Sexismus in der Lokalpolitik - Werner Ratsfrauen schildern ihre Erlebnisse

dzSexismus in Lokalpolitik

Eine große Umfrage unter NRW-Lokalpolitikern hat ergeben, dass 60 Prozent der befragten Frauen Diskriminierung im Amt erleben. Erfahrungen, die teils auch unter den Werner Ratsfrauen wiederzufinden sind.

Werne

, 22.09.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das Recherchenetzwerk Correctiv hat Ende August mit einer umfassenden Recherche für Aufsehen gesorgt: Es hat Kommunalpolitikerinnen und -politiker in allen Städten und Gemeinden NRWs nach ihren Erfahrungen mit Sexismus bis hin zu körperlichen Übergriffen im Amt befragt - 573 haben geantwortet. Mit teils schwer zu verdauenden Erfahrungsberichten.

Fast jede zehnte befragte Ratsfrau in NRW, schreibt Correctiv, berichtete in den Befragungen von unangemessenen Berührungen. Wie das grüne Ratsmitglied Dignanllely Meurer, die im Stadtrat in Erkelenz im Westen NRWs sitzt. „Wenn auf Veranstaltungen Alkohol im Spiel ist, bei uns vor allem an Karneval, fallen eher die Männer auf, die es schaffen, ihre Hände nicht bei sich zu behalten – traurigerweise nehme ich das gar nicht mehr als extrem übergriffig wahr, weil es normal zu sein scheint“, berichtet sie gegenüber Correctiv.

Werne hat so wenige Frauen im Rat wie 50 Prozent von NRW

In Werne sind 26 Prozent der Ratssitze in Frauenhänden. Damit gehört Werne den Berechnungen zufolge zu den unteren 50 Prozent in NRW. In der Nachbargemeinde Ascheberg sind es sogar noch weniger - lediglich 17 Prozent Frauen sind hier im Gemeinderat vertreten. Ascheberg gehört damit sogar zu den unteren 25 Prozent der befragten Städte und Gemeinden in NRW.

Unsere Redaktion hat die Erfahrungen von Correctiv als Anlass genommen und alle elf im Werner Stadtrat vertretenen Frauen gebeten, an einer anonymisierten Umfrage teilzunehmen. Letzten Endes haben sich allerdings nur zwei Frauen bereit erklärt, unseren Fragebogen auszufüllen. Eine weitere teilte uns auf Nachfrage mit, nicht daran teilnehmen zu wollen - warum nicht, bleibt offen.

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Die Erfahrungen der beiden teilnehmenden Frauen sind unterschiedlich: während eine angibt, keine derartigen Erfahrungen gemacht zu haben (Person A), gibt die andere an, auch im Werner Stadtrat Erfahrungen mit Sexismus gemacht zu haben (Person B). Solche Erfahrungen wie Person B haben in der Correctiv-Umfrage rund 60 Prozent der Frauen in der NRW-Kommunalpolitik angegeben.

Auf die Frage, ob sie sich von ihren männlichen Kollegen ernst genommen fühlen, sagte Person A zu 100 Prozent, Person B zu 80 Prozent. Allerdings haben beide schon Erfahrungen damit gemacht, dass ihnen von einem männlichen Kollegen das Wort abgeschnitten wurde (A: „selten“, B: „manchmal“). „Mir wird öfter ins Wort gefallen oder Männer hören mir nicht zu“, berichtete auch die Essener Politikerin Julia Klewin gegenüber Correctiv. B. hat zudem schon Kungeleien unter männlichen Amtskollegen beobachtet (5,5 Punkte auf einer Skala von 0 (nie) bis 10 (ständig)).

„Häufig werden Stereotype als ‚nicht ernst gemeint‘ verkauft“

Auf die Frage hin, welche Art von Diskriminierung die Frauen wegen ihres Geschlechts bereits erlebt haben, gab Person B an, dass als Ratsfrau mehr Wert auf Äußerlichkeiten gelegt werde, etwa auf die Kleidung oder das Aussehen. Ähnliches hatte auch die von Correctiv befragte Klewin berichtet.

Auch geschlechtsspezifische Stereotype habe Person B bereits in ihrer Arbeit wahrgenommen („manchmal“) - etwa solche, dass Frauen sich um die Kinder zu kümmern haben. Person A hingegen gab keine derartigen Erfahrungen an („nie“). Person B führt aus: „Häufig werden solche Stereotypen als witzig oder als ‚nicht ganz ernst gemeint‘ verkauft, was aber nicht immer unbedingt überzeugt.“

Anzügliche Bemerkungen oder gar sexuelle Nötigung oder körperliche Übergriffe wie acht Prozent der NRW-weit Befragten habe allerdings keine von den beiden Frauen aus Werne erlebt, geben sie an. Abschließend fügt Person B hinzu: „Leider ist es immer noch häufig so, dass Frauen mit Familie erst politisch aktiv werden, wenn es Kinder und Haushalt erlauben. Außerdem trauen es sich viele Frauen völlig unbegründet im Gegensatz zu Männern nicht zu, ein politisches Amt zu übernehmen.“

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