Nagelstudio-Prozess: Clanchef beschimpft Beamtin, die Gewerbeschein ablehnte

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Im Nagelstudio-Prozess, in dem es auch um Steuerbetrug und Geldwäsche in Werne geht, wurde am Freitag (25. September) eine Beamtin gehört, die dem Clan zunächst keinen Gewerbeschein ausstellen wollte.

von Matthias Münch

Werne, Bergkamen

, 29.09.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Steuerbetrug und Geldwäsche leicht gemacht. In der Regel lief alles reibungslos, wenn der vietnamesische Nagelstudio-Clan ein neues Geschäft eröffnen wollte. Ob in Werne oder Münster, ob im Rheinland oder Ostwestfalen: Die zuständigen Stellen in den Rathäusern nahmen die Anmeldungen entgegen und stellten den Gewerbeschein aus.

Dass es sich bei den Antragstellern fast immer um Strohleute handelte, wie anfangs auch bei dem Angeklagten aus Bergkamen, fiel niemandem auf. Während sich aber der Bergkamener rasch zu einem tatsächlichen Geschäftsführer hocharbeitete, war das bei allen anderen nicht der Fall. Sie waren aus sprachlichen oder kaufmännischen Gründen kaum in der Lage, einen Laden zu führen. Das muss auch für die Behörden offensichtlich gewesen sein, schien dort aber selten jemanden zu stören. Dabei sah manch ein Antragsteller so gar nicht nach Maniküre oder Pediküre aus.

Nur einmal bissen die Bosse der Bande auf Granit, was am Freitag (25. September) in der fünfstündigen Verhandlung im Nagelstudio-Prozess am Landgericht Münster bekannt wurde. Auf dem Zeugenstuhl saß eine Mitarbeiterin der Ibbenbürener Stadtverwaltung und berichtete von Erlebnissen mit dem vietnamesischen Clanchef, der sich vor der 12. Großen Strafkammer in Münster verantworten muss. Am 11. Juni 2018 kam der heute 55-jährige Angeklagte mit einem deutschen Mann ins Rathaus, um auf dessen Namen ein Gewerbe in Ibbenbüren anzumelden.

Beamtin verweigerte dem Strohmann den Gewerbeschein

Weil der Mann unter seiner tief ins Gesicht gezogenen Kappe gar nichts sagte, wurde die Beamtin stutzig. Erst nach mehrfacher Nachfrage ließ der hilflose Mann erkennen, dass er kein Nagelstudio führen wollte. Unverrichteter Dinge und erregt zog der Angeklagte ab, nur um drei Wochen später mit einem vietnamesischen Landsmann wieder zu kommen. Doch auch dem nahm die Beamtin den Nagelstudio-Gründer nicht ab, zumal er weder deutsch sprach noch die Gewerbeanmeldung ausfüllen konnte. Diesmal wurde der Clanchef deutlicher, wie die Zeugin berichtete. Er habe sie beschimpft und beleidigt. Sie würde spinnen. So etwas habe er in anderen Verwaltungen noch nie erlebt. Sollte das so weitergehen, liefe er gleich Amok.

Die Beamtin beeindruckte das nicht. Sie verweigerte den Gewerbeschein. Einige Tage später musste sie ihn dann für den sprachunkundigen Strohmann doch ausstellen, weil der Antrag per Post kam und offenbar ordentlich unterschrieben war. Ob sie danach dann ein Gewerbeuntersagungsverfahren eingeleitet habe, wollte der vorsitzende Richter wissen. Das habe sie mit dem zuständigen Kollegen im Steinfurter Kreishaus besprochen, so die Zeugin. Doch der habe abgewunken. So lief der illegale Betrieb auch dieses Nagelstudios zunächst weiter. Immerhin gab die Ibbenbürener Beamtin den Zollfahndern wichtige Hinweise für das spätere Verfahren.

An den nächsten Verhandlungstagen Anfang Oktober will die 12. Große Strafkammer des Landgerichts klären, ob sich der Mammut-Prozess abkürzen lässt. Dazu soll ein Zahlenvergleich dienen: Lassen sich die Summen des Sozialversicherungsbetrugs und der Steuerhinterziehung aus den Geständnissen der Angeklagten mit den Summen aus der Anklage ungefähr in Deckung bringen? Wird diese Frage bejaht, könnte der Rest schnell gehen, die Beweisaufnahme geschlossen und das Verfahren möglicherweise noch im Oktober beendet werden. Bislang hat das Gericht die Prozesstage bis Mitte Dezember terminiert.
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