Simjü-Kirmes und ihre Kuriositäten: Reptil an der Horne, exklusive Fahrt und echte Originale

dzSimjü 2019

So alt wie die Simjü-Kirmes ist, so viele Geschichten ranken sich auch um den Jahrmarkt in Werne. Darunter gibt viele Kuriositäten: von einem Reptil an der Horne bis zu echten Hinguckern.

Werne

, 27.10.2019, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit mehr als 650 Jahren gibt es Simjü nun in Werne. Die traditionelle Kirmes hat von Beginn an ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen. Darunter gibt es viele Kuriositäten, die in Erinnerung bleiben.

Rainer Schulz (75), Heimatforscher, Autor und für viele bekannt als Mr. Simjü, blickt zurück - auf ein Reptil in der Horne, Zwerge und Riesen als Attraktion und seine ganz persönlichen Anekdoten zu Simjü.

Die Sensation war zum Greifen nahe

In Erinnerung bleibt Rainer Schulz die Geschichte von dem Reptil in der Horne. Im April 1926 fanden sechs Werner Jungen beim Spielen am Hagen die Überreste eines Reptils. Die Sensation war zum Greifen nahe.

Man sprach schon von einem prähistorischen Fund. Mancher vermeintliche Experte schätzte das Alter auf mindestens 3000 Jahre. Die Museumsdirektoren aus Münster und Hamm wurden hinzugezogen.

Simjü-Kirmes und ihre Kuriositäten: Reptil an der Horne, exklusive Fahrt und echte Originale

Ein Krokodil an der Horne - das war die wohl die außergewöhnlichste Geschichte rund um Simjü. Immer mal wieder waren Alligatorenschauen in Werne zu bestaunen, wie hier Malfertheiners Alligatorenschau. Das Bild ist Ende der 20er-Jahre oder Anfang der 30er-Jahre entstanden. © Rainer Schulz Archiv

Ein verendetes Krokodil - mehr nicht

Und da war sie schnell hin, die Sensationsnachricht: Es handelte sich um ein verendetes Krokodil. Ein Schausteller hatte das Reptil aus seiner Show, das wohl schon seit Wochen tot war, an der Horne begraben.

„Das Ganze war eine lächerliche Geschichte. Eigentlich hätte man das schon früher merken müssen, dass es sich um ein Krokodil handelt und nicht um einen historischen Fund“, sagt Rainer Schulz.

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Rainer Schulz in seinem Element: Mr. Simjü eröffnet das Otto-Wendler-Fußballspiel zwischen den Schaustellern und Werner Prominenten. © Helga Felgenträger (A)

Zwerge, Riesen und Dicke

In den Nachkriegsjahren waren es immer noch die Abnormitäten, die für Gesprächsstoff und staunende Blicke bei den Besuchern von Simjü sorgten.

„Das waren die Dicken, die Langen und vor allem die Liliputaner. Liliputaner gastierten mehrfach in Werne. Es gab zwei Schausteller. Schäfer aus München und Schneider hier aus unserer Ecke. Die hatten beide eine ganze Liliputaner-Stadt beziehungsweise einen Liliputaner-Zirkus“, erzählt Rainer Schulz.

Ausnahmen gemacht

Während der Nazizeit wurde das Zurschaustellen vieler Abnormitäten, also Menschen mit Fehlbildungen, verboten. „Bei Riesen und Zwergen haben die Nazis Ausnahmen gemacht, weil sie aus der Fabelwelt der Germanen stammten“, erklärt Schulz. Deshalb gab es vor allem kleine und große Menschen, die auf Kirmessen gezeigt wurden. Aber auch besonders korpulente Männer und Frauen wurden zur Schau gestellt.

Besonderer Anblick

Etwas sehr viel fülliger war auch die Schaustellerin Rumpff, ebenfalls ihr Sohn, der zudem humpelte. Ihn nannte man wegen seiner Kuchenbuden „Plätzchen Rumpff“. Saß seine Mutter erst in der schmalen Verkaufsbude, wurde ihr Hinterteil deutlich von der Zeltplane abgebildet. „Das führte immer wieder zu Streichen der Schaustellerjungs“, erinnert sich Rainer Schulz.

Wegen ihrer Körperfülle war Frau Rumpff natürlich auch recht unbeweglich. „Wenn die Kinder also bezahlen wollten, dann hat sie einen großen Kochlöffel über die Theke gehalten und da legten die Kinder dann das Geld herein.“ Die Rumpffs waren echte Originale. Die Familie aus Kamen war in den 40er- bis 60er-Jahren bei Simjü vertreten.

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Schon als kleiner Junge begeisterte sich Rainer Schulz (2.v.r.) für die Kirmes. Gemeinsam mit seiner Familie ließ er sich 1950 mit dem Eisbären fotografieren. © Privat

Schabernack mit den Schaustellern

Rainer Schulz, der viele Geschichten rund um Simjü erzählen kann, erinnert sich auch an einige kuriose Momente, die er selbst miterlebt hat. Dieser Schabernack, wie Rainer Schulz es nennt, kam zustande, weil er entweder zu neugierig war oder weil sich die Schausteller einen Scherz mit ihm erlaubten.

Schon als kleiner Junge faszinierte die Kirmes-Welt den gebürtigen Werner. So verfolgte er in jedem Jahr mit großen Augen den Aufbau des Jahrmarktes. Und er zeigte sein Interesse gegenüber den Schaustellern. Irgendwann wurde es Schausteller Reinolsmann an seiner Kuchenbude zu bunt. Er kippte Rainer Schulz einen Eimer Wasser über den Kopf.

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Rainer Schulz (r.) mit seinen Schausteller-Freunden, die mittlerweile gestorben sind (v.l.): „Menne“ Reinolsmann, Traugott Petter, Alex Gormanns. Das Bild ist in den 70er-Jahren entstanden. © Rainer Schulz Archiv

„Ich war einfach neugierig“

„Ich habe zu viele Fragen gestellt, als er seinen Wagen geputzt hat. Ich habe ihn genervt. Ich war einfach neugierig. Und am Ende stand ich da wie ein begossener Pudel“, erzählt Schulz, der bis heute für die Schausteller-Fachzeitschrift Komet schreibt.

Einige Jahre später hob ein Mitarbeiter einer Achterbahn einen Vorschlaghammer, um den neugierigen Burschen Beine zu machen. „Ich habe richtig Fersengeld gegeben.“

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Scherze mit Schulz

Rainer Schulz, damals etwa zehn Jahre alt, lief bis zum Ende der Lünener Straße in eine Kneipe, in der seine Eltern saßen. Als junger Erwachsener erlaubten sich die Betreiber eines Riesenrads einen Scherz mit Rainer Schulz.

Mit einem Schausteller saß er zusammen in einer Gondel. Irgendwann leerte sich das Riesenrad, das seinerzeit noch nicht allzu hoch gebaut wurde, nach und nach. Plötzlich sprang auch der Schausteller neben Rainer Schulz ab.

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Rainer Schulz am Riesenrad: In einem kleineren Rad ließen ihn die Schausteller mehr als eine halbe Stunde rotieren. © Jörg Heckenkamp (A)

Eine exklusive Riesenrad-Fahrt

Es war das Startsignal für eine exklusive Fahrt für Rainer Schulz. Und die ging besonders schnell und lang. „Die haben mich über eine halbe Stunde im Columbiarad festgehalten“, erzählt Schulz. Immer mehr Schausteller kamen hinzu, um sich das Schauspiel anzugucken.

Rainer Schulz nahm es gelassen. „Ich habe das ohne Probleme vertragen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Den Schaustellern, die heute seine Freunde sind, war er nie böse. Ab dem 26. Oktober wird er sie wieder auf „seiner“ Simjü-Kirmes mit ihnen zusammentreffen.

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