Silvesterfeuerwerk fällt in diesem Jahr in Werne wohl weitgehend aus. Der Luftqualität kommt das zugute. © picture alliance / Lino Mirgeler/dpa
Silvester-Böller in Werne

Silvester-Böllerei: Feinstaub-Höchstgrenze um das 33-Fache in Werne überschritten

Silvesterfeuerwerk ist in diesem Jahr auf öffentlichen Plätzen verboten. Der Verkauf ebenso. Mit Blick auf die Silvester 2019 um bis zu 33-fach überschrittene Feinstaubgrenze wohl nicht das Schlechteste.

In diesem Jahr dürfte es am 31. Dezember und am 1. Januar wesentlich leiser werden, als noch im vergangenen Jahr: Silversterfeuerwerke auf publikumsträchtigen Plätzen sind verboten, ebenso wie der Verkauf von Feuerwerk. Damit wollen Bund und Länder verhindern, dass Krankenhäuser durch Böller-Verletzte zusätzlich belastet werden.

Das Verbot kommt möglicherweise nicht nur den Krankenhäusern, sondern auch dem Menschen, der Natur und den Tieren zugute: Denn es nicht nur laut, es ist auch schmutzig – von dem Müll, den Feuerwerksfreunde auf der Straße hinterlassen, ist hier allerdings nicht die Rede. Es geht um Feinstaub: An der Messstelle Bahnhofstraße in Werne wurden die beiden kritischen Grenzwerte für Feinstaub im Referenzzeitraum vom 31. Dezember 2019 um 23 Uhr bis zum 1. Januar 2020 um 1 Uhr morgens um ihr Vielfaches überschritten. In einem Fall um mehr als das 33-Fache des eigentlich erlaubten Grenzwertes.

Je kleiner der Partikel, desto eher nistet er sich in der Lunge ein

Geht es um Feinstaub, spielen zwei Größen eine Rolle: Der Wert PM 10 [Particulate Matter = Feinstaub, Anm. d. Red.] beschreibt Feinstaubpartikel, die kleiner sind als 10 Mikrometer (0,01 Millimeter). PM 2,5 misst Schwebstaubpartikel, die einen kleineren Durchmesser haben als 0,0025 Millimeter. Dabei gilt: Je kleiner die Partikel, desto „besser“ können sie sich in der Lunge festsetzen. Sie sind mitverantwortlich für das Entstehen von Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen wie Lungenkrebs. Bei Kindern können die Partikel das Lungenwachstum beeinträchtigen.

Für den Wert PM 10 ist auf den Tag betrachtet ein Höchstgrenzwert von bis zu 50 Mikrogramm erlaubt, aufs Jahr gesehen darf der Durchschnittswert 40 allerdings nicht übersteigen. Im Falle des Feinstaubpartikels PM 2,5 gibt es keine Tageshöchstgrenze, nur einen Jahresdurchschnitt, der 25 Mikrogramm nicht übersteigen darf.

Der P-10-Tagesmittelwert lag am gesamten 31. Dezember bei 95,25, von 23 bis 0 Uhr bei einem Mittelwert von 637,48. Der P-2,5-Wert am 31. Dezember insgesamt bei 46,93, von 23 bis 0 Uhr bei 413,26. Betrachtet man den darauffolgenden Tag, liegen die Tageswerte noch einmal darüber: bei 105,53 (P 10) und 66,48 (P 2,5). Schaut man sich nur die Zeit von 0 bis 1 Uhr an, ergeben sich folgende Werte: P 10: 748,53 und P 2,5: 510,88.

Zu Spitzenzeiten in der Zeit von 23 Uhr am 31. Dezember und 1 Uhr am 1. Januar 2020 lag der PM-10-Höchstwert um 23.58 Uhr bei 1310,5 – dem 26-Fachen des erlaubten Grenzwertes. Bei PM 2,5 waren es zum selben Zeitpunkt 827,13 – dem 33-Fachen.

Was aber bedeuten diese kurzfristigen, hohen Grenzüberschreitungen der Feinstaubwerte für unsere Lunge? Laut Berichten des Umweltbundesamtes (UBA) aus 2009 und 2020 reiche das Ausmaß einer über mehrere Stunden bis Tage andauernden Feinstaub-Grenzüberschreitung „von vorübergehenden Beeinträchtigungen der Atemwege über einen erhöhten Medikamentenbedarf bei Asthmatikern bis zu vermehrten Krankenhausaufnahmen wegen Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislauf-Problemen sowie einer Zunahme der Sterblichkeit.“ Die Gesamtsterblichkeit der Bevölkerung steige um knapp 1 Prozent, heißt es weiter.

Langfristige Grenzüberschreitung ist folgenreicher

Folgenreicher aber sei eine langfristige Grenzüberschreitung: Liege die Grenzüberschreitung dauerhaft um 10 Mikrogramm über dem PM-10-Schwellenwert, verkürze das die Lebensdauer eines Menschen um etwa ein halbes Jahr. „Bezogen auf eine Erhöhung um 10 Mikrogramm PM2,5 pro Kubikmeter Luft beträgt die Abnahme der Lebenserwartung sogar acht Monate“, heißt es weiter.

Laut dem Statistischen Landesinstitut IT.NRW war 2019 die häufigste Todesursache im Land eine Herz-Kreislauf-Erkrankung – diese können durch Feinstaub begünstigt werden. Dies war auch im Kreis Unna mit 1526 von 5067 Fällen die häufigste Todesursache im vergangenen Jahr 2019 (-2,9 Prozent gegenüber 2018). An zweiter Stelle im Kreis stehen sogenannte bösartige Neubildungen der Atmungs- und sonstigen „intrathorakalen Organe“ mit 1230 Fällen (-11 Prozent gegenüber 2018). Daten auf Städte- und Kommunenniveau wie für Werne hat IT.NRW nicht erhoben.

Laut Umweltbundesamt ist das Silvesterfeuerwerk für ein Prozent des jährlichen PM-10-Ausstoßes sowie für knapp zwei Prozent der jährlichen PM-2,5-Emission verantwortlich. Das belegte eine Studie eines unabhängigen Prüfinstituts, in Auftrag gegeben vom Verband der pyrotechnischen Industrie, so das UBA. „Auch wenn über die akuten Wirkungen einer kurzfristig hohen Feinstaubbelastung wie zu Silvester wesentlich weniger bekannt ist als über langfristig erhöhte Konzentrationen in der Atemluft: Jegliche Reduzierung und Vermeidung von Feinstaubemissionen ist unter dem Gesichtspunkt der Gesundheitsvorsorge sinnvoll und empfehlenswert.“

Die Daten für die Feinstaubberechung stammen von der Seite www.luftdaten.info. Jedem steht es frei, einen eigenen Feinstaubsensor zu bauen. In Werne gibt es derzeit rund 3, die von Privatpersonen gebaut wurden und deren Daten in die Luftdaten-Archive von luftdaten.info einfließen. Wer die Feinstaubsensoren gebaut hat und betreut, ist anonym.

Über die Autorin
Redakteurin
Gebürtige Münsterländerin, seit April 2018 Redakteurin bei den Ruhr Nachrichten, von 2016 bis 2018 Volontärin bei Lensing Media. Studierte Sprachwissenschaften, Politik und Journalistik an der TU Dortmund und Entwicklungspolitik an der Philipps-Universität Marburg. Zuletzt arbeitete sie beim Online-Magazin Digital Development Debates.
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Eva-Maria Spiller

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