Führung auf den Christophorus-Turm

WERNE Der Glockenturm der St. Christophorus Gemeinde birgt so manches Geheimnis. Doch nicht Jedem ist es erlaubt, die verwinkelte Treppe hinauf zu steigen. Glück hat derjenige, der von Küster Willi Bülhoff geführt wird.

von von Daniel Claeßen

, 19.07.2008, 08:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vor der ersten Kletterpartie – eine 58 Stufen zählende, steile Wendeltreppe von einem Meter Breite, sind sich die rund 30 Teilnehmer unschlüssig. „Die Jacke ausziehen?“, fragt eine Frau. Willi Lülf, Vorsitzender des Heimatvereins, der die Tour organisiert, nickt: „Oben ist es warm, glauben sie mir.“ Im Gegensatz zu Lülf ist es für einige Teilnehmer der erste Gang zu den Glocken von St. Christophorus. Am Ende der Wendeltreppe erwartet sie zunächst jedoch ein dunkler Saal, der in schummrigem Licht einiger Glühlampen den Blick auf die Kirchengewölbe freigibt. „Wir befinden uns in knapp 14 Metern Höhe“, informiert Bülhoff die Gruppe. „Die Eichenbalken stammen allesamt noch aus der Bauzeit. Die halten ewig.“ 

Wie eine Schiffskonstruktion zieht sich das Holz durch den stickigen Raum, der das Dach der Kirche trägt. „Man erkennt deutlich die zwei Bauabschnitte“, erläutert Bülhoff, „im hinteren Bereich die sternförmigen Gewölbe, im angebauten Teil sind sie kreuzförmig.“ Anschließend bittet der Leiter die Gruppe in den nächsten Raum. „Bitte beim Eintreten höflich verbeugen. Die Tür ist tief.“ Auf die Kletterer warten 30 weitere Stufen aus Holz, ehe sie vor dem mechanischen Uhrwerk stehen, das von 1934 erhalten geblieben ist. Andere Ausflügler haben auf den vergilbten Scheiben, die die Mechanik schützen, mit Fingern Botschaften hinterlassen. Sie reichen von Namen bis hin zu Sympathien für überregionale Fußball-Klubs. Willi Bülhoff lenkt die Aufmerksamkeit auf die Uhr. „Alle 24 Stunden sie durch diese Gewichte aufgezogen.“ Er zeigt auf drei mannshohe Säulen, die knapp unter der Decke hängen. „Im Laufe des Tages gehen die bis ganz nach unten. Ist der Motor kaputt, müssen sie von Hand wieder raufgezogen werden.“

Der ehemalige Küster weiß, was man denkt, wenn alle drei wieder an Ort und Stelle sind: „Gott sei Dank.“ Eine Etage höher erreichen die Teilnehmer ihr Ziel: Fünf Glocken, gemeinsam neun Tonnen schwer, hängen im Turm der Christophorus-Kirche. Als die Gruppe die Leiter erklimmt, erfolgt just der Stundenschlag – die Klänge gehen durch Mark und Bein. „Der Klöppel der Hauptglocke wiegt schätzungsweise zwei Zentner.“ Würde er jetzt schlagen, bekämen die Gäste schwer zu behebende Ohrenprobleme. Staunende Blicke Doch die Kreuzglocke hält still und scheint die staunenden Blicke der Besucher zu genießen. „Droht bei einem so schweren Klöppel nicht irgendwann ein Riss im Klangkörper?“, will ein Teilnehmer wissen. Bülhoff lächelt und deutet zur nur geringfügig kleineren Katharinen-Glocke. „Die wurde einmal gedreht, damit der Klöppel eine andere Stelle trifft.“ Aber die Glocke sei auch von 1423.

„Selbst wenn also Gefahr bestehen sollte, müssen wir uns keine Sorgen mehr machen“, kommentiert er schmunzelnd. Zu jedem Klangkörper weiß Bülhoff eine Geschichte zu erzählen. Seine liebste ist diese: „Mein Vorvorgänger Heinrich Kroes hat mit Hilfe von Werner Bürgern nach dem Krieg dafür gesorgt, dass die Glocken an Ostern 1948 wieder läuten konnten.“ Auf dem Glockenfriedhof in Lünen konnte er durch Beziehungen auch die kleine Johannesglocke retten. Bülhoff beobachtete damals von der Schule aus, wie sie am Kirchturm hochgezogen wurden. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis er selbst für sie verantwortlich war. 

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