Wie alarmierend ist die Situation pflegender Angehöriger? Was sind die Gründe? Und wie lassen sich die Probleme lösen? Darüber haben wir mit NRW-Pflegeratsvorstand Ludger Risse gesprochen.

Werne

, 21.12.2018, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn Sie auf den aktuellen Barmer-Pflegereport schauen – überraschen Sie die Ergebnisse im Hinblick auf die Situation der pflegenden Angehörigen?

Nein, überhaupt nicht. Die Überforderungssituation pflegender Angehöriger ist gewaltig, aber das ist kein neues Phänomen. Der Bedarf nach Unterstützung ist enorm, deswegen gibt es ja unter anderem Gruppentreffen wie die am Christophorus-Krankenhaus.

Man könnte meinen, der Bedarf sei gar nicht so groß. Die Treffen finden schließlich nur einmal im Monat statt und es kommen in der Regel auch nur fünf bis zehn Teilnehmer...

Das liegt vor allem daran, dass die Hemmschwelle, Hilfe anzunehmen, hoch ist. Das gilt nicht nur für solche Treffen, sondern auch im Alltag pflegender Angehöriger. Es fällt vielen Menschen leichter, einen Babysitter für ihr Kind in Anspruch zu nehmen als eine Pflegefachkraft, die sich um den pflegebedürftigen Angehörigen kümmert. Da spielt das schlechte Gewissen eine große Rolle. Der Unterschied ist nur: Kinder werden schnell groß und selbstständiger – Pflegebedürftige nicht.

Wie lässt sich diese Situation denn verbessern?

Da gibt es leider nicht das eine große Rad, an dem man drehen muss, sondern viele kleine. Auf der einen Seite muss man sagen: Die Hochachtung vor der Leistung pflegender Angehöriger kann gar nicht groß genug sein – aber sie müssen die Unterstützungsangebote eben auch annehmen. Selbst wenn es schwer fällt. Der Bedarf ist wesentlich größer, als die tatsächliche Nutzung solcher Angebote. Die ambulanten Pflegekräfte stellen das auch immer wieder fest.

Und die können da nur bedingt helfen...

Klar ist, dass die Fachkräfte in der ambulanten Pflege nur einen Teil der Arbeit übernehmen können. Es gibt aber zum Beispiel auch Betreuungsdienste, deren Mitarbeiter mit den Pflegebedürftigen spielen, gemeinsam kochen oder spazieren gehen. Das schafft Entlastung. Es gibt zudem Übergangsangebote, bei denen Mitarbeiter beratend nach Hause kommen, wenn jemand von der stationären in die Pflege zuhause wechselt. Auf der anderen Seite gibt es sozusagen das große Ganze, an dem sich etwas ändern muss...

Was meinen Sie damit?

Das Gesamtpaket rund um die Pflege. In den Pflegeberufen gibt es zum Beispiel einen erheblichen Mangel an Nachwuchskräften, sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich. Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Fachkräfte steht aber immerhin schon auf der politischen Agenda. Das ist eine wichtige Säule, wenn man bedenkt, dass es auch im privaten Umfeld Veränderungen gibt: Die Familienstrukturen ändern sich, werden kleiner. Und ein pflegebedürftiger Single, der sonst niemanden hat, ist nun mal auf professionelle Hilfe angewiesen.

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