Kaum noch Kiebitze zu sehen: „Wir dokumentieren den Untergang dieser Art“, so ein Experte

dzVogelbeobachtungen

Im Sinkflug befindet sich der Bestand von Kiebitzen in Werne. Immer weniger der taubegroßen Vögel sind im Kreisgebiet zu sehen. Irgendwann verschwindet die Art vollends, so ein Experte.

Werne

, 13.05.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Sorgen werden immer alarmierender. Immer weniger Kiebitze sind in Werne und im gesamtem Kreisgebiet zu sehen. Wenn sich Klaus Nowack die Zahlen der aktuellen Vogelbeobachtungen von der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Kreis Unna anschaut, ist er schockiert. „Wir sehen einen dramatischen Rückgang von Kiebitzen. Eigentlich dokumentieren wir den Untergang dieser Art“, sagt der Ornithologe aus Werne.

Klaus Nowack beteiligt sich schon seit Jahren an Vogelbeobachtungen in Werne. Dabei macht der Ornithologe bei der Erhebung von Kiebitzen einen drastischen Rückgang aus. Dabei zählt er die Brutpaare.

Nur noch 40 Kiebitzpaare gesichtet

Etwa 40 Paare hat er bei der jüngsten Erhebung vor drei Wochen gezählt. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren seien es noch 60 gewesen, erzählt Nowack. Und in Relation zu der Fläche von Werne sei das eigentlich ein Witz. Allerdings könne man überhaupt froh sein, noch eine solche Anzahl zu haben.

In Selm oder Fröndenberg seien gar keine Kiebitze mehr gesichtet worden, so Nowack. „Das ist zum Haare raufen. Wenn das so weitergeht und sich nichts ändert, dann stirbt der Kiebitz bald aus“, warnt der Ornithologe, der schon seit Jahren einen drastischen Rückgang dieser Vogelart sieht.

Ein Bild aus dem Jahr 2014: Ein Kiebitz sucht sich auf einem Feld in Werne eine Brutmulde - am liebsten auf braunem Boden.

Ein Bild aus dem Jahr 2014: Ein Kiebitz sucht sich auf einem Feld in Werne eine Brutmulde - am liebsten auf braunem Boden. © Klaus Nowack (A)

In Konflikt mit der Landwirtschaft

Dass der Kiebitz bedroht ist, liegt an seinem natürlichen Lebensraum. Er bevorzugt grünes, feuchtes Land. Weil diese Flächen aber immer mehr abnehmen, verlegen die Vögel ihren Brutplatz auf Äcker. Und diese werden von den Landwirten, die teilweise unter enormem wirtschaftlichen Druck stehen, bestellt. „Das ist ein Konflikt, der da auf beiden Seiten entsteht“, sagt Nowack, der Verständnis für die Belange der Landwirte zeigt. Um das Problem beiderseitig zu lösen, sieht Nowack den sogenannten Vertragsnaturschutz deshalb als einzige Möglichkeit.

Dabei verzichtet der Landwirt auf Ackerfläche und richtet dort eine Schutzzone zum Brüten der Vögel ein. Für den daraus resultierenden Ertragsverlust bekommt der Landwirt von der Landesregierung eine finanzielle Entschädigung.

Laut NRW-Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Verbraucherschutz zahlt das Land für die Kiebitz-gerechte Einsaat von Ackerflächen einen Ausgleichsbetrag von jährlich 1250 Euro pro Hektar. Für das Einhalten einer gut achtwöchigen Schonzeit auf Maisäckern gibt es 440 Euro pro Hektar jährlich. Der Ausgleich müsste höher sein, glaubt Ornithologe Klaus Nowack, „damit ein Anreiz für viele Landwirte geschaffen wird“.

Land zahlt Ausgleich für Ertragsverluste

Robert Schulze Kalthoff, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins, erklärt, dass die Beträge angemessen seien. Der von Landwirten und Land ausgehandelte und für fünf Jahre geltende Ausgleich sei fair, um mögliche Ertragsverluste auszugleichen.

Einige Landwirte aus Werne nehmen laut Schulze Kalthoff bereits an dem Kiebitz-Programm teil. „Es ist lukrativ und handelbar für Landwirte, die weniger Vieh und viel Fläche haben“, sagt er. Denn wer seinen Acker nicht bestellt, verzichtet gleichzeitig auch auf Futtermittel. Es sei aber schließlich immer eine wirtschaftliche Frage, ob ein Landwirt einen Teil seiner Fläche liegen lässt und so Platz für Kiebitze macht.

Kiebitze in den Rieselfeldern

Die Kiebitze lassen sich aus ihrem eigentlichen Lebensumfeld nicht einfach umsiedeln. Zum Teil hat sich der Vogel aber selbst nach geeigneten Brutplätzen umgesehen. In Werne habe er vereinzelt Kiebitze in den Rieselfeldern gesehen, erzählt Nowack.

Sie seien mit dem feuchten Boden ein perfekter Ort für den Kiebitz. Die ersten Brutversuche von zwei bis drei Paaren seien aber nur eine kleine Hoffnung, so Nowack. „Das ist aber immer noch besser als gar keine Paare.“

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