Nach Anklage wegen Körperverletzung: Milde Strafe für Krankenschwester aus Werne

dzUrteil in Dortmund

Eine Nachtschwester aus Werne hat einer herzkranken Patientin eigenmächtig ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht. In Dortmund trifft sie auf milde Richter.

Werne, Dortmund

, 17.09.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Während ihrer Nachtschicht im St.-Marien-Hospital in Hamm hat eine Krankenschwester (39) aus Werne einer herzkranken Patientin ohne ärztliche Genehmigung ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht. Die Staatsanwaltschaft hatte die Frau deshalb wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Die Pflegekraft hätte nach Ansicht der Behörde wissen müssen, dass die Medikamentengabe im schlimmsten Fall tödliche Folgen hätte haben können.

Geständnis zu Prozessbeginn

Im Prozess vor dem Dortmunder Landgericht legte die Wernerin bereits am ersten Verhandlungstag ein umfassendes Geständnis ab. „Ich wusste mir in meiner Überforderung nicht anders zu helfen“, sagte sie.

Sie sei während der Nachtschicht auf ihrer speziellen Überwachungsstation alleine für neun Patienten verantwortlich gewesen. Als die herzkranke Seniorin auf einmal immer unruhiger geworden sei, sei keine Zeit mehr gewesen, den diensthabenden Arzt zu informieren.

Schon unmittelbar nach dem Geständnis hatte die Strafkammer der Angeklagten eine milde Strafe in Aussicht gestellt. Und an diese Zusage hielten sich die Richter am Mittwoch, 16. September.

Die Krankenschwester wurde zu einer Haftstrafe von drei Monaten verurteilt, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wird. Eine Geldbuße, wie von der Staatsanwaltschaft beantragt, muss die 39-Jährige auch nicht zahlen. Sie konnte erleichtert aufatmen.

Keine Geldbuße

Aus Sicht der Richter handelte es sich bei dem Vorfall von Oktober 2018 um ein „Augenblicksversagen“. Die Klinik habe der Krankenschwester eine viel zu große Verantwortung aufgebürdet, hieß es in der Urteilsbegründung. Die personelle Situation im St.-Marien-Hospital sei seinerzeit „auf Kante genäht gewesen“, so die Vorsitzende Richterin Kerstin Paschke.

Weiter sagte sie: „Ich kann verstehen, dass dieser Fall große öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Aber wir haben es hier ganz sicher nicht mit einem Racheengel zu tun, der wahllos Medikamente an wehrlose Patienten verteilt.“

Kritik vom Psychiater

Nach Ansicht von Psychiater Karl Beine aus Hamm hätte die Tat dennoch eine intensivere Aufklärung verdient gehabt. Immerhin hatte der stellvertretende Stationsleiter den Richtern erzählt, dass Kollegen schon vorher einen Verdacht gegen die Werner Krankenschwester geäußert hätten. Immer, wenn sie Nachtschicht gehabt habe, würden die Patienten am nächsten Morgen besonders tief und lange schlafen.

Beine sagte dazu am Rande des Prozesses: „Das ging mir hier dann doch alles ziemlich schnell.“ Möglicherweise sei der Angeklagten eben doch keine einzelne Tat aus Überforderung, sondern ein systematisches Ruhigstellen von Patienten vorzuwerfen.

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