Das Jahr 2020 hat Werne einige Aufsehen erregende Gerichtsprozesse beschert. Wir blicken zurück und fassen sie zusammen. © picture alliance / dpa
Verbrechen

Missbrauch, Menschenhandel, Diebesbande – Diese Gerichtsprozesse sorgten 2020 für Aufsehen

Manche sind schockierend und dramatisch, andere einfach nur kurios. Das Jahr 2020 hat Werne mehrere Gerichtsprozesse beschert, die besonderes Aufsehen erregt haben. Wir rollen sie nochmals auf. Heute Teil 2.

Es gibt Gerichtsprozesse, da stockt einem vor Fassungslosigkeit der Atem. Bei Gewalttaten ist das häufig so – erst recht, wenn sie sich gegen Kinder richten. Prozesse mit Bezug zu Werne, in denen es um sexuellen Missbrauch ging, beschäftigten 2020 in hohem Maße die Gerichte. Ebenfalls schockierend – und dementsprechend besonders im Fokus der Öffentlichkeit: die unfassbaren Machenschaften rund um Menschenhandel im „Nagelstudio-Prozess“.

Sexueller Kindesmissbrauch: Milde Strafe für 78-jährigen Täter

Das Urteil, das das Lüner Amtsgericht Mitte Januar in einem Kindesmissbrauchs-Prozess fällte, sorgte für Empörung. Ein 78-jähriger Werner hatte gestanden, seine zwölfjährige Enkelin mehrfach sexuell missbraucht zu haben – und kam letztlich mit zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 4800 Euro für karitative Zwecke davon. Die Reaktionen – insbesondere in den sozialen Medien – reichten von Kommentaren wie „der Täter bekommt mildernde Umstände – das Kind aber nicht“ bis hin zu Forderungen wie „Da muss selbst der Richter eine Strafe bekommen bei so einem Urteil!“

Was genau war diesem Urteil vorausgegangen? Der Rentner hatte eingeräumt, seine Enkelin in mindestens vier Fällen an verbotenen Stellen gestreichelt und ihr anschließend zu verstehen gegeben haben, dass sie zu Hause nichts von den Übergriffen erzählen dürfe. Das Mädchen offenbarte sich schließlich doch seiner Mutter, die daraufhin Anzeige gegen ihren eigenen Vater erstattete und den Kontakt zu ihm abbrach Das Gericht begründete sein Urteil letztlich damit, dass der 78-Jährige seiner Enkelin durch sein Geständnis eine quälende Zeugenbefragung erspart habe. Zudem sei er bis dato straffrei durchs Leben gegangen, hieß es.

Vor dem Landgericht Münster begann im Juni der „Nagelstudio-Prozess“. Die sechs Angeklagten werden von zwölf Anwälten verteidigt.
Vor dem Landgericht Münster begann im Juni der „Nagelstudio-Prozess“. Die sechs Angeklagten werden von zwölf Anwälten verteidigt. © Matthias Münch (A) © Matthias Münch (A)

Nagelstudio-Prozess: Clankriminalität im großen Stil

Es ist ein wahrer Prozess-Marathon, der sich am Landgericht Münster abspielte. Im Mittelpunkt: ein Clan, dessen Mitglieder millionenschweren Steuerbetrug, Menschenhandel und Geldwäsche betrieben haben sollen. In mehreren Städten – darunter auch Werne und Münster – hatten die Bandenbosse unter anderem illegal Vietnamesinnen nach Deutschland eingeschleust und ausgebeutet. Bis zu 10 Stunden am Tag mussten die teils noch minderjährigen Frauen ohne Pause an sechs Tagen pro Woche unter mehr als fragwürdigen Bedingungen arbeiten. Zwei Dutzend Nagelstudios sollen auf diese Weise in Nordrhein-Westfalen betrieben worden sein.

Zum Prozessauftakt im Juni benötigte die Staatsanwaltschaft knapp zwei Stunden, um die 64-seitige Anklageschrift zu verlesen. Von Clankriminalität im großen Stil ist die Rede. Als Drahtzieher galten demnach zwei Brüder, die auch die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Den Finanzämtern sollen die Angeklagten 1,5 Millionen Euro vorenthalten haben. Aufgeflogen war die Bande im Jahr 2019. Die Urteile: Drei Jahre und drei Monate bzw. zwei Jahre und neun Monate gegen die beiden 55 und 48 Jahre alten Chefs des vietnamesischen Nagelstudio-Clans. Die 38-jährige Nichte der beiden Brüder bekam eine Strafe von zwei Jahren und acht Monaten.

Die Krankenschwester aus Werne konnte nach dem Urteil aufatmen. Es gab eine Bewährungs-Strafe.
Die Krankenschwester aus Werne konnte nach dem Urteil aufatmen. Es gab eine Bewährungs-Strafe. © Martin von Braunschweig (A) © Martin von Braunschweig (A)

Anklage wegen Körperverletzung: Bewährung für Krankenschwester

Eine Krankenschwester aus Werne musste sich im September vor dem Dortmunder Landgericht verantworten. Gegen die 39-Jährige war Anklage wegen Körperverletzung erhoben worden. Die Wernerin hatte einer herzkranken Patientin während ihrer Nachtschicht im St.-Marien-Hospital in Hamm ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht – und das hätte im schlimmsten Fall tödliche Folgen haben können. Bereits am ersten Verhandlungstag legte die Wernerin ein Geständnis ab: Ja, sie habe der Seniorin ohne ärztliche Genehmigung das Medikament verabreicht – weil sie sich in ihrer Überforderungen nicht mehr anders zu helfen gewusst habe.

Auf der Überwachungsstation sei sie in ihrer Nachtschicht alleine für neun Patienten verantwortlich gewesen. Die herzkranke Seniorin sei plötzlich immer unruhiger geworden. Die Zeit, den diensthabenden Arzt zu informieren, habe gefehlt. Die Richterin sah das ähnlich und sprach in ihrer Urteilsbegründung von einem „Augenblicksversagen“. Die Verantwortung sei für die Wernerin zu groß gewesen. Man habe es hier sicherlich nicht „mit einem Racheengel zu tun, der wahllos Medikamente an wehrlose Patienten verteilt“, so die Richterin. Kollegen der Krankenschwester hatten zwar schon im Vorfeld dieses Einzelfalls einen Verdacht geäußert – dennoch lautete das Urteil letztlich: Eine Haftstrafe von drei Monaten auf Bewährung.

Die Angeklagten der „Geldtransporter-Bande“ am Essener Landgericht kurz vor Verhandlungsbeginn.
Die Angeklagten der „Geldtransporter-Bande“ am Essener Landgericht kurz vor Verhandlungsbeginn. © Werner von Braunschweig (A) © Werner von Braunschweig (A)

Geldtransporter-Bande: Diebe erbeuten Beträge in Millionenhöhe

Sie träumten von einem Leben in Luxus – inklusive teurer Autos, Goldbarren und Traumurlauben. Am Ende jedoch standen für die Mitglieder der sogenannten Geldtransporter-Bande langjährige Haftstrafen bis zu zwölf Jahren. Dabei gelang ihnen ihr spektakulärster Coup in Gronau. Vier der insgesamt sieben Angeklagten erbeuteten aus einem Supermarkt 1,8 Millionen Euro, nachdem sie einen Lieferwagen umlackiert und mit Magnetfolie in einen Geldtransporter eines Wachschutz-Unternehmens verwandelt hatten. Als Wachdienstmitarbeiter verkleidet spazierten sie mit ihrer Beute quasi in aller Seelenruhe aus dem Laden und machten sich aus dem Staub. Erst, als kurz darauf der echte Geldtransporter auftauchte, fiel der Schwindel auf.

Aber auch in Dortmund und Werne schlugen die Diebe zu. Schon im November 2016 entwendeten sie aus einem Geldtransporter in Dortmund knapp eine halbe Million Euro, im Juni 2017 dann rund 250.000 Euro aus einem Geldautomaten der Postbank in Werne. Dabei machten sie sich eine Sicherheitslücke zunutze. Der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma hatte die Täter sowohl mit Nachschlüsseln als auch mit Sicherheitscodes versorgt. Ebenfalls Gegenstand des Prozesses: Brutale Raubüberfälle wie der in Mönchengladbach, bei dem einer der Täter einer Frau zugeraunt haben soll: „Dein Schmuck ist versichert, dein Leben nicht!“

Hier geht‘s zur Übersicht aller Gerichtsprozesse mit Werner Beteiligung.

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Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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