Manfred Smulka hat Jahrzehnte als Ingenieur gearbeitet und sich dabei auch um die Lippe und die Entwässerung in der Stadt Werne gekümmert. © Eva-Maria Spiller
Lippe-Renaturierung

Ingenieur kritisiert Lippe-Umbau: „Leute müssten eigentlich auf die Barrikaden gehen“

Die Lippe soll ab 2023 in Werne und Lünen in einem ersten Schritt renaturiert werden. Aber der Lippeverband mache sich zu wenige Gedanken um die Konsequenzen, kritisiert ein pensionierter Ingenieur.

Der Lippeverband will die Lippe in Werne und Lünen ab Mitte 2023 renaturieren. Ab dann soll die Lippe zwischen Rochuskapelle und Lippeaue-Wehr nicht nur um eine 1,2 Kilometer lange Schleife verlängert werden, auf Höhe der Rochuskapelle soll außerdem die Flusssohle angehoben werden. Durch die Verbreiterung der Lippe soll der Fluss außerdem mehr Platz haben, sich auszubreiten. Das Ziel: ein natürliches Biotop für Flora und Fauna zu schaffen und Starkregenereignisse abzufedern.

Doch mit den Plänen des Lippeverbandes hat einer so seine Probleme: Manfred Smulka (92) hat jahrzehntelang als eigenständiger Ingenieur beratend unter anderem für die Entwässerung der Stadt Werne und mit dem Lippeverband zusammen gearbeitet. Er fordert: Die Lippe soll sich so ausbreiten, wie sie es will, ohne menschlichen Eingriff. In Beckinghausen etwa solle man seiner Meinung nach die Wehrklappen hoch ziehen und „schlicht und einfach die Erfahrungen sammeln: Was macht der Fluss, ohne dass man eingreift?“, so Smulka.

„Der Lippeverband müsste den Urzustand wiederherstellen“

„Der Lippeverband müsste im Grunde genommen den Urzustand wiederherstellen.“ Smulkas Ansicht nach könne die „Schlagt“ als Wehr ersatzlos abgebaut werden. „Die Aue ist von Natur aus das Hochwasserüberschwemmungsgebiet, aber auch Abflussprofil. Das wird nicht ausreichend berücksichtigt“, findet der Pensionär. Sorgen macht er sich auch, weil die Aue in Hamm noch einige Kilometer breit sei, in Werne und Rünthe dann nur noch einen Kilometer. Und in Beckinghausen dann nur noch 300 Meter. Und gerade hier sei über ein neues, festes Wehr nachgedacht worden. „Das sind unendlich viele Dinge, die da eine nicht zu übersehende Bedeutung haben“, so Smulka. Auf den rund 20 Kilometern zwischen Hamm und Beckinghausen verliere die Lippe gerade einmal 4 Meter an Höhe.

„Hochwasser verändert die Lippe“, so der Ingenieur. Schlammbrühe, die feines Material mit sich trage, könne ohne Problem transportiert werden – „Solange sich das Wasser bewegt“. Doch wenn das Wasser zur Ruhe komme, setze sich das „feine Zeug“ ab. Im Laufe der Jahrtausende wachse das zu einem beachtlichen Maß. „Das hat man bis heute nicht kapiert, obwohl es eigentlich einleuchtend ist“, so Smulka. So sei etwa ein Feld der bisher dreifeldrigen Lippebrücke „total zusedimentiert“ worden. Das Feld sei nur noch „bei höchstem Hochwasser überflutet worden“, so Smulka. „Man versucht, auf verschiedene Weise Wasser zu stauen. Das ist ein Verhängnis.“

Smulka: „Jeden Zentimeter steigen die Pumpkosten“

Vor der Rünthener Brücke, die 60 Meter über die Lippe führt, werde sich das Hochwasser bis zu einem halben Meter stauen, ist sich Smulka sicher. Auch Vorfluten, also ein vorhandenes oder künstliches Gefälle, das drohenden Überschwemmungen entgegenwirke, würden zu wenig mitbedacht. „Die Vorflut ist so stark gestiegen, da muss gepumpt werden. Jeden Zentimeter, den der Lippwasserstand ansteigt, steigen die Pumpkosten. Das muss jeder bezahlen. Das ist ein so ungeheuer wichtiges Kapitel, dass die Leute eigentlich auf die Barrikaden gehen müssten“, so Smulka.

Durch die Pläne des Lippeverbandes sollen die Rieselfelder außerdem nicht mehr alle 1,5 Jahre, sondern zeitweise mehrmals im Jahr überflutet werden. Deshalb soll dort ein wechselfeuchtes Biotop angelegt werden, erklärte Jochen Bauer am 26. Mai 2020 im Ausschuss für Stadtentwicklung. Manfred Smulka aber fürchtet vor allem um eines: dass den Bürgerinnen und Bürgern ein Ort zur Naherholung genommen wird. „Die Lippeaue wird über 100 Tage im Jahr zerstört, das kann doch nicht wahr sein.“ Der Kreis, der im Grunde ein Netz der Erholungswege betreibe, habe keine Chance, sich gegen den Lippeverband durchzusetzen.

Über die Autorin
Redakteurin
Gebürtige Münsterländerin, seit April 2018 Redakteurin bei den Ruhr Nachrichten, von 2016 bis 2018 Volontärin bei Lensing Media. Studierte Sprachwissenschaften, Politik und Journalistik an der TU Dortmund und Entwicklungspolitik an der Philipps-Universität Marburg. Zuletzt arbeitete sie beim Online-Magazin Digital Development Debates.
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Eva-Maria Spiller

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