Bäckerei Telgmann: Dokumente von 1870 geben Einblicke in die Geschichte des Familienbetriebs

dz150 Jahre Telgmann

Das Familienunternehmen Telgmann feiert seinen 150. Geburtstag. Aus diesem Anlass hat Senior-Chefin Christa Telgmann (80) für uns ein paar echte Schätze aus der Gründungszeit ausgepackt.

Werne

, 27.09.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Café Telgmann, im Zentrum von Werne gelegen, gehört zu den ersten Adressen in der Lippestadt. Und das im kommenden Jahr nun schon seit 150 Jahren. Daran beteiligt sind sechs Generationen einer großen Familie, die das Rückgrat des soliden Unternehmens „in Sachen süßer Versuchung“ bilden.

Alles beginnt mit Heinrich Telgmann, Sohn eines Uhrmachers aus Sendenhorst, der 1870 in sehr bewegten Zeiten im heutigen Bereich der Bonenstraße ein Haus erwirbt und dort eine Bäckerei einrichtet. Das Geschäft läuft mit der Hilfe seiner Mutter und einer Schwester gut an und er kann sich schon bald auf die Feinbäckerei verlegen. Bereits im Sommer des Eröffnungsjahres wird eine geschäftliche Verbindung zur damals bekanntesten Süßwarenfabrik Stollwerck in Köln hergestellt.

Ein Betrieb in Frauenhand

Am Peter- und Paulstag 1895 geschieht dann das unfassbare: Durch einen Blitzeinschlag im Nachbarhaus brennt die ganze Häuserseite um die Marktstraße 140 bis auf die Grundmauern ab. Doch mit vereinten Kräften gelingt es der großen Familie bereits nach einem Jahr, die neue Bäckerei wieder zu eröffnen. Wieder verläuft die Geschäftsentwicklung erfolgreich und 1912 wird der Betrieb um ein Café erweitert.

Doch das Schicksal nimmt mit dem 1. Weltkrieg wieder einen negativen Verlauf. Heinrich Telgmann jun., der als Nachfolger übernehmen soll, fällt bereits in den ersten Kriegstagen, der Firmengründer selbst stirbt im gleichen Jahr. So liegt der Betrieb während der Kriegsjahre in Frauenhand. Erst 1924 gibt es dann wieder einen Bäckermeister, der dazu auch den Meistertitel im Konditorenhandwerk hat. Es geht bergauf.

Ein Schatz aus der Bäckerei-Gründungszeit

Die heute 80-jährige Christa Telgmann steht in der 4. Generation des Unternehmens und bildet sozusagen die lebende Verbindung von der Vergangenheit in die Zukunft. Sehr bewegend und interessant erzählt sie aus der stolzen Geschichte der Bäckerei Telgmann und wird dabei tatkräftig von ihrem Enkel Felix unterstützt. „Der größte Schatz, den wir haben, ist eine alte Holzkiste mit vielen Dokumenten aus der Gründungszeit“, berichtet die Seniorchefin mit funkelnden Augen. „Die konnte damals bei dem großen Brand gerettet werden und gibt uns heute einen wunderbaren Einblick in die Anfänge“.

Mit diesen Worten breitet sie eine Menge von Schriftstücken auf dem Tisch aus: „Diese Dokumente waren aufgerollt und mit Packband verschnürt in der Holzkiste aufbewahrt worden. Mit Hilfe der Stadtarchivarin wurden sie in diesen tollen Zustand versetzt“, sagt Christa Telgmann.

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Diese Papiere sind wirklich ein Schatz, allen voran die erste Rechnung über Süßwaren, die man von Stollwerck aus Köln bekommen hatte. In feinstem Sütterlin von Hand geschrieben und auf den 10. Oktober 1870 datiert. So etwas bekäme man heute nur noch mit einem digitalen Schriftprogramm zustande. Der Warenwert beträt 15 Reichsmark, die Ware kam mit einer Kutsche vom Fuhrunternehmer Schmiemann.

Der Briefumschlag, in dem die Rechnung war, zeigt im Kopf die Aufschrift: Kgl. Preuss. Kaisl. Österr. Hof Choc. Fabr. Gebr. Stollwerck & Söhne - Cöln-Frankf.-Breslau-Wien. Man kann sich kaum sattsehen an diesen alten Papieren. Darunter auch Rechnungen von örtlichen Handwerksbetrieben, die Innenausstattung oder Umbau im Betrieb Telgmann übernehmen durften. Da findet man die Holzhandlung Dissel oder die Schreinerei Erdmann.

Bäckerei Telgmann: Dokumente von 1870 geben Einblicke in die Geschichte des Familienbetriebs

Christa Telgmann zeigt die alte Kiste, in der die Dokumente aus der Gründungszeit lange aufbewahrt wurden. © Günther Goldstein

Vergangenheit zum Anfassen, die einen berührt und die von der alten Dame gefühlvoll gestreichelt wird: „Ach Felix, hol doch bitte noch die alte Kiste, der diese Papiere ihre Existenz verdanken“, bricht es dann aus ihr heraus. Und dann steht sie auf dem Tisch: Gedunkeltes verkratztes Holz mit zwei Traggriffen an den Außenseiten, auf der Vorderseite die Aufschrift „Hoffmann’s Creme Stärke“, dazu das bekannte Markenzeichen – eine Katze die sich eine Pfote abschleckt.

Als ob sie es zum ersten Mal macht, öffnet Christa Telgmann den Verschluss und der Deckel öffnet sich. „Och, schau an“, sagt sie beim Blick in die Kiste und holt ein kleines Knäuel von dunklem Packband hervor: „Da sind ja noch ein paar von den Schnüren.“

Zwei Folgegenrationen in den Startlöchern

Ihr Mann Heinrich kann das große Jubiläum im nächsten Jahr leider nicht mehr miterleben. Er starb bereits 1999. Er war neben seinem Beruf als Bäckermeister auch Wehrführer der Werner Feuerwehr, aus gutem Grund, wie man der Familienchronik leicht entnehmen kann.

Sorgen um die Zukunft des Unternehmens muss sich seine Witwe nicht machen. Denn es gibt bereits zwei Folgegenerationen die die Familientradition aufrecht erhalten. Ihr Sohn Friedrich wurde 1964 geboren und führt das Unternehmen in 5. Generation. Mit seinen drei Kindern steht die junge 6. Generation für die Zukunft bereit.

Wie es mit Ihnen einmal weitergehen wird, muss sich noch zeigen. Zwei von ihnen trifft man jedenfalls schon an der Adresse Markt 20 an. Und der Jüngste hat für das, was er dort macht, schon seinen Spitznamen weg. Als „Eis-Peter“ ist er dabei, sich einen Namen zu machen.

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