Im Lebensmittelgeschäft von Clemens Overmann gibt es seit mehr als 30 Jahren Neuland-Fleisch. Die Bilder, die aus der Viehsammelstelle von Mecke bekannt wurden, schockieren Overmann, der sich seit Jahren für Tierwohl einsetzt, nachhaltig. © Andrea Wellerdiek
Mit Video: Tierquälerei in Werne

Clemens Overmann zu Tierquälerei in Werne: „Das ist ein strukturelles Problem“

Seit mehr als 30 Jahren verkauft er in seinem Lebensmittelgeschäft Neuland-Fleisch. Die Bilder aus der Viehsammelstelle haben Clemens Overmann schockiert. Er glaubt, dass das kein Einzelfall war.

Die erschreckenden Bilder und Videos aus der Viehsammelstelle von Mecke in Werne haben ihn nachhaltig bewegt. Clemens Overmann, der danach nicht mehr schlafen konnte, ist sprachlos. Der Geschäftsmann aus Werne engagiert sich seit Jahren für das Tierwohl. In seinem gleichnamigen Lebensmittelgeschäft in der Fußgängerzone verkauft er seit 1989 Neuland-Fleisch.

Landwirte und Fleischer, aber auch Geschäftsleute wie Overmann haben vor mehr als 30 Jahren eine Fleischvertriebsgesellschaft gegründet, um die Produktion und den Verkauf von Qualitätsfleisch aus artgerechter Tierhaltung zu fördern. „Da hatten wir schon den Kaffee auf wegen der Massentierhaltung“, erzählt Clemens Overmann. Das, was er nun aus der Viehsammelstelle in Werne sehen musste, hat ihn schockiert.

„Es ist ein strukturelles Problem“

„Leider wird die Schlagzahl solcher Skandale immer höher. Der Druck ist zu hoch. Das, was jetzt passiert ist, ist unfassbar. Es ist aber kein Einzelfall. Das ist ein strukturelles Problem, in dem auch die Behörden eine Rolle spielen. Die Lebensmittelwirtschaft muss mal aus ihrem Dornröschenschlaf aufwachen“, sagt der 64-Jährige. Während er und seine Kollegen, die auf Wochenmärkten Fleisch verkaufen, ständig penibel kontrolliert würden, würde das in größeren Betrieben fehlen.

Nun sei das Land gefordert, zu klären, was im Veterinäramt des Kreises schief liefe, meint Overmann. Jede industriell geführte Landwirtschaft könne eine Katastrophe, wie sie nun bei Mecke aufgedeckt wurde, bedingen. „Was wir uns erlauben, mit solchen Geschöpfen zu machen, ist einfach irre“, sagt Overmann. Wenn Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner von Tierwohl spreche und es verstärkt noch Massentierhaltung gibt, dann sei dies eine Verbrauchertäuschung, so Overmann weiter.

Für ihn sei aber auch klar, dass es ganz ohne Massentierhaltung nicht gehen würde. Wenn allerdings die Verbraucher selbst reagieren und ihren Fleischkonsum reduzieren würden, könne man etwas bewirken. Mittlerweile, so Clemens Overmann weiter, würden viele Bürgerinnen und Bürger sich vegetarisch oder vegan ernähren. Oder sie setzen auf qualitativ hochwertiges Fleisch wie von Neuland. Das macht allerdings erst etwa einen Anteil von 3 Prozent am gesamten Markt in der Fleischindustrie aus, erklärt Overmann. Längst sind aber die Zeiten vorbei, als er noch für das Neuland-Fleisch in seiner Theke belächelt wurde.

Overmann in Werne wurde anfangs belächelt

Anfangs habe er zu viel Fleisch- und Wurstwaren im Angebot gehabt, heute kann er die Nachfrage gar nicht befriedigen. Denn es gibt nur wenige Landwirte, die das Qualitätssiegel Neuland bekommen. Overmann arbeitet selbst mit der Ökologiestation in Bergkamen-Heil zusammen. Dort wird das Fleisch verarbeitet, das aus einer Schlachterei in Unna angeliefert wird.

Die Tiere, die von etwa 50 Landwirten aus dem Ruhrgebiet und Münsterland angeliefert werden, werden hier geschlachtet, erzählt Overmann. Mit damit insgesamt kurzen Transportwegen gelangen das Fleisch und die Wurstwaren in den Markt von Overmann.

Fleischwaren mit hohen Qualitätsstandards gibt es im Geschäft von Clemens Overmann und seinem Team. Hier ist der Geschäftsinhaber mit Mitarbeiterin Maria Wintjes zu sehen.
Fleischwaren mit hohen Qualitätsstandards gibt es im Geschäft von Clemens Overmann und seinem Team. Hier ist der Geschäftsinhaber mit Mitarbeiterin Maria Wintjes zu sehen. © Andrea Wellerdiek © Andrea Wellerdiek

Zu jedem Stück könne man genau sagen, wo es herkommt, erzählt Mitarbeiterin Maria Wintjes. Dafür gibt es insbesondere für Rindfleisch hohe Registrierungspflichten. „Bei jedem Stück wird genau eingetragen, woher es kommt – mit Hilfe einer Nummer. Wenn es verkauft wird, wird es wieder ausgetragen“, erklärt Wintjes. Beim Rind gibt es eine strikte Buchführung, das Schweinefleisch wird etikettiert. Wenn ein Kunde da genau wissen möchte, woher das Tier stammt, müsste er sich ans Telefon klemmen, sagt Overmann. Er könnte über die Ökologiestation herausfinden, von welchem Landwirt das Tier stammt.

Neben einer artgerechten Tierhaltung sieht Neuland zudem ein strenges Qualitätsmanagement vor. Deshalb werde man auch regelmäßig und ohne vorherige Ankündigung im Lebensmittelgeschäft in Werne kontrolliert, erzählt Overmann. Zudem schauen er und sein Team sich regelmäßig den Betrieb an der Ökologiestation an.

Die Tiere wachsen bei den Landwirten tiergerecht und umweltschonend auf. Dazu zählen verschiedene Standards: Zum Beispiel ist deutlich mehr Platz für jedes Tier vorgesehen. Pro Huhn muss eine Auslauffläche von vier Quadratmetern gegeben sein, rechnet Overmann vor. Schweine werden zudem auf Stroh gehalten anstatt auf Spaltenböden. Darüber hinaus bekommen die Tiere 24 Stunden lang eine Möglichkeit, den Auslauf draußen zu nutzen. „Bei Hühnern allerdings gilt das nur tagsüber. Nachts werden sie reingeholt – aus Angst vor Füchsen“, erklärt Overmann.

Neuland-Fleisch liegt seit 1989 in der Theke bei Overmann.
Neuland-Fleisch liegt seit 1989 in der Theke bei Overmann. © Andrea Wellerdiek © Andrea Wellerdiek

Clemens Overmann fasst es zusammen: „Es ist genau das Gegenteil von dem, was bei Mecke passiert ist.“ Vor allem die Brutalität, mit der einige Mitarbeiter auf die ausgemergelten Tiere einschlagen, hat ihn fassungslos gemacht. „Ich kann nicht fassen, wie man so verroht sein kann. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie bei solchen Menschen eine Resozialisierung stattfinden kann.“ Dass der Chef, Marko Mecke, davon nichts gewusst habe, nimmt ihm Overmann nicht ab.

Über die Autorin
Redaktion Werne
Studium der Sportwissenschaft. Nach dem Volontariat bei Lensing Media zunächst verantwortlich für die digitale Sonntagszeitung, nun in der Lokalredaktion Werne der Ruhr Nachrichten.
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Andrea Wellerdiek

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