der Einrichtung gab es an diesem Abend rein gar nichts auszusetzen. Wir fühlten uns pudelwohl. Die Tische liebevoll gedeckt, die kleinen Details (Salz- und Pfefferstreuer in Kegelform) stachen sofort ins Auge. Ein gemütlicher Raum für alle Generationen in einem der markantesten Gebäude der Stadt. Ambiente 1a, genau wie die Lage.

So viel vorweg: Das Essen war nicht durchweg 1a. Und das hatte mehrere Gründe.

Das Essen:

Wir entschieden uns für zwei Vor- und zwei Hauptspeisen. Und eine heiße Schokolade zum Dessert.

Vorab servierte uns die freundliche Servicekraft einen Gruß aus der Küche – vier kleine knusprige Brotscheiben (lecker und sofort weggeputzt!). Die zwei großen Kugeln Kräuterbutter waren geschmacklich zwar top, standen aber in keinem Verhältnis zum dünnen Brot – auch wenn zur Suppe noch jeweils zwei Scheiben serviert wurden. Schade. Wird die Butter, die übrig bleibt, stets weggeworfen? Dann sollte die Küche eines von beidem überdenken: die Anzahl der Scheiben oder die Menge an Butter.

Stadthotel: Wässrige Vor- und Nachspeise rahmen einen trotzdem netten Abend ein

Die Scheiben schön knusprig, die Butter aber viel zu viel. © Vanessa Trinkwald

Meine Begleitung nahm ein Tomatencremesüppchen (so steht es in der Speisenkarte), ich nahm eine schwäbische Hochzeitssuppe mit Grießnockerln, Fleischklößen, Maultaschen und Eierstich. Die Brühe angenehm salzig, die Maultaschen definitiv nicht selbst gemacht, aber trotzdem lecker. Genau der richtige Einstieg und genau richtig für einen kalten Herbstabend.

Stadthotel: Wässrige Vor- und Nachspeise rahmen einen trotzdem netten Abend ein

Schwäbische Hochzeitssuppe: Genau richtig für einen kalten Herbstabend. © Vanessa Trinkwald

Meine Begleitung wurde leider enttäuscht. Das Tomatencremesüppchen war kein Cremesüppchen, sondern eine wässrige Brühe ohne Konsistenz und ohne den frischen Tomatengeschmack, auf den sie sich gefreut hatte. „Hätte ich jetzt nicht gebraucht“, war der knappe Kommentar.

Stadthotel: Wässrige Vor- und Nachspeise rahmen einen trotzdem netten Abend ein

Unter der Sahne leider nur Brühe. © Vanessa Trinkwald

Umso mehr freute sie sich auf den Grünkohl, der als saisonales Gericht in der Karte angepriesen wird: „Wenn die Blätter fallen, wird es Zeit für eine deftige warme Mahlzeit.“ Warm war’s, deftig auch – was nicht zuletzt an der Menge an Grünkohl, Bratkartoffeln und den zwei großen Mettwürstchen lag. Besser zu viel, als zu wenig, könnte man sagen. Und schlussendlich war es ja auch kein Problem, sich den Rest für zu Hause einpacken zu lassen.

Die Hauptkomponente aber traf, ähnlich wie bei der Vorspeise, leider nicht den Geschmack meiner Begleitung. Der Grünkohl war im Nachgang sehr scharf und weniger Säure hätte ihm gut getan. Die Bratkartoffeln waren sehr gut, die zwei Mettwürstchen etwas zäh. Eine hätte auch gereicht.

Stadthotel: Wässrige Vor- und Nachspeise rahmen einen trotzdem netten Abend ein

Der Grünkohl wird als saisonales Gericht angeboten. © Vanessa Trinkwald

Meine vegetarische – Pluspunkt – Hauptspeise war ein Gemüseteller mit Butterreis. Auch hier wieder: extrem viel Gemüse im Vergleich zum kleinen Häufchen Reis. Die bunt gemischte und in Öl geschwenkte Auswahl an Paprika, Pilzen, Rosenkohl, Brokkoli und Blumenkohl war lecker, ein paar Gewürze mehr hätten für den nötigen Pfiff sorgen können. Hier könnte man durchaus experimentierfreudiger sein. Das Gemüse war schön bissfest, der Reis locker.

Stadthotel: Wässrige Vor- und Nachspeise rahmen einen trotzdem netten Abend ein

Das Gemüse noch schön bissfest. Lecker! © Vanessa Trinkwald

Die in der Karte aufgeführten Palatschinke zum Dessert gab es an diesem Abend nicht mehr. Der Gastraum schließt um 22 Uhr, die Küche eine Stunde eher. Um kurz nach halb neun wurde den Gästen am Tisch weiter hinten im Raum der dünne Pfannkuchen mit Vanilleeis und Schokosoße bereits verwehrt. Die Begründung: „Um diese Uhrzeit nicht mehr, den müssten wir jetzt frisch machen.“ Die vier jungen Gäste gaben sich mit Vanilleeis zufrieden. Auf jeden Fall ein Minuspunkt.

Ein Minuspunkt war auch die heiße Schokolade, die leider extrem wässrig war. „Ich schmecke nur Wasser“, sagte meine Begleitung. Der sonst so kräftige Schokogeschmack blieb aus. Ärgerlich auch: Die Maschine wollte der Kellner bereits um halb neun gar nicht mehr anmachen. Als wir dankend ablehnten und auf die Schokolade verzichten wollten, willigte er doch noch ein.

Die Getränke:

Die Getränkekarte ist überschaubar, es muss aber auch nicht immer alles sein. Neben den üblichen Verdächtigen wie Cola, Fanta, Sprite (hier Sinalco, dafür aber „Spezi original“) gibt es Rhabarber-Limonade und verschiedene Säfte (Apfel, Orange, Maracuja, Traube). Bier gibt es vom Fass oder aus der Flasche. Weinliebhaber dürften nicht auf ihre Kosten kommen: „weiß, rot, Schorle“.

360-Grad-Panorama vom Speisenraum

Und sonst? Gibt es noch „was für Mädels“ (Aperol Spritz, Amérie, Piccolo) und „was für die Jungs“: Korn und Ramazotti. Und natürlich auch was für beide: Grappa!

„Die Mädels“ müssen hier tiefer in die Tasche greifen. Denn Aperol (5,50 Euro) ist natürlich teurer als ein Schnaps für die „harten Kerle“ (2 Euro).

(Ob diese Kategorisierung wirklich Sinn macht, wage ich zu bezweifeln.)

Die Preise:

Sind völlig im Rahmen. Für den Grünkohl mit Mettwurst und Bratkartoffeln zahlten wir 10,90 Euro. Mit Kassler statt Wurst zahlt der Gast einen Euro mehr für das Gericht. Den Gemüseteller gab’s für 12,90 Euro. Die Suppen kosteten 3,90 Euro. Das teuerste Gericht auf der Karte ist das Rinderfilet mit grüner Pfefferrahmsauce (26,90 Euro).

Schnitzel kosten zwischen 13,90 und 15,90 Euro, die Spezialitäten „aus der Heimat des Kochs“ (Montenegro) kosten zwischen 9,90 und 16,90 Euro. Darunter fallen etwa Cevapcici und Pljeskavica (gewürzte Hacksteaks vom Schwein und Rind).

Die Atmosphäre:

Siehe oben. Nichts zu meckern. Allein die Musik – klassisch im Speisezimmer, Andrea Berg und Andreas Gabalier im Schankbereich – vermischte sich an diesem Abend, ist aber nicht weiter tragisch. Die warmen Rottöne ließen uns die Kälte draußen vergessen. Das nette Dekor wirkt nicht überladen, sondern heimelig.

Stadthotel: Wässrige Vor- und Nachspeise rahmen einen trotzdem netten Abend ein

Der hintere Speisenraum verbreitet Wohlfühl-Atmosphäre. © Jörg Heckenkamp

Der Service:

Ist gut. Die Servicekraft war gerade zu Anfang sehr zuvorkommend, fragte, ob wir Musik hören wollen (so war das Klassik-Schlager-Duo wohl unsere Schuld) und erkundigte sich nicht nur einmal, ob alles in Ordnung sei. Allein der Hinweis darauf, dass für die heiße Schokolade erst die Maschine angeschmissen werden muss, war in unseren Augen leider nicht sehr gastfreundlich.

Kinderfreundlichkeit:

Am besten gefällt uns der „Robin Hood“: „Lass dir einen Teller geben und such die das Beste vom Teller deiner Eltern aus“. Bei den großen Portionen wäre das durchaus eine Überlegung wert. Ansonsten gibt es für die kleinen Gäste Hähnchennuggets, Nudeln mit Tomatensoße und ein kleines Schnitzel Wiener Art.

Barrierefreiheit:

Durch den Haupteingang geht es eine Stufe hoch in den Schankbereich. Das Restaurant verfügt aber über einen barrierefreien Hintereingang, der allerdings erst durch den weniger einladenden Toilettenflur in das nette Ambiente des Speisezimmers führt.

Anfahrt/Parken:

Wie eingangs erwähnt: Top-Lage in der Innenstadt. Die Parkmöglichkeiten auf den Parkplätzen am Rand (vor Spielothek und alter Post) sind überschaubar, es existiert ein Parkplatz hinter dem Kolpingsaal. Stadthaus und Kurt-Schumacher-Platz sind nicht weit.

Was sagt das Netz über das Stadthotel im Kolpinghaus?

Bei den Google-Rezensionen hat das gutbürgerliche Restaurant mit Spezialitäten aus Montenegro 3,9 von 5 möglichen Sternen. Der „ansprechende Gastraum“ und die „gut gefüllten Teller“ werden hier gelobt. Die Bewertung der Speisen geht von „klasse“ über „einfach, aber gut“ bis hin zu „war mal besser“. Im Großen und Ganzen überwiegen die positiven Kommentare.

Mein Fazit:

Ein gemütlicher Abend in nettem Ambiente! Bringen Sie Hunger mit, denn die Portionen sind riesig. Ansonsten gibt es, wie bereits erwähnt, die Möglichkeit, sich den Rest einpacken zu lassen. Das Essen ist gut bis nicht schlecht, aber kein Highlight. Wer es gutbürgerlich ohne viel Schnickschnack mag, ist hier gut aufgehoben. Wer mehr Raffinesse erwartet, wird enttäuscht sein.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Restaurant-Check Stadthotel-Esszimmer

Vor einem Jahr haben Horst Nußbaum und Bettina Schriever das Kolpinghaus Werne übernommen. Wir waren im "Stadthotel-Esszimmer", so der neue Name, zum Test-Essen.
29.11.2018
/
Ganz auf die Adventszeit eingestellt: Horst Nußbaum (52) und Lebensgefährtin Bettina Schriever (51) mit dem auffälligen Riesen-Weihnachtsmann in ihrem Lokal.© Jörg Heckenkamp
Nach dem Pächterwechsel vor gut einem Jahr heißt die ehemalige Kolpinghaus-Gastronomie "Stadthotel und Esszimmer".© Jörg Heckenkamp
Witziges Dekodetail im Esszimmer.© Jörg Heckenkamp
Horst Nußbaum (52) und Lebensgefährtin Bettina Schriever (51) haben Hotel und Gastronomie im Kolpinghaus im November 2017 übernommen.© Jörg Heckenkamp
Dekodetails zur Adventszeit im Esszimmer.© Jörg Heckenkamp
Der hintere Speisenraum verbreitet Wohlfühl-Atmosphäre.© Jörg Heckenkamp
Der Tresen-Raum bietet Platz für zahlreiche Tische.© Jörg Heckenkamp
Der vordere Raum mit der großen Theke.© Jörg Heckenkamp
Dekodetails zur Adventszeit im Esszimmer.© Jörg Heckenkamp
Der hintere Speisenraum verbreitet Wohlfühl-Atmosphäre.© Jörg Heckenkamp
Nach dem Pächterwechsel vor gut einem Jahr heißt die ehemalige Kolpinghaus-Gastronomie "Stadthotel und Esszimmer".© Jörg Heckenkamp
Die Scheiben schön knusprig, die Butter aber viel zu viel.© Vanessa Trinkwald
Schwäbische Hochzeitssuppe: Genau richtig für einen kalten Herbstabend.© Vanessa Trinkwald
Das Tomatencremesüppchen.© Vanessa Trinkwald
Das Gemüse noch schön bissfest. Lecker!© Vanessa Trinkwald
Der Grünkohl wird als saisonales Gericht angeboten.© Vanessa Trinkwald

Restaurant-Infos:

  • Stadthotel und Esszimmer im Kolpinghaus, Alte Münsterstraße 12, 59368 Werne, (02389) 98500.
  • Öffnungszeiten: Vorsicht: Hier wird zwischen Gastraum und Küche unterschieden. Gastraum: Montag, Mittwoch und Donnerstag von 16.30 bis 22 Uhr, Freitag von 16.30 bis 23 Uhr, Samstag von 15 bis 23 Uhr, an Sonn- und Feiertagen durchgehend von 11 bis 22 Uhr. Küche: Montag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 17.30 bis 21 Uhr, Samstag von 15.30 bis 21 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 11.30 bis 21 Uhr (ab halb neun gab es an diesem Abend nicht mehr alle Nachspeisen, bei den Hauptspeisen wird es ähnlich sein). Dienstag ist Ruhetag.
  • Hier geht es zur Homepage des Stadthotels.
  • Das Stadthotel-Esszimmer im Kolpinghaus bietet, wie der Name sagt, Übernachtungsmöglichkeiten inklusive Frühstück an, Familienfeiern und Gesellschaftsfeiern sind möglich. Es gibt eine Kegelbahn.
  • Alle Restaurant-Checks Werne im Überblick.
Wie funktioniert der Restaurant-Check? Wir gehen ohne Vorankündigung in die jeweiligen Restaurants – als ganz normale Gäste. Wir sind keine Gastro-Experten, sondern einfach Menschen, die gerne an schönen Orten essen. Wir beschreiben die Läden so, wie wir über sie auch mit Freunden und Bekannten sprechen würden. Mit ihren Schwächen, mit ihren Stärken. Ehrlich. Nachdem wir die Rechnung beglichen haben, offenbaren wir uns und vereinbaren für die nächsten Tage einen Fototermin für die Gaststätten-Aufnahmen.
Lesen Sie jetzt