Pflegeeltern wie Marion (hier im Sommer 2018) kümmern sich in Werne mit der Jugendhilfe um Kinder, die nicht in ihrer Ursprungsfamilie bleiben können. © Andrea Wellerdiek
Pflegefamilien

Pflegefamilien in Corona-Zeiten: „Sie hat ganz schnell Mama zu mir gesagt“

Nicht alle Kinder können bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen. Für sie sucht die Jugendhilfe Werne ein neues Zuhause - übergangsweise oder für immer. Hat sich die Lage in Coronazeiten verändert?

Die kleine Mia (alle Namen geändert) ist zwei Jahre alt. Sie ist sehr liebesbedürftig und Bezugspersonen sind ihr wichtig. Zusammen mit ihren Pflegeeltern Heike und Rolf entdeckt sie gerne die Natur. Dort sucht sie Steine, Stöcke und Kastanien, um nach dem Spaziergang etwas Schönes zu basteln. Die Drei genießen ihre gemeinsame Zeit in vollen Zügen. Doch irgendwann muss sich das Ehepaar aus Werne von Mia verabschieden. Denn sie sind nur ihre Eltern auf Zeit.

Pflegestellen als Familien auf Zeit

Bereitschaftsfamilien nehmen Kinder in akuten Notfallsituationen bei sich auf. Sie werden von der Jugendhilfe Werne kontaktiert, wenn die leiblichen Eltern sich nicht um ihr Kind kümmern können. Die Unterbringung in einer Bereitschaftsfamilie ist immer zeitlich befristet. „Die Kinder verbleiben in der Familie bis die Situation geklärt ist”, erklärt Petra Stephan, Bereichsleitung in Bereich Bereitschaftspflegefamilien und Dauerpflegefamilien der Jugendhilfe Werne.

Ein gerichtliches Gutachten entscheidet darüber, ob ein Kind zurück zu seinen leiblichen Eltern darf. Andernfalls vermittelt die Jugendhilfe Werne es an eine Dauerpflegefamilie oder an eine Einrichtung. Eigentlich soll ein Kind nicht länger als 3 bis 6 Monate in der Bereitschaftsfamilie bleiben. „Mittlerweile sind sie dort im Schnitt fast ein Jahr”, sagt Stephan.

„Abschied nehmen ist für uns und die Kinder nicht einfach”

Das Ehepaar Heike und Rolf sind seit 2016 eine der Bereitschaftspflegefamilien der Jugendhilfe Werne. Seitdem haben sie insgesamt vier Pflegekinder aus Krisensituationen bei sich aufgenommen. Mia lebt bereits seit einem Jahr in der Familie. „Die ersten Wochen habe ich immer mit im Zimmer geschlafen. Damit die Kinder wissen, dass immer jemand da ist”, sagt Heike. So entwickeln die Kinder nach wenigen Tagen Vertrauen und das mache den Umgang wesentlich leichter.

Das Ehepaar hat ihrem ersten Pflegekind insgesamt dreieinhalb Jahren ein Zuhause geschenkt. „Die Bindung war sehr eng. Das Abschied nehmen ist für uns und für die Kinder nicht einfach. Da ist man schon traurig”, sagen Heike und Rolf. Auch wenn der Abschied schwerfällt, möchten die Beiden weiterhin Pflegekinder aufnehmen. „Wenn man sieht, wie die Kinder aufblühen, und die strahlenden Augen, das macht uns so viel Freude”, führen sie fort.

Häusliche Gewalt ist einer der Hauptgründe

Heikes Bruder hat das Ehepaar auf die Idee gebracht, eine Bereitschaftsfamilie zu werden, da er vor Jahren ebenfalls Pflegekinder aufgenommen hat. „Am Anfang wissen wir nicht genau aus welchen Verhältnissen das Kind kommt. Das Kind kommt von jetzt auf gleich”, sagt Rolf. Erst im Nachhinein wird darüber gesprochen, welche Probleme es in der leiblichen Familie gab. „Häufig ist es häusliche Gewalt”, führt er fort. Dabei sei es besonders wichtig, auf die Kinder und ihre Fragen einzugehen.

„Wir wurden zuvor sehr gut informiert und vorbereitet von der Jugendhilfe Werne. Deshalb klappt auch vieles so gut”, sagt Heike. Für die Zukunft wünscht sich das Ehepaar für Mia, dass sie liebe Menschen um sich herum hat und in Ruhe groß werden kann. „Wir hoffen, dass sie so bleibt, wie sie jetzt ist”, sagen beide.

Mangel an Pflege- und Bereitschaftsfamilien

Der Bedarf nach Pflege- und Bereitschaftsfamilien sei in den vergangenen Jahr gestiegen. „Wir haben Not, Platz für Kinder in Bereitschaftsfamilien zu finden. Das wird sich auch irgendwann in den Dauerpflegefamilien widerspiegeln”, sagt Stephan.

An Corona würde sie diese Entwicklung aber nicht festmachen. Jedoch könne es in Überforderungssituationen häufiger passieren, dass ein Elternteil nicht so reagiert, wie es eigentlich möchte. Die Gesellschaft sei mittlerweile aufmerksamer geworden, unter anderem durch die Medien. So werden schneller Familien bemerkt, die sich zu wenig um ihr Kind kümmern.

Die Kinder müssen aus verschiedenen Gründen ihre leibliche Familie verlassen. Die Hauptgründe dabei seien Vernachlässigung und Gewalt. „Jeder, der ein Kind in die Welt setzt, will mit positivem Gefühl Eltern sein. Dann kann es aus verschiedenen Gründen aber auch mal nicht klappen”, sagt Stephan.

Rasche Akzeptanz als erste Bezugsperson

Maren (alle Namen wurden gerändert) ist alleinerziehend. Sie hat einen Adoptivsohn (14) und einen Dauerpflegesohn (12). Im März 2019 entschied sie sich dazu, ein weiteres Dauerpflegekind von der Jugendhilfe Werne aufzunehmen. Julia ist 5 Jahre alt. Sie kam als sehr entwicklungsverzögertes Kind in die Familie. Die ersten Wochen habe sie zwar viel gesprochen, nur habe man sie nicht verstehen können. „Sie hat ganz schnell Mama zu mir gesagt”, sagt Maren.

Die Kleine ist ein aufgewecktes und wissbegieriges Kind. In der vergangenen Zeit habe sie enorme Fortschritte in allen Bereichen gemacht. Durch ihre Herkunftsgeschichte habe sie ein Trauma erleben müssen. Anfangs habe sie auch einige Wutanfälle von mehreren Stunden gehabt, „wenn ihr irgendwas nicht passte oder es nicht so lief, wie sie es wollte”, sagt die Maren. Das habe mittlerweile aber nachgelassen.

„Egal, wo wir alle herkommen, wir sind eine Familie”

Je länger die 5-Jährige in der Familie ist, desto besser verinnerliche sie Regeln und Rituale. „Sie braucht ihre Rituale und ihre Absicherung”, erklärt die dreifache Mutter. Bevor Julia in den Kindergarten, zur Frühforderung oder in die Logopädie geht, müsse sie sich immer absichern. „Du kommst auch wieder und holst mich wieder ab?”, sind typische Fragen, die Maren von der Kleinen gefragt wird.

Das Mädchen habe schon vieles aufgeholt, aber sie habe trotzdem noch einen weiten Weg vor sich, erklärt Maren. Sie sei um einiges ruhiger geworden. Mittlerweile findet sie Veränderungen, wie das spätere Aufstehen am Wochenende, auch nicht mehr so schlimm, wie es anfangs der Fall war. „Sie ist sicherer geworden”, erklärt ihre Mutter.

Julia hatte auch schon zwei Kontakte zu ihrer leiblichen Mutter, jedoch habe sie diese nicht als Mutter erkannt. „Wir leben das hier ganz offen. Ich sage immer, dass es noch eine Bauch-Mama gibt”, erklärt Maren. „Mir ist es wichtig, dass wir eine Familie sind, die zusammenhält. Egal, wo wir alle herkommen, wir sind eine Familie”, führt sie fort.

Das sollte eine Pflege- oder Bereitschaftspflegefamilie mitbringen

Kinder, die in Pflegefamilien unterkommen, bleiben dort bis zur Verselbstständigung. „Wir begleiten sie die ganze Zeit, bis sie groß sind und ausziehen können”, erklärt Stephan.

Die Aufgaben von Pflege- und Bereitschaftspflegefamilien sind vielfältig. Sie nehmen Kinder mit verschiedenen Lebensgeschichten bei sich auf und versorgen sie. „Die Familie stellt die Betreuung und die Versorgung des Kindes sicher. Wir kümmern uns um das Finanzielle und alles drumherum”, sagt sie.

Petra Stephan verdeutlicht, was eine Pflege- oder Bereitschaftsfamilie mitbringen sollte: „Man soll Lust haben, einem fremden Menschen in der eigenen Familie einen Platz zu geben”, sagt sie. Zudem solle eine mögliche Pflege- oder Bereitschaftsfamilie das Kind bei Bedarf unterstützen.

Stephan empfiehlt auch, dass die leiblichen Kinder das Alter von sechs Jahren erreicht haben sollten. „Wir wissen ja nicht, was das Pflegekind schon alles erlebt hat. Wenn es Gewalt erlebt hat, kann es auch vorkommen, dass es Gewalt weitergibt”. Bevor eine Familie ein Kind aufnehmen darf, führt die Jugendhilfe Werne eine Schulung durch. In dieser werden relevante Themen für die zukünftige Pflege- oder Bereitschaftspflegefamilien besprochen.

Die Jugendhilfe Werne sucht dringend nach weiteren Bereitschaftspflegefamilien. Im Gegensatz zu einer Dauerfamilie nehmen diese Familien Kinder, die sich in einer Notsituation befinden, für eine gewisse Zeit bei sich auf.

Ein unverbindliches Infogespräch können Interessenten in der Jugendhilfe Werne, bei Petra Stephan, vereinbaren unter Tel. (02389) 5270137 oder per E-Mail an pstephan@jugendhilfe-werne.de

Weitere Informationen sind auf der Website der Jugendhilfe Werne zu finden: https://www.jugendhilfe-werne.de

Über die Autorin
Freier Mitarbeiter
Neben dem Journalistik-Studium unterstützt Charlotte Schuster die Redaktion in Werne. Im Sommer 2020 hat sie ein Praktikum bei den Ruhr Nachrichten absolviert, welches ihr die schönen Seiten des Lokaljournalismus gezeigt hat.
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Charlotte Schuster

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