Angst vorm Selbstmord fährt immer mit: „Die Frage ist nicht, ob es passiert, sondern wann“

dzLokführer bei der Eurobahn

Suizid auf den Gleisen: Jeder Lokführer erlebt durchschnittlich drei Selbstmorde im Berufsleben. „Die Frage ist nicht ob es passiert, sondern wann“, sagt ein Lokführer, der auf der RB50 fährt.

Werne, Lünen, Ascheberg, Capelle

, 02.09.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

So schnell es geht von A nach B kommen. Und das vor allem sicher. Das wollen die Pendler, die täglich mit der Eurobahn zwischen Münster und Dortmund fahren. Doch nicht immer läuft es auf der RB50-Linie problemlos. Das kann viele Hintergründe haben.

Im schlimmsten Fall ist ein Personenschaden - also in den meisten Fällen ein Suizid - der Grund für Zugausfälle oder Verspätungen. Was für viele Mitreisende in dem betroffenen Zug ein Schock bedeutet, ist für die Lokführer auch schwer zu verarbeiten. Für manche Lokführer bedeutet es sogar das Berufsende.

Die Ungewissheit fährt jeden Tag mit

Drei Mal in einem Berufsleben sind Betriebswagenführer, sprich Lokführer, von einem Suizid vor dem eigenen Zug betroffen. Sagt die Statistik. Die Angst, dass es passiert, fährt jeden Tag mit.

Bei Michael Stuck (55), der seit rund zehn Jahren als Lokführer bei Keolis tätig ist, ist es weniger die Angst, eher die Ungewissheit, die ihn beschäftigt. „Die Frage ist nicht, ob es passiert, sondern wann“, sagt der Münsteraner.

„Das geht an die Nieren.“
Michael Stuck, Lokführer

Er selbst hat einen Suizid vor seinem Zug bereits zwei Mal erlebt. Und laut Statistik ist es nicht das letzte Mal. Beim ersten Mal überrollt er die Person, die bereits zuvor tödlich verletzt wird, noch einmal. Dass ein Mensch stirbt, weil er sich vor den Zug geschmissen hat, den Michael Stuck steuert, ist einmal passiert. Im August 2015 am Bahnhof in Werne.

„Das geht an die Nieren“, sagt Michael Stuck. Er erinnert sich gut an die Situation, die lange nicht aus seinem Kopf verschwinden will: Plötzlich gibt es einen Knall. Michael Stuck macht eine Notbremsung. Nach 700 bis 1000 Metern kommt das Fahrzeug zum Stehen. Erst Minuten später sieht Michael Stuck den Mann am Gleis liegen.

Angst vorm Selbstmord fährt immer mit: „Die Frage ist nicht, ob es passiert, sondern wann“

Michael Stuck schaut aus dem Führerstand einer Eurobahn. © Andrea Wellerdiek

Man muss funktionieren

„In diesem Moment muss man funktionieren“, sagt Michael Stuck heute. Professionell erledigt er die Aufgaben, die in solchen Fällen eben erledigt werden müssen. Notarzt rufen. Nothaltauftrag rausgeben. Fahrdienstleiter informieren. „Und dann wartet man auf die Dinge, die dann passieren“, erklärt der 55-Jährige.

Während Polizei und Rettungsdienst am Unfallort sind, verlässt Michael Stuck den Führerstand. „Wenn man sitzen bleiben würde, wäre es furchtbar“, sagt er.

„Eigentlich will das keiner. Doch einige sehen keinen anderen Ausweg mehr.“
Michael Stuck, Lokführer

Er geht durch den Zug, sucht das Gespräch mit den Fahrgästen, die genauso wie der Lokführer unter Schock stehen. „Es ist gut, wenn man sich um die Menschen kümmern kann, um sich selbst abzulenken.“ Hier kann er etwas tun. Den Suizid hingegen kann er nicht verhindern.

Diese Handlungsunfähigkeit macht ihm zu schaffen, erzählt Stuck, der lange auch im Rettungsdienst tätig war. In dieser Zeit hat der Münsteraner den Umgang mit Selbstmorden gelernt. „Eigentlich will das keiner. Doch einige sehen keinen anderen Ausweg mehr“, erklärt Michael Stuck.

Jeder Betroffene geht anders mit der Situation um

Einen anderen Ansatz im Umgang mit einem Suizid hat er nun als Lokführer in der psychologischen Betreuungsstelle, die in Deutschland für Lokführer eingerichtet ist, erfahren. „Da geht es um den Grundgedanken: Er wollte es so. Ich selber bin nicht schuld daran“, erzählt Michael Stuck.

Jeder Betroffene geht anders mit der Ausnahmesituation um. Klar ist, dass jeder Lokführer sich so viel Zeit nehmen kann, wie er möchte, bis er wieder einen Zug steuert, betont Frauke Engel, Projektmanagerin beim Eurobahn-Betreiber Keolis.

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Anonymität bleibt nicht immer gewahrt

Bei Michael Stuck hat es drei Wochen gedauert. Einige Kollegen kehren nie wieder in den Führerstand zurück. Michael Stuck ist es bei der Verarbeitung wichtig, dass der Suizid anonym bleibt. Dass er nicht weiß, warum der Mensch keinen anderen Ausweg fand.

Bei dem Suizid in Werne war das anders. Schnell bekam Michael Stuck Gespräche darüber mit. Nun weiß er doch, wieso sich der Mann in Werne vor den Zug geworfen hat.

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