Unglaubliche Eindrücke: Johannes Laurenz und weitere Helfer aus Werne sind derzeit in der Krisenregion an der Ahr im Einsatz. Was sie dort erleben, ist erschreckend und erbärmlich zugleich. © Johannes Laurenz
Mit Video: Hilfsaktion an der Ahr

Landwirt aus Werne im Unwetter-Krisengebiet: „Man kann nur heulen – auch als Kerl“

Johannes Laurenz und andere Helfer aus Werne sind in der Ahr-Region im Einsatz, um nach dem Hochwasser Unterstützung zu leisten. Was sie dort erleben, ist erschreckend und unmenschlich zugleich.

Einsatz in der Krisenregion: Einen Tag nach der Ankunft in der Ahr-Region versucht Landwirt Johannes Laurenz das, was er dort erlebt und gesehen hat, irgendwie in Worte zu fassen: „Man kommt hier an und kann einfach nur heulen – auch als Kerl. Dann geht man abends irgendwann ins Bett und kann wieder nur heulen, bis man einschläft. Es ist der Horror“. Mittlerweile seien alle Leichen geborgen worden. „Hoffentlich waren es alle“, sagt der Werner.

Gemeinsam mit etwa 15 Helfern hat er sich am Sonntag (18. Juli) auf den Weg in die von dem Hochwasser arg gebeutelte Stadt Dernau an der Ahr gemacht. Unter anderem in Kooperation mit dem Maschinen-Verleih Hönnemann hat der Landwirt kurzerhand eine Hilfsorganisation auf die Beine gestellt: Neben schwerem Gerät hatten die Helfer auch Lebensmittel und Hygieneartikel mit im Gepäck.

Werner Helfer erleben Unglaubliches im Krisengebiet

Was die Helfer in Dernau an der Ahr dann erwartet, hätten sie nicht für möglich gehalten. „Es sieht aus wie ein Kriegsgebiet“, sagt Laurenz, nachdem er bereits mehr als 24 Stunden vor Ort war. Und es ist chaotisch. „Es ist nichts organisiert. Das ist das Behörden-Versagen schlechthin. Es gibt keine richtigen Kompetenzen“, kritisiert er. Einzig die Kommunikation mit den Einsatzkräften von Bundeswehr und Feuerwehr würde funktionieren, schildert Johannes Laurenz.

Behördenmitarbeiter würden sich eher gegenseitig im Weg stehen. „Ohne die Landwirte und Helfer aus dem Landschaftsbau, die mit großen Maschinen hierhin gefahren sind, würden die großen Straßen immer noch nicht frei sein“, glaubt Laurenz. Umso verärgerter seien einige seiner Kollegen gewesen, als sie nach getaner Arbeit weggeschickt worden seien von Mitarbeitern der Behörden vor Ort. „Da hieß es dann: ‚Wir machen das jetzt‘. Da sind Landwirte mit Tränen in den Augen wieder weggefahren. Das ist eine unmenschliche Undankbarkeit und nur zum Kotzen“, sagt Laurenz wütend.

Landwirt ist von Bürgermeister Christ enttäuscht

Auch von der Stadt Werne ist er arg enttäuscht. Er habe über einen städtischen Mitarbeiter eine Anfrage gestellt, ob auch der städtische Bauhof mit Maschinen aushelfen könnte im Krisengebiet. „Da habe ich dann eine WhatsApp bekommen, dass ich mich doch bitte mit einer E-Mail an das Bürgermeisterbüro wenden soll. Anstatt dass Lothar Christ in seinem Urlaub sein Handy in die Hand nimmt, soll ich eine E-Mail schreiben. Ich habe Besseres zu tun, als eine E-Mail zu schreiben. Wir sind dabei, Menschenleben zu retten, ihre Existenzen zu retten und ihnen das letzte Leid zu nehmen“, kritisiert Johannes Laurenz. Von dem Bürgermeister habe er deutlich mehr erwartet. „Das ist eine bodenlose Frechheit. Das geht gar nicht, dass von ihm nichts kommt, wo ich hier alles organisiert habe.“

Johannes Laurenz (2.v.r.) hat die Hilfe aus Werne organisiert. 16 Helfer waren es am Sonntag aus der Lippestadt. Sie alle sind an ihre Belastungsgrenze gegangen, um in der Unwetter-Region zu helfen.
Johannes Laurenz (2.v.r.) hat die Hilfe aus Werne organisiert. 16 Helfer waren es am Sonntag aus der Lippestadt. Sie alle sind an ihre Belastungsgrenze gegangen, um in der Unwetter-Region zu helfen. © Johannes Laurenz © Johannes Laurenz

Aus dem Bürgermeisterbüro heißt es, dass es besser gewesen wäre, sich per E-Mail zu melden, um genau zu wissen, welche Geräte benötigt werden. „Bis jetzt haben wir aber keine E-Mail vorliegen. Ansonsten hätten wir auf jeden Fall geprüft, ob wir helfen können“, erklärt Alexander Meinhardt, Referent des Bürgermeisters. Er machte deutlich, dass es keine direkte Korrespondenz zwischen Johannes Laurenz und Bürgermeister Christ, der sich gerade im Urlaub befindet, gegeben hätte. Die Anfrage sei stattdessen im Büro von Werne Marketing eingegangen. Hier habe man Johannes Laurenz darum gebeten, sich per E-Mail an das Bürgermeisterbüro zu wenden, bestätigt Meinhardt.

Im Krisengebiet selbst organisieren sich die Werner und Helfer aus anderen Regionen selbst. „Wir schauen, wo Anwohner an den Straßen stehen und helfen, wo es geht“, erzählt Johannes Laurenz. Er berichtet auch von unglaublichen Szenen. „Hier gibt es Plünderer. Da geben sich Personen als Statiker aus und sagen, dass sie alleine ins Gebäude gehen müssen. Dann suchen sie in den Schlafzimmern nach Schmuck.“

Auch mit diesen erbärmlichen Eindrücken kehrt Johannes Laurenz bald wieder zurück nach Werne. Der Landwirt ist wohl zunächst noch bis Dienstag (20. Juli) im Einsatz. „Der Akku ist einfach leer. Wir fahren erstmal nach Hause und tanken wieder Energie auf. Dann fahren wir wieder hin“, sagt Laurenz, der nicht nur an seine physische Belastungsgrenze gegangen ist. Er weiß nun genau, was die Betroffenen der schweren Unwetter-Katastrophe besonders benötigen.

Das Hochwasser in Dernau an der Ahr hat seine Spuren hinterlassen. Johannes Laurenz, der vor Ort bei den Aufräumarbeiten geholfen hat, hätte sich für seine Hilf-Aktion mehr Unterstützung von Wernes Bürgermeister Lothar Christ gewünscht.
Das Hochwasser in Dernau an der Ahr hat seine Spuren hinterlassen. Johannes Laurenz, der vor Ort bei den Aufräumarbeiten geholfen hat, hätte sich für seine Hilf-Aktion mehr Unterstützung von Wernes Bürgermeister Lothar Christ gewünscht. © Johannes Laurenz © Johannes Laurenz

„Schrubber, Wischer, Gummiflitschen, Besen, Stromaggregate, Heizlüfter und Hochdruckreiniger, die autark funktionieren. Denn hier gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser.“ Und sie brauchen weitere Unterstützung. „Die Leute können mit Besen und Wischer hierhin kommen und den Leuten einfach dabei helfen, ihre Häuser wieder freizubekommen. Teilweise steht hier bis in die dritte Etage alles unter Wasser.“

Viele Häuser sind zerstört. Die Landwirte sind durch die Straßen gefahren und haben den Anwohnern bei den Aufräumarbeiten geholfen.
Viele Häuser sind zerstört. Die Landwirte sind durch die Straßen gefahren und haben den Anwohnern bei den Aufräumarbeiten geholfen. © Johannes Laurenz © Johannes Laurenz

Wer noch aus Werne und Umgebung Materialien spenden möchte, kann dies direkt am Hof Schulze Blasum (Blasum 1) tun. Johannes Laurenz gibt dabei noch folgenden Hinweis: „Die Leute dort brauchen keine Sachspenden, keine Kleidung und kein Essen. Das steht palettenweise an den Straßen.“ Schon bald will er sich wieder mit Helfern und Spenden in die Krisenregion an der Ahr aufmachen. Für den nächsten Einsatz.

Über die Autorin
Redaktion Werne
Studium der Sportwissenschaft. Nach dem Volontariat bei Lensing Media zunächst verantwortlich für die digitale Sonntagszeitung, nun in der Lokalredaktion Werne der Ruhr Nachrichten.
Zur Autorenseite
Andrea Wellerdiek

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.