Gertrud Tengowski (71) leidet an der Lungenkrankheit COPD. Noch ist die Wernerin nicht geimpft. © Felix Püschner (Archiv)

Kranke Wernerin zu Impf-Neid: „Ich würde auf neue Freiheiten verzichten“

Impfpriorisierung, Privilegien, Neid, mangelnde Solidarität - das Impftheater hat in den vergangenen Tagen dramatische Züge angenommen. Eine schwerkranke Wernerin überrascht mit ihrem Statement.

Die Diskussionen um mögliche Lockerungen für Geimpfte gehen weiter. Nachdem der jüngste „Impfgipfel“ der Politik auf Bundesebene keine wirkliche Klarheit darüber brachte, ob und inwiefern gegen das Coronavirus geimpfte Personen genauso behandelt werden sollen wie negativ Getestete, haben einige Bundesländer bereits ihre eigenen Beschlüsse gefasst.

In Bayern beispielsweise müssen vollständig Geimpfte keine negativen Tests mehr beim Friseurbesuch vorlegen. Die Grundstimmung ist dennoch angespannt: Ist es unsolidarisch, wenn Geimpften vermeintliche „Privilegien“ eingeräumt werden? Wie sehr vermag ein möglicher „Impf-Neid“ die Gesellschaft zu spalten? Und wie sinnvoll ist es, die Impfpriorisierung aufzuheben?

Wernerin hat Verständnis für Unmut der Jüngeren

„Es ist einfach nicht gerecht. Ich kann verstehen, dass sich die jüngeren Leute beschweren, weil sie länger auf ihre Impfung warten müssen. Die legen schließlich die meisten Wege zurück, um den Älteren und Kranken zu helfen“, sagt Gertrud Tengowksi (71). Sobald sie selbst durchgeimpft sei – was voraussichtlich Mitte Juni der Fall sein wird -, wolle sie auch auf ihre möglichen neuen Freiheiten verzichten. Etwa auf die Lockerung der Kontaktsperre. Um ein Zeichen der Solidarität zu setzen.

Was diese Aussagen so besonders macht, sind die Lebensumstände der 71-Jährigen. Immer wieder muss Tengowski stark husten, als wir am Telefon mit ihr sprechen. „Einen Moment bitte, jetzt muss ich mal eben nach meiner Sauerstoffflasche schauen“, sagt die an der Lungenkrankheit COPD leidende Wernerin. Dann klingelt es an der Tür. Eine Pflegedienst-Mitarbeiterin kommt herein. Die Thrombosestrümpfe müssen gewechselt werden. Nach knapp drei Minuten ist die freundliche Dame wieder weg.

„Außer ihr sehe ich nur meinen Sohn und seine Freundin. Das geht jetzt schon seit einem Jahr so“, sagt Tengowski. In dieser Zeit habe sie oft am Fenster gesessen und aufs Feld hinausgeschaut, sich ab und zu mit einer früheren Nachbarin via Skype ausgetauscht oder mit einer Freundin telefoniert, die im Seniorenzentrum Antonius lebt.

Inzwischen tut sie das allerdings nicht mehr allzu oft. Denn die Freundin sei so einsam, dass sie ständig weine: „Das zieht mich zu sehr runter. Am liebsten würde ich sie besuchen. Aber es geht ja nicht. Und ich bin ein kontaktfreudiger Mensch. Wenn man dann nirgendwo hin kann, macht einen das verrückt.“

Die Treffen des Frauenkreises der Evangelischen Kirche fehlen ihr. Genauso wie das Kaffeetrinken mit Freunden. Doch die Angst, sich als Vorerkrankte mit dem Virus zu infizieren, fesselt die 71-Jährige geradezu an ihre Wohnung. Das Geburtstagsständchen gaben Schwester und Schwager im vergangenen Monat auf Sicherheitsabstand im Treppenhaus. Andere Freunde kommen nicht vorbei: „Die sind alle noch nicht geimpft. Sie machen sich Sorge, dass sie das Virus hier reinschleppen“, erklärt Tengowski.

Probleme mit dem eigenen Impftermin

Und dann gibt es da ja noch die Sache mit der bevorstehenden Impfung. Weil ihr Hausarzt nicht genügend Dosen erhalten habe, habe sie einen Termin im Impfzentrum in Unna vereinbart. „Aber wie ich da mit meinem Sauerstoffgerät hinkommen soll, weiß ich noch nicht. Das Taxi-Unternehmen, bei dem ich angefragt habe, wollte für die Fahrt 120 Euro haben. Das ist für mich einfach zu teuer. Mal schauen. Irgendwie wird es schon klappen.“

Dennoch bleibt sie bei ihrer Meinung. In dem Wissen, dass dies nur schwerlich umzusetzen ist, sagt Tengowksi: „Am besten wäre es natürlich, wenn man alle Menschen gleichzeitig impfen könnte. Dann gäbe es auch keinen Grund, neidisch zu sein.“ Bis dahin gelte es weiterzumachen, den Kopf nicht hängen zu lassen und verständnisvoll miteinander umzugehen. Und womöglich ein Zeichen zu setzen, indem man auf seine neuen Freiheiten verzichtet.

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Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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