Ob es heute, morgen oder überhaupt zu verbindlichen Schließungen oder Einschränkungen des Einzelhandels kommt, ist unklar. Die Händler stehen in der Schwebe - und fordern Solidarität.

von Leandra Stampoulis, Sylva Witzig

Werne

, 18.03.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein kurzer Shoppingtrip in der Stadt war bis jetzt mit keinerlei Sorgen und Ängsten verbunden. Hat das Bekleidungsgeschäft meines Vertrauens geöffnet, kann ich im Laden um die Ecke neue Schuhe anprobieren? Na klar. Doch anlässlich des Coronavirus könnte es nun zu Schließungen oder Einschränkungen kommen.

Frische Blumen sind jetzt bei bestem Gartenwetter besonders beliebt. Aber beim Blumenhandel „Blumen Risse“ steht bereits fest: Ab Mittwoch bleibt der Laden geschlossen. Eine Zwischenlösung steht schon parat, wie Regionalleiter Andreas Wolter erklärt: „Wir werden einen Außenverkaufsstand vor dem Geschäft eröffnen. Das ist auf jeden Fall noch erlaubt und dadurch können wir mit Verkauf erst einmal fortfahren.

Verluste im siebenstelligen Bereich

Man könne eine Schließung nicht verhindern, aber immerhin verzögern. „Falls es zu einer Ausgangssperre kommen sollte, dann wollen die Menschen in einem bunten Blumengarten sitzen und nicht in einem traurigen winterlichen Szenario“, sagt Wolter. Bei Blumen Risse sei man noch recht entspannt, denn: „Was solle man jetzt auch machen außer abzuwarten?“

Dass es ein Verlustgeschäft werde, sei für Wolter klar. Aber der Außenstand sei vorübergehend eine gute Notlösung. Blumen Risse versendet seine Blumen außerdem über einen Onlinehandel. Bei einer kompletten Ladenschließung käme es innerhalb von kurzer Zeit zu Verlusten im siebenstelligen Bereich, so Wolter. „Einige kleine Geschäfte werden innerhalb eines Monats der Schließung Konkurs gehen“, schätzt er die Lage ein.

Der Schuhverkauf läuft auch online weiter

Auch der Schuhladen „Pettrup Schuhe“ hat Lösungen parat. Der Laden mit neun Filialen hat einen ausgebauten Onlineshop. Dennoch seien sie allein durch den Onlinehandel nicht abgesichert: „Man hängt wie in der Warteschleife, noch gibt es keine genauen Vorgaben und Anweisungen, Natürlich hat man auch Jobängste.

Niemand weiß, wie lange eine eventuelle Schließung andauern würde“, sagt Filialleiterin Petra Gratza. „Wenn die Verluste zu groß sind, könnte es sein, dass die Filiale geschlossen bleibt und wir unsere Jobs verlieren.“

Bei Pettrup werden weiterhin Schuhe aller Art verkauft. Doch auch hier macht man sich Sorgen um den Job: "Wenn Pettrup plötzlich beschließt, dass drei Filialen geschlossen bleiben, sind wir weg vom Fenster", sagt die Filalleiterin (links).

Bei Pettrup werden weiterhin Schuhe aller Art verkauft. Doch auch hier macht man sich Sorgen um den Job: "Wenn Pettrup plötzlich beschließt, dass drei Filialen geschlossen bleiben, sind wir weg vom Fenster", sagt die Filalleiterin (l.). © Leandra Stampoulis

Noch sei eine Frequenz von Kunden da. Wie es in den nächsten Tagen weitergeht, sei aber ungewiss. „Die Kunden kaufen alles von der Pantoffel über die Sandale bis zum Wanderschuh. Es kommen weniger Kunden, aber die haben auch wirklich Lust etwas zu kaufen“, berichtet die Filialleiterin.

Juwelier Bleckmann betreibt keinen Onlinehandel. Wie es weitergehen soll ist für ihn, wie auch für die anderen Einzelhändler, völlig ungewiss.

Juwelier Bleckmann betreibt keinen Onlinehandel. Wie es weitergehen soll, ist für ihn, wie auch für die anderen Einzelhändler, völlig ungewiss. © Leandra Stampoulis

Der Juwelier Bleckmann steht ebenfalls in der Schwebe und beschreibt die Situation wie ein „Überraschungsei“.„Man läuft morgens durch die Stadt und sieht, dass die Geschäfte geöffnet haben und dann öffnet man ebenfalls“, erklärt Inhaber Peter Budde (42). Man müsse jetzt von Tag zu Tag Entscheidungen treffen und ruhig bleiben.

Innovative Notlösungen sollen überbrücken

Wolfgang Klinge von „Lederwaren Küper“ hat in den letzten zwei Wochen schon einen Abschwung der Kundschaft feststellen müssen. „ Wir haben seit rund zwei Wochen einen Rückgang von neunzig Prozent. Taschen sind eben nicht das, was jetzt notwendig für die Leute ist. Lebensmittel sind da wichtiger“, so Klinge. Auch er hat sich eine Lösung für eine eventuelle Schließung einfallen lassen.

Wolfgang Klinge von Lederwaren Küper bietet nun Online-Verkaufsgespräche per Videochat an. "Ich führe den Kunden durch den Laden, als wäre er bei mir."

Wolfgang Klinge von Lederwaren Küper bietet nun Online-Verkaufsgespräche per Videochat an. "Ich führe den Kunden durch den Laden, als wäre er bei mir." © Leandra Stampoulis

Er will Kunden online Taschen auf Anfrage präsentieren und dann als Paket zusenden. „Außerdem wollen wir unsere Taschen auf einer Online-Plattform anbieten und somit unseren Kundenkreis erweitern“, erklärt er. Es sei aber ebenso wichtig für ihn, zu wissen, wie es weitergeht und das könne nur die Bundesregierung sagen. Klinge spricht von einer „existenziellen Krise“ und ist dennoch hoffnungsvoll: „Irgendwie wird es weitergehen. Den Laden gibt es seit 1900. Ich führe ihn jetzt in der vierten Generation. Wir haben zwei Weltkriege überstanden und Corona schaffen wir auch.“

Es fehlen Handlungsanweisungen von der Regierung

Hubertus Waterhues ist Mitglied der Aktionsgemeinschaft „Wir für Werne“ und Inhaber von „Bücher Beckmann“. Er macht sich mittlerweile große Sorgen: „Man weiß im Moment nicht, ob es zu Schließungen kommt oder unter welchen Konditionen der Laden noch geöffnet werden kann. Ich glaube schon, dass in den nächsten Stunden oder Tagen der Erlass bekannt gegeben wird.“

Hubertus Waterhues von Bücher Beckmann bietet seit rund 20 Jahren einen Bücher-Lieferdienst an. In Zeiten von Corona wird der besonders gut genutzt. Waterhues appelliert an die Werner, solidarisch zu sein und den lokalen Einzelhändlern treu zu bleiben.

Hubertus Waterhues von Bücher Beckmann bietet seit rund 20 Jahren einen Bücher-Lieferdienst an. In Zeiten von Corona wird der besonders gut genutzt. Waterhues appelliert an die Werner, solidarisch zu sein und den lokalen Einzelhändlern treu zu bleiben. © Sylva Witzig

Abgesehen davon habe man keine Ahnung, wie lange eine mögliche Schließung andauern würde. Es fehle eine verbindliche Handlungsanweisung der Regierung.

„Ich schließe erst, wenn ich es muss. Ich brauche etwas mit Stempel und Unterschrift, auch für die spätere Inanspruchnahme von einem Schadensersatzanspruch, welcher im Infektionsschutzgesetz steht.“ Als Selbstständiger dürfe man solche Ansprüche stellen, aber eben nur mit gerichtsfesten Unterlagen. Waterhues kann für seinen Buchhandel sagen, dass das Versandnetz online „hervorragend“ funktioniert. Stand heute sei der Versand nicht durch Corona beeinträchtigt worden.

Gegenseitiges Unterstützen

Ihm persönlich ist wichtig, dass sich potenzielle Kunden in der jetzigen Situation überlegen sollten, was man jetzt im Onlinehandel von großen Anbietern dringend kaufen muss und womit man eher warten kann. „Brauche ich jetzt einen neuen Stressless-Sessel oder kann ich mir den auch noch in vier Wochen bei meinem lokalen Händler kaufen“, solle man sich fragen.

„Vielleicht gibt uns Corona die Chance, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Nämlich auf das, was wir haben, persönlich und auch in unserem nahen Umfeld. Nachbarschaftshilfen sind da der Anfang“, so Waterhues. „Ich glaube daran, dass Werne zusammenrücken kann und dass wir gemeinsam die Situation solidarisch meistern können.“

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