Stefanie Curbach (43) und ihr Lebenspartner Thorsten Kohn (51) können heute wieder lächeln. Lange war ihr Leben auf den Kopf gestellt. Denn Stefanie Curbach fiel nach einer Infektion ins Koma. Lange bangen Familie und Ärzte um das Leben der Wernerin. © Felix Püschner
Amputation

Nach schwerer Infektion: Wernerin (42) mussten Finger und Unterschenkel amputiert werden

Eine Infektion hat das Leben von Stefanie Curbach (42) und ihrer Familie auf den Kopf gestellt. Die Wernerin fiel ins Koma, Finger und Unterschenkel mussten amputiert werden. Dennoch ist sie heute dankbar.

Früher, sagt Stefanie Curbach (42), da sei sie „ständig in Action“ gewesen. Handball und Leichtathletik habe sie geliebt. Und auch abseits des Sports habe permanent irgendetwas auf der To-Do-Liste gestanden, das sie schnell abarbeiten musste. Wirklich zur Ruhe kommen oder zumindest mal „im Jetzt“ leben, sich auf den Moment konzentrieren, das war nicht unbedingt ihre Stärke. „Ich war eher ein ungeduldiger Mensch“, sagt die Wernerin, während sie neben ihrem Freund Thorsten Kohn (51) auf dem Sofa sitzt. Ein bisschen ungeduldig sei sie auch heute noch. Aber vieles sei nun anders als damals.

Curbachs bewegende Geschichte beginnt im April 2020. Die gelernte Erzieherin fühlt sich plötzlich krank, klagt über Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber und Halsschmerzen – Symptome, die auf eine klassische Grippe hindeuten. Oder ist es etwa doch das gefürchtete Coronavirus, das bereits für einen ersten Lockdown gesorgt und das Land lahmgelegt hat? Curbach will auf Nummer sicher gehen und lässt sich testen. Das Ergebnis: negativ. Noch mal Glück gehabt. Aber die Freude währt nur kurz.

Beide Unterschenkel mussten der 42-Jährigen amputiert werden. Inzwischen kann sie Prothesen nutzen.
Beide Unterschenkel mussten der 42-Jährigen amputiert werden. Inzwischen kann sie Prothesen nutzen. © Felix Püschner © Felix Püschner

Denn weil sich die Symptome weiter verschlimmern, sucht die Wernerin, die zu diesem Zeitpunkt noch in Hamm wohnt, ihren Hausarzt auf. Wegen ihrer starken Atembeschwerden schickt der seine Patientin direkt ins Krankenhaus. Dort wird Curbach ein zweites Mal auf das Coronavirus getestet. Erneut ist der Test negativ. Ein paar Stunden später fällt Curbach ins Koma, wird anschließend mit dem Hubschrauber in eine Klinik nach Kassel geflogen und an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Noch weiß niemand, warum sich ihr Gesundheitszustand so schnell und so drastisch verschlechtert hat.

„Du sitzt dann da und kannst nichts machen. Wir durften sie wegen der Pandemie ja noch nicht mal besuchen. Das war für uns alle schon ziemlich schlimm. Und viele Infos hat man auch nicht bekommen“, erinnert sich Thorsten Kohn. Curbach selbst kann sich an vieles nur noch bruchstückhaft erinnern. Immer wieder schaut sie während unseres Gesprächs zu ihrem Partner, um sich zu vergewissern, ob die Chronologie der Ereignisse, wie sie sie erzählt, stimmt.

„Die Ärzte hatten keine andere Wahl – sie haben mir dadurch das Leben gerettet.“

Stefanie Curbach

Als sie nach zwei Wochen aus dem Koma erwacht, ist die Ursache für ihr Leiden längst gefunden: Es handelt sich um eine Pneumokokken-Infektion. Die Auswirkungen sind dramatisch. Denn während der komatösen Phase drohten Curbachs Organe zu versagen. Die Ärzte haben lange um das Überleben der 42-Jährigen gekämpft. Und jetzt, da sie wieder wach ist, blickt sie auf die Folgen des Kampfes – auf ihre abgestorbenen Hände und Füße.

„Ich habe das gar nicht so richtig realisiert. Das war für mich alles immer noch wie in einer Traumwelt. Ich weiß noch, dass ich meine 12-jährige Tochter gesehen habe, obwohl sie gar nicht da war. Dass ich sie gerufen habe und wütend war, weil sie mich nicht gehört hat“, sagt Curbach. Außerdem kann sie sich daran erinnern, dass auf der Intensivstation neben ihr ein junges Mädchen lag, das einen Autounfall hatte und schließlich verstarb.

Curbach (43) malt gerne - auch wenn sie nur noch einen einzigen Finger hat. Eine Schreibhilfe ermöglicht es ihr, kleine Kunstwerke zu erschaffen.
Curbach (43) malt gerne – auch wenn sie nur noch einen einzigen Finger hat. Eine Schreibhilfe ermöglicht es ihr, kleine Kunstwerke zu erschaffen. © Felix Püschner © Felix Püschner

Auch Curbachs Leben hängt kurz darauf erneut am seidenen Faden. Denn nur drei Tage später fällt sie ein weiteres Mal ins Koma. Diesmal ist eine Hirnblutung der Grund – wohl eine Folge der starken Medikamente, die sie in den Wochen zuvor bekommen hat. „Aber die Ärzte hatten ja keine andere Wahl. Hätten sie mich anders behandelt, wäre ich wahrscheinlich vorher schon gestorben. Sie haben mir das Leben gerettet“, sagt Curbach.

Als sie zum zweiten Mal im Koma liegt, sind die Aussichten auf Besserung gering. Es ist der Moment, in dem Ärzte den Angehörigen sagen, dass sie nicht mehr viel machen können. In etwa so sagen sie es auch Stefanie Curbachs Mutter. Keiner rechnet mehr damit, dass die 42-Jährige wieder aufwacht. Doch ein bisschen Hoffnung ist noch da. Auch bei Kohn, der während der ganzen Leidenszeit Abend für Abend eine Kerze anzündet und betet. Bis Stefanie plötzlich wieder erwacht.

Der Kampf und die geeignete Wohnung

Was dann folgt, ist ein weiterer Kampf. Eigentlich sind es sogar mehrere. Da ist zum einen der Kampf mit dem Schicksal – als Curbach wirklich bewusst wird, dass ihr neun von zehn Fingern sowie beide Unterschenkel amputiert werden müssen. Da ist zum anderen der Kampf gegen die innere Stimme, die einem sagt, dass es nicht viel bringt, sich nun noch anzustrengen – denn es werde ja doch nichts jemals wieder so sein wie früher. Und dann gibt es noch den Kampf um ein neues Zuhause. Denn die alte Wohnung in Hamm ist für Stefanie Curbach nicht mehr geeignet.

Als das klar ist, macht Kohn sich direkt auf die Suche nach einer Alternative. Curbach zieht im Anschluss an ihre Reha in Wiesbaden im Sommer vorerst zu ihren Eltern nach Werne. Die Wohnung ist rollstuhlgerechter. Doch aus der geplanten Übergangslösung wird ein langfristiges Gastspiel. Der Grund: Die Suche nach einer passenden barrierefreien Wohnung gestaltet sich schwierig.

Auch ein halbes Jahr nach der Amputation ist noch jede Menge Übung angesagt - auch mit einer Gehhilfe.
Auch ein halbes Jahr nach der Amputation ist noch jede Menge Übung angesagt – auch mit einer Gehhilfe. © Felix Püschner © Felix Püschner

Behindertengerecht, mit Aufzug, barrierefreiem Bad und bezahlbar soll sie sein. Spätestens beim letzten Punkt muss das Paar in den allermeisten Fällen passen. Es dauert Monate, bis es fündig wird und in die engere Auswahl eines Vermieters gelangt. Auch, weil ein Werner Immobilienmakler hilft. „Herr Brutzki hat sich sehr für uns eingesetzt. Sonst hätten wir diese Wohnung jetzt wahrscheinlich nicht. Dafür sind wir ihm unendlich dankbar“, sagt Curbach und lächelt. Es habe sich wie ein verspätetes Weihnachtsgeschenk angefühlt, als sie die Wohnung in Werne zu Jahresbeginn beziehen konnten.

Auch heute, mehr als ein halbes Jahr nach den Amputationen, muss Curbach noch Schmerzmittel nehmen. Mittlerweile kann sie immerhin ihre Beinprothesen nutzen. Die Fingerprothesen soll sie im Februar erhalten. „Ich muss jetzt üben, üben, üben“, betont die Wernerin. Ein paar Dinge könne sie im Haushalt schon wieder selbst erledigen – bei anderen sei sie auf die Hilfe ihres Partners angewiesen. Das sei für sie nicht einfach, aber sie habe gelernt, damit umzugehen.

Gelernt hat sie allerdings noch etwas ganz anderes – und das scheint ihr fast noch wichtiger zu sein. „Ich sehe viele Dinge heute anders als früher. Damals war das Glas immer halbleer. Ich habe vieles schwarzgemalt, oft negativ gedacht, stand immer unter Strom, war unachtsam und wusste die alltäglichen Dinge nicht zu schätzen. All das ist jetzt anders“, sagt Curbach. Und sie sei heute in vielerlei Hinsicht dankbarer. Den Ärzten, ihrer Familie und ihrem Vermieter zum Beispiel. Und dafür, dass sie überhaupt noch am Leben ist.

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Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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