Auf der Online-Plattform Scoperty sind Schätzpreise für die Immobilien in Werne aufgeführt. © Felix Püschner
Immobilien

Filetstück oder saure Gurke? Online-Plattform Scoperty verpasst Wernes Häusern ein Preisschild

Auf der Online-Plattform Scoperty kann jeder sehen, was das eigene Haus oder das des Nachbarn wert sein soll. Zumindest so ungefähr. An der Vorgehensweise gibt es viel Kritik - auch aus Werne.

Wissen Sie, was Ihre eigene Immobilie in Werne tatsächlich wert ist? Auch wenn Sie gerade keine Kaufangebote auf dem Tisch liegen haben, um zumindest ausloten zu können, wie tief andere für den Erwerb Ihres Domizils in die Tasche greifen würden? Die Betreiber der Online-Plattform „Scoperty“ scheinen das zu wissen – zumindest so ungefähr. Denn das 2019 gegründete Start-up-Unternehmen aus München hat inzwischen auch den Immobilien in Werne ein virtuelles Preisschild verpasst.

Heißt: Wer die Internetseite www.scoperty.de aufruft, kann sich eine Karte der Lippestadt anzeigen lassen – inklusive einer Werteinschätzung der Häuser und Eigentumswohnungen. Auch wenn die gar nicht zum Verkauf stehen. Bei besagter Einschätzung handelt es sich zwar nicht um rechtsverbindliche Marktpreise, aber dennoch dürfte sich manch ein Werner verwundert die Augen reiben, wenn er sieht, was dort für Zahlen für seine Immobilie oder die des Nachbarn angeschlagen werden.

Gebäude in der Burgstraße soll eine Million Euro wert sein

Ein Beispiel: Eines der Wohnhäuser in der Burgstraße. Das ist laut Scoperty zwischen 667.000 und mehr als 1.000.000 Euro wert – eine ziemlich breite Spanne also. Die Immobilie verfügt über fast 480 Quadratmeter Wohnfläche, heißt es. Wer hingegen einen äußerst kurzen Weg zum Einkaufen bevorzugt, könnte sich für ein Gebäude ziemlich nah am Horne-Center interessieren. Allerdings müsste er dafür dann wohl zwischen 800.000 und 1,2 Millionen Euro auf den Tisch legen. So hoch ist laut der Online-Plattform nämlich der Schätzwert.

Aber wie kommen diese Preise überhaupt zustande? Hinter der Wertermittlung steckt ein komplexer Algorithmus, der auf öffentlich zugänglichen Daten, zum Beispiel aus Katasterämtern, basiert. Gefüttert wird dieser Algorithmus unter anderem mit Angaben zur Wohnfläche, Grundstücksgröße, Baujahr und Anzahl der Privathaushalte – ebenfalls alles in Form einer Schätzung. Auch vorherige Angebotspreise und Lageinformationen fließen in den Daten-Pool.

Das Unternehmen möchte durch die virtuellen Preisschilder nach eigenen Angaben einen „ersten Orientierungspunkt für die Bestimmung des Wertes einer Immobilie“ geben, wie Scoperty-Geschäftsführer Michael Kasch gegenüber dem Redaktions-Netzwerk Deutschland erklärte. Durch die Angabe des Schätzwerts (keine klassische Wertermittlung) wolle man den Immobilienmarkt transparenter machen – und im Idealfall ein bisschen Bewegung hineinbringen.

„Das sind ja abenteuerliche Geschichten. Letztlich ist es aber eine Katastrophe.“

Josef Holtrup Immobilienmakler

Kritik gibt es an dem Modell längst von verschiedenen Seiten: Da sind einerseits die empörten Eigentümer, die die Hände über dem Kopf zusammenschlagen – entweder ob der Höhe des aufgerufenen Schätzwerts oder einfach ob der Tatsache, dass diese Zahl und diverse andere Daten überhaupt so leicht für Jedermann im Internet abrufbar sind. Und da gibt es andererseits natürlich die Makler-Branche, die die Seriosität der ganzen Geschichte in Frage stellt.

Das sieht auch der Werner Immobilienmakler Josef Holtrup so. Holtrup muss im ersten Moment lachen, als wir ihn auf die Online-Plattform ansprechen: „Junge, Junge, was es da für abenteuerliche Geschichten um Immobilien gibt, das ist schon erstaunlich.“

Dann wird der Makler allerdings ernster. „Das ist sowas von unseriös. Da werden ja Verkäufer und Käufer auf eine völlig falsche Fährte geleitet. Und dann auch noch diese Preisspanne. Das ist doch ein Witz.“ Er selbst gebe aktuell für Objekte in Werne und in der näheren Umgebung eine Spanne von plus minus 5.000 bis 10.000 Euro an. Aber auch nur, weil die Marktsituation es nicht anders zulasse.

Unvollständige und falsche Angaben sorgen für Ärger

Kritisiert wird die Online-Plattform auch aufgrund der oft unvollständigen und sogar falschen Angaben zu Wohnfläche und Co.. Ein Beispiel, das auch Holtrup recht gut kennt: Die Immobilie an der Werner Straße 82 in Stockum. Holtrup hat diese in seinem Angebotsbestand. Genau genommen handelt es sich dabei um eine Dachgeschoss-Wohnung, die laut Holtrups Exposé eine Wohnfläche von 80 Quadratmetern aufweist und 175.000 Euro kosten soll. In dem circa 1977 erbauten Haus befinden sich eine weitere Wohnung und ein Gewerbe.

Laut Scoperty wurde das Gebäude hingegen 1975 errichtet und verfügt über eine Wohnfläche von 121 Quadratmetern, was bedeuten würde, dass die zweite Wohnung lediglich 41 Quadratmeter groß ist. Stimmt natürlich nicht. Als Preisspanne gibt Scoperty 165.000 bis 247.000 Euro an. Und zwar für das gesamte Haus.

Holtrup hat noch eine weiteres Beispiel parat: Eine Immobilie in der Straße Immenbrock in Selm. Das Angebot habe er einen Tag nach der Veröffentlichung im Internet wieder herausgenommen. Der Grund: In der kurzen Zeit habe es bereits 50 Anfragen gegeben. Laut Scoperty ist das Haus zwischen 202.000 und 304.000 Euro wert, verfügt über 115 Quadratmeter Wohnfläche und wurde 1995 errichtet. Bei Holtrup hört sich das anders an: 180 Quadratmeter Wohnfläche, 1300 Quadratmeter Grundstücksgröße, Baujahr 1966, Anbau im Jahr 2004., Angebotspreis 395.000 Euro.

Holtrup, der seit über 30 Jahren in der Branche tätig ist, ist überzeugt, dass nur ein seriöser Makler vor Ort die Immobilien richtig einschätzen kann. Nicht zuletzt, weil schließlich auch jede Immobilie ihre Tücken habe – sei es ein feuchter Keller, schlechte Ausstattung oder sogar baurechtliche Probleme, die man vor einem Verkauf noch beseitigen müsse. Sein Fazit zur Online-Plattform: „Eine Katastrophe!“

Viele Immobilienwerte geschätzt

  • Das Unternehmen Scoperty hat nach eigenen Angaben mittlerweile Schätzwerte zu über 35 Millionen Immobilien aufgelistet – aus mehr als 11.500 Gemeinden.
  • Eigentümer, die mit dem Schätzwert nicht einverstanden sind, oder nicht wollen, dass die Daten im Internet angezeigt werden, können über die Homepage des Unternehmens Widerspruch einlegen.
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Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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