Jörg Höll, der sich für Hartz-4-Empfänger einsetzt, steckt selbst in prekärer Situation

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Jörg Höll (53) möchte andere Hartz-4-Empfänger auf ihre Rechte aufmerksam machen und zeigen, dass ihnen mehr Geld zustehen könnte. Er selbst ist seit 2014 auf der Suche nach einem Job.

Werne

, 24.04.2019 / Lesedauer: 3 min

Erst stand er am Jobcenter Werne, nun an der Tafel-Ausgabe. „Ich hoffe, dass die Resonanz hier besser ist“, sagt Jörg Höll. Der 53-Jährige setzt sich für andere Hartz-4-Empfänger ein, indem er sie über ihre Rechte informiert.

Am Jobcenter habe er mickrige vier Flyer verteilt, hier sei er bereits nach kurzer Zeit mit mehreren Menschen - vor allem älteren Jahrgangs - ins Gespräch gekommen, erzählt Höll.

Klar, die Menschen, die zur Tafel kommen, sind bedürftig, leben vielleicht selbst von Hartz 4. „Viele sagen aber auch, dass sie keine Probleme bekommen möchten. Sie trauen sich nichts mehr zu, weil sie von der Gesellschaft abgehängt sind“, sagt Höll mit deutlichen Worten.

Jörg Höll bekommt seit Monaten keine Jobangebote

Jörg Höll ist selbst seit 2014 Empfänger von Hartz 4, auch wenn er nicht die Begrifflichkeit wählen möchte. „Ich empfange keine Almosen. Ich habe lange genug eingezahlt“, sagt der 53-Jährige. Er ist gelernter Schlosser und bekäme vom Jobcenter seit drei bis vier Monaten keine neuen Jobangebote mehr. Zuvor habe er nur Angebote als Leiharbeiter erhalten.

Zu den Vorwürfen sagt Katja Mintel, Pressesprecherin des Jobcenters Werne: „Es findet ein reger Austausch mit unseren Kunden statt. Außerdem haben wir ein gutes Kundenreaktionsmanagement, an das sich die Kunden direkt wenden können.“

Die Vermittlung in Arbeitsstellen auf Leihbasis sei aufgrund der Dichte von Zeitarbeitsfirmen in der Region ganz typisch. „Für uns sind das normale Arbeitgeber. Eine Anstellung darüber ist für viele eine Chance auf einen guten Einstieg oder Wiedereinstieg“, sagt Mintel. Von Januar bis September 2018 seien 15 Prozent aller vermittelten Jobs an Zeitarbeitsfirmen gegangen, so Mintel.

Jörg Höll, der sich für Hartz-4-Empfänger einsetzt, steckt selbst in prekärer Situation

Flyer von der Sammlungsorganisation „Aufstehen“ und dem Verein „Sanktionsfrei“ liegen auf dem Tisch bei Jörg Höll. © Andrea Wellerdiek

„Kein Grund zur Sorge“

Doch auf Leihbasis möchte Jörg Höll nicht mehr arbeiten gehen. Zehn Jahre lang habe er als Leiharbeiter in 20 verschiedenen Anstellungen verbracht. Maximal sechs Monate habe er in einer Firma gearbeitet. Danach hätten auch Leiharbeiter gewisse Ansprüche auf Sozialleistungen, wie auch die festen Angestellten in der Metallindustrie.

Das würde dazu führen, dass die Arbeitsverhältnisse nie länger als sechs Monate andauern würden, erklärt Jörg Höll. Er selbst fühlt sich im Stich gelassen vom Jobcenter. „Ich glaube, sie haben mich aufgegeben“, sagt er auch mit Blick auf seinen Berater, der wohl wechseln wird. „Doch das ist kein Grund, sich Sorgen zu machen. Das kann auch eine Chance sein“, sagt Mintel.

Mehr Geld drin

Seine Kritik am Jobcenter hat längst hohe Wellen in den sozialen Netzwerken geschlagen. Das zeigt Jörg Höll, dass das Thema bewegt. Deshalb möchte er Hartz-4-Empfänger ermutigen, ihre Stimme zu erheben. Er macht sie an seinem Stand an der Tafel deshalb auch darauf aufmerksam, dass sie nach dem neuen Regelsatz 424 Euro statt 416 Euro mehr Grundsicherung bekommen.

„Das wissen viele gar nicht“, sagt Höll. Er weist auch darauf hin, dass im Mai ein weitreichendes Gerichtsurteil erwartet wird, das dafür sorgen könnte, dass die Sanktionen fallen. In diesem Zusammenhang stellt Höll an seinem Stand auch die Arbeit des Vereins „Sanktionsfrei“ vor, der laut Höll zehn Prozent möglicher Leistungskürzungen übernimmt.

Neben dem Flyer von „Sanktionsfrei“ liegt auch einer von „Aufstehen“. Höll, der sich selbst der Sammlungsorganisation angeschlossen hat, möchte auch in Werne eine Gruppe gründen, um auf soziale Missstände aufmerksam zu machen. Bislang ist er hier allerdings noch Einzelkämpfer.

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