Staatsanwältin Elfi Lechtape gibt einen Zwischenstand zum Nagelstudio-Prozess. Einige Clanmitglieder wurden wegen des Sozialversicherungsbetruges in großem Stil zu Haftstrafen verurteilt. Offen blieben hingegen die Vorwürfe wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Menschenhandel. © Matthias Münch (A)
Landgericht Münster

Nagelstudio-Prozess: Wird das Verfahren wegen Menschenhandel eingestellt?

Bis nach Werne und Bergkamen reichten die Arme eines kriminellen Clans, deren Mitglieder im Nagelstudio-Prozess vor Gericht standen. Einige Vorwürfe blieben offen. Wird das Verfahren nun eingestellt?

Im sogenannten Nagelstudio-Prozess standen Mitglieder eines kriminellen Clans vor Gericht: Es ging um illegal eingeschleuste Jugendliche, Frauen und Männer, die unter anderem in Werne und Bergkamen in vietnamesischen Nagelstudios beschäftigt wurden. Kurz vor Weihnachten verurteilte die 12. Große Strafkammer des Landgerichts Münster die Drahtzieher der Bande wegen Sozialversicherungsbetruges in großem Stil zu mehrjährigen Haftstrafen (wir berichteten).

Offen blieben allerdings die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Menschenhandel. Ob die Verfahren in diesen Bereichen eingestellt werden, steht noch nicht fest. Die federführende Staatsanwältin Elfi Lechtape behält sich hier eine Entscheidung ausdrücklich vor. Das sagte sie am Freitag (15. Januar) auf Anfrage dieser Redaktion.

Drastische Urteile in Polen

Am Donnerstag berichtete das ARD-Magazin Kontraste unter dem Titel „Menschenhandel leicht gemacht“ über die Aktivitäten der vietnamesischen Mafia. Als ein Ziel der Schleuserbanden wurde dabei neben Berlin und Köln ausdrücklich auch Münster genannt. Von Zwangsarbeit in Restaurants, vor allem aber in Kosmetik- und Nagelstudios war die Rede. Über Russland und Polen werden die wehrlosen Menschen illegal nach Deutschland gebracht. Etliche von ihnen landeten in Geschäften im Münsterland.

In Polen hat es bereits drastische Urteile gegen die vietnamesischen Menschenhändler gegeben. In Deutschland bestehen offenbar unterschiedliche Auffassungen über das Ausmaß der kriminellen Energie. Während ein ostdeutscher Polizeibeamter ausdrücklich von Menschenhandel und Zwangsarbeit sprach, relativierte ein westdeutscher Polizist die Sache. Man wisse nicht, ob die Vietnamesen auch freiwillig hier schwarz arbeiten.

Spannung über weitere Vorgehensweise im Nagelstudio-Prozess

Vor diesem Hintergrund darf man gespannt sein, wie die Staatsanwaltschaft in Münster weiter verfährt. Wird sie sich mit dem ersten rechtskräftigen Urteil gegen die vietnamesischen Bandenbosse begnügen oder wird sie auf weiteren Gerichtsverfahren bestehen?

Keinen Zweifel haben die Ermittler, dass die meisten der illegal beschäftigten Menschen in die Bundesrepublik eingeschleust wurden. Es ist aber schwer, dies den Clanchefs im Münsterland nachzuweisen. Sie behaupten, dass ihre Landsleute alle schon in Deutschland waren, als sie sie auf ihre schwarzen Gehaltslisten nahmen.

Derweil sind die Verurteilten gegen Auflagen auf freiem Fuß. Demnächst müssen sie ihre Haftstrafen antreten.

Dorsten am Abend

Täglich um 19:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.