Die Müllkontrolleure gehen um im Kreis Unna

Falsch befüllte Tonnen

240.000 Euro haben allein falsch befüllte Biotonnen den Kreis Unna 2015 gekostet. Die Kommunen wehren sich nun gegen die mangelhafte Mülltrennung. In vielen Städten und Gemeinden sind Müllkontrolleure unterwegs, die einen genauen Blick in die Tonnen werfen. Wir haben nachgefragt, ob sich das auszahlt.

von Paul Klur

KREIS UNNA

, 27.08.2016, 05:53 Uhr / Lesedauer: 3 min
Im Kreis Unna schauen Kontrolleure ganz genau in die Mülltonnen. Ist die Tonne falsch befüllt, hat das Konsequenzen.

Im Kreis Unna schauen Kontrolleure ganz genau in die Mülltonnen. Ist die Tonne falsch befüllt, hat das Konsequenzen.

Im Kreis Unna wollen sich Kommunen und Entsorger nicht mehr mit der hohen Zahl falsch befüllter Mülltonnen abfinden. Deshalb werden in acht der zehn Städte und Gemeinden bereits Mülltonnen kontrolliert, in Kamen sollen die Kontrollen nach den Sommerferien starten. Nur in Holzwickede sind sie bis auf Weiteres verschoben. "Das heißt natürlich nicht, dass fehlbefüllte Tonnen mitgenommen werden", so Ulrike Hohendorff von der Gemeinde Holzwickede. Kürzlich habe ein Fahrer etwa eine falsch befüllte Tonne an einem Mehrfamilienhaus stehen lassen.

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240.000 Euro Mehrkosten gab es 2015 im Kreisgebiet allein durch falsch befüllte Bio-Mülltonnen. 1600 Tonnen vermeintlicher Biomüll mussten umdeklariert werden zu Restmüll, weil zu viel falscher Abfall in der braunen Tonne steckte. Bei Mehrkosten von 150 Euro pro Tonne. "Die Kosten für die Kontrolle stehen in keinem Verhältnis zu den Kosten, die durch Fehlwürfe entstehen", sagt Andreas Hellmich von der Gesellschaft- für Wertstoff- und Abfallwirtschaft Kreis Unna (GWA).

Hoher Aufwand für die Kommunen

Der Stadt Selm seien 50.000 Euro Verbrennungskosten aus der fehlerhaften Befüllung von Biotonnen entstanden, so Pressereferent Malte Woesmann. In Werne belaufen sich die Kosten auf 27.000 Euro, in Schwerte auf 11.000 Euro, in Unna auf 6500 Euro.

Aufkommen muss für den falsch entsorgten Müll der Gebührenzahler: "Jeder Bürger muss die Fehlwürfe seiner Mitbürger mitbezahlen", erklärt Ulrike Hohendorff von der Gemeinde Holzwickede. 

Kontrollen haben Erfolg

Dass die Kontrollen den gewünschten Erfolg bringen könnten, zeigen erste Ergebnisse aus Unna. "Da wir sehr frühzeitig nach den ersten Meldungen der Entsorgungsanlage mit den Kontrollen begonnen haben, ist seitdem keine Fahrzeugladung mehr als Restmüll entsorgt worden. Die Qualität des Biomülls ist merklich besser", sagt Thomas Brüggemann, Bereichsleiter für Abfallwirtschaft der Stadt Unna.

In Lünen hat sich laut Thomas Möller, Leiter Entsorgung Auch in Schwerte hat sich laut Sprecher Carsten Morgenthal "die Qualität des Biomülls deutlich verbessert".   

Wer die Mülltonnen kontrolliert

Die Wertstofftonnen kontrolliert in der Regel die private Entsorgungsfirma Remondis. In Werne waren zunächst vor allem Studenten und Schüler als Ferienjobber für die Kontrollen verantwortlich. Sie begleiteten andere Müllwerker bei ihrer Arbeit.

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Die Werner Müllpolizei auf ihrer Tour

Die Müllpolizei hat keine Sirenen und ist nur mit Gummihandschuhen bewaffnet. Verwarnungen für falsch sortierten Abfall stellen sie auf kleinen Aufklebern aus. Ihren Job nehmen die Kontrolleure trotzdem richtig ernst. Wir waren mit auf Tour.
27.07.2016
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Ein Anwohner macht Philipp aufmerksam: "Die Dosen hat der Klempner eben da rein getan!" Die Leute sind besorgt, dass ihr Müll nicht mitgenommen wird.© Foto: Anna Mayr
Pierre Ahland (27) arbeitet seit fünf Jahren als Müllmann: "Das ist mein Traumberuf!"© Foto: Anna Mayr
Am Gewicht der Tonnen erkennt man, ob wirklich nur Plastik drin ist. Philipp hebt nur die ersten paar Beutel an.© Foto: Anna Mayr
Der Müllsheriff geht voraus, der LKW fährt hinterher. Ein LKW kann vom Gewicht her bis zu sechs Tonnen Müll transportieren.© Foto: Anna Mayr
Achtung: Der Greifarm des Müllwagens kann gefährlich werden.© Foto: Anna Mayr
Marius Lichtenberg (25) macht in der Straße Heizungsbau und hat beim Mülltrennen gesündigt. "Ich finde das vernünftig, dass kontrolliert wird. Zuhause trenne ich auch ordentlich."© Foto: Anna Mayr
Das kann auch schon mal passieren: Beim Entleeren einer großen Tonne fällt Müll auf die Straße. Philipp und sein Kollege müssen hinterherräumen.© Foto: Anna Mayr
Philipp Stapper (17) geht eigentlich in Lüdinghausen in die 11. Klasse eines Gymnasiums. Diesen Sommer kontrolliert er in Werne und Umgebung den Müll.© Foto: Anna Mayr
Diese Tonne ist nicht okay. Oben drauf liegen Dosen, die nicht in die gelbe Tonne gehören.© Foto: Anna Mayr
Philipp läuft vor dem Müllwagen her die Route ab und wirft einen Blick in die Tonne.© Foto: Anna Mayr
Ertappt: eine junge Mutter hat Textilien und eine Wickeltisch-Unterlage in die gelbe Tonne geworfen. Das geht nicht.© Foto: Anna Mayr
Die Tonne bekommt einen gelben Aufkleber und wird erst in 14 TAgen wieder kontrolliert, beziehungsweise abgeholt.© Foto: Anna Mayr
"Manchmal werden die Anwohner agressiv, wenn ihre Tonnen stehen gelassen werden", erzählt Philipp.© Foto: Anna Mayr
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Für die Kontrolle der Biotonnen gibt es unterschiedliche Konzepte. In Werne ist ein Mitarbeiter der Stadtwerke Selm im Auftrag der Stadt Werne unterwegs. Auch in Selm und Lünen ist ein fest angestellter Mitarbeiter unterwegs. In Unna, Schwerte und Bergkamen hingegen übernimmt die Müllabfuhr die Kontrollarbeit beim Abholen der Tonnen selbst. "Zu Beginn der Kontrollen wurde pro Leerungstour aber noch ein Mitarbeiter vorweg geschickt", so Michael Heinemann vom Entsorgungsbetrieb Bergkamen (EBB). 

Wenn die Mülltonne eingezogen wird

Wird die Tonne stehengelassen, erhalten die Besitzer vom Kontrolleur eine Gelbe Karte und können anschließend nachsortieren oder - wenn der falsche Müll zu kleinteilig ist, eine sogenannte Sonderleerung in Auftrag geben. Wenn die Tonnen wiederholt falsch befüllt werden, soll die Rote Karte gezückt werden. Dann würde die Tonne eingezogen. In Werne ist das auch schon des öfteren geschehen. Von insgesamt 1900 Wertstofftonnen seien bislang 30 eingezogen worden, so GWA-Sprecher Hellmich.

Die anderen Kommunen haben aber bislang noch niemandem die Rote Karte gezeigt, in Schwerte etwa wird sie gar nicht eingesetzt. "Vor Ort wurden allerdings eine Vielzahl an intensiven Beratungsgesprächen geführt", sagt Malte Woesmann aus Selm. 

Wie es in anderen Städten aussieht

Doch warum ist der Kreis Unna von den Fehlwürfen so stark betroffen? Sind die Menschen zwischen Schwerte und Selm besonders achtlos bei der Entsorgung? Ein Vergleich mit Bochum zeigt: Dort kennt man das Problem kaum. "Denn in Bochum haben wir eine freiwillige Biotonne, die nur vergleichsweise wenige Haushalte nutzen", sagt Jörn Denhard vom Umweltservice Bochum (USB). Und wer sich eine Biotonne eigens nach Hause bestelle, habe womöglich auch mehr Motivation, sie richtig zu befüllen, so Denhard.

Nur 1,6 Prozent der Bochumer Haushalte haben eine Biotonne, im Kreis Unna sind es hingegen etwa zwei Drittel.  "Im Kreis Unna muss man sich in der Regel von der Pflicht zur Biotonne befreien lassen, wenn man keine haben möchte", sagt Andreas Hellmich von der GWA. Wer etwa einen eigenen Kompost habe, könne auf die Biotonne verzichten. Im Kreis Unna ist die Fehlwurf-Problematik also auch deshalb so gravierend, weil der Müll dort ohnehin intensiver getrennt wird.

Problem auch in Dortmund nicht bekannt

Auch der Dortmunder Entsorger EDG kann die Problematik für sein Revier nicht bestätigen. "Bei uns wurden in diesem Jahr bei Restmüll lediglich Fehlwürfe in Höhe von 0,002 Prozent und bei Bio in Höhe von 0,08 Prozent vor der Leerung der Tonnen festgestellt", sagt EDG-Sprecherin Nicole Kissel. Und das, obwohl in Dortmund die Biotonne ähnlich wie im Kreis Unna obligatorisch ist.

Warum in Dortmund der Müll tendenziell sauberer getrennt wird, können sich weder die Dortmunder noch die Unnaer Entsorgungsbetriebe erklären. "Wir informieren gezielt, auch auf den Tonnen, was hinein gehört", sagt Nicole Kissel. Doch der große Unterschied zum Kreis Unna lässt sich so wohl auch nicht gänzlich erklären. "Vergleiche zu anderen Städten sind für uns aber auch nicht so erheblich", sagt Andreas Hellmich. Wichtig sei für ihn nur, dass sich die Müllqualität im Kreis Unna dauerhaft verbessere.

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