Menschenhandel und Geldwäsche rund um Fingernagelstudio in Werne

dzLandgericht Münster

Illegal eingeschleuste Vietnamesinnen mussten 10 Stunden ohne Pause in einem früheren Fingernagelstudio in Werne schuften. Im Prozess geht’s um Geldwäsche, Menschenhandel, Steuerhinterziehung.

von Matthias Münch

Werne

, 26.06.2020, 12:42 Uhr / Lesedauer: 2 min

Angeklagt sind vier Männer und zwei Frauen von 29 bis 54 Jahren. Sie sollen rund zwei Dutzend Nagelstudios in Nordrhein-Westfalen mit illegal beschäftigten Landsleuten betrieben haben. Auch in Werne sollen über Schlepper eingeschleuste junge Frauen schwarz gearbeitet haben. In dem Verfahren geht es nicht nur um Sozialversicherungsbetrug und Steuerhinterziehung jeweils in Millionenhöhe, sondern auch um Menschenhandel und Geldwäsche.

Staatsanwaltschaft: „Clankriminalität in großem Stil“

Die beiden Staatsanwältinnen benötigten mehr als zwei Stunden für die Verlesung ihrer 64-seitigen Anklageschrift. Sie sprachen von Clankriminalität in großem Stil. Drahtzieher sind demnach zwei 54 und 47 Jahre alte Brüder, die auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Zusammen mit einer Ehefrau und einer Nichte haben sie laut Anklage „ein konzernmäßiges Geflecht von Einzelfirmen“ aufgebaut und ab 2014 bis Ende 2019 sechs Jahre lang betrieben.

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In den Studios ließen sie illegal aus Vietnam eingeschleuste Frauen zehn Stunden am Tag und sechs Tage pro Woche ohne Pausen arbeiten. Dabei waren die zum Teil minderjährigen Arbeitskräfte schädlichen Kosmetika-Dämpfen ausgesetzt. Dafür bekamen sie 2600 Euro netto im Monat, bisweilen auch mehr.

Frauen waren den beiden Clanchefs wehrlos ausgeliefert

Den Clanchefs waren sie wehrlos ausgeliefert, weil sie weder Aufenthalts- noch Arbeitspapiere besaßen. Für die Einschleusung nach Deutschland mussten sie zwischen 5.000 und 25.000 Dollar bezahlen. Auf Facebook und anderen Plattformen im Internet versorgte der Clan die Frauen mit Tricks und Tipps von Scheinehen bis Passfälschungen.

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Bei der Abwicklung der Geldströme aus den Nagelstudios und der Unterbringung der illegal Beschäftigten nahmen die Brüder die Hilfe einer 32-jährigen Vietnamesin aus Rottweil in Anspruch. Sie ist wegen Beihilfe angeklagt. Unter anderem eröffnete sie etliche Bankkonten und schloss Mietverträge für Studios und die Unterbringung der Frauen ab, auch in Werne.

Geschäfte liefen prächtig, auch in Werne

Weil sie durch die Ausbeutung der Beschäftigten konkurrenzlos billig arbeiteten, liefen die Geschäfte prächtig. Allein den Krankenkassen sollen die Angeklagten 1,79 Millionen, den Finanzämtern weitere 1,5 Millionen Euro vorenthalten haben. Die sprudelnden Gewinne wurden teilweise über Osteuropa nach Vietnam transferiert, teilweise aber in deutsche Immobilien investiert.

Der Prozess wird am 1. Juli mit ersten Aussagen der Angeklagten fortgesetzt.

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