Als durch Werne noch eine Bahn fuhr: Das Geheimnis der „klingenden Arche“

dzVideokolumne Heidewitzka

Eine Bahn, die mitten auf dem Werner Marktplatz hält? So ein Quatsch! Oder vielleicht doch nicht? Tatsächlich gab es so etwas mal, wie wir in der aktuellen Folge unserer Video-Kolumne „Heidewitzka“ erklären.

von Heidelore Fertig-Möller

Werne

, 13.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer kennt sie noch, die Straßenbahn, die mit einer scharfen Kurve von der Kamener Straße zum Markt von Werne einbog und dann dort vor den heutigen Hotels Ickhorn (damals Hotel „Centralhof“ ) und Baumhove ihre Endstation hatte, bevor sie wieder zurück über Bergkamen und Kamen nach Unna fuhr?

Nur weit über 80-jährige Werner Bürger könnten sich noch an diese Straßenbahn, im Volksmund liebevoll die „klingende Arche“ genannt, erinnern. Denn schon 1940, ein paar Monate nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges, wurde das Straßenbahnteilstück zwischen Rünthe und Werne wegen der Baufälligkeit der Lippekanalbrücke auf Omnibusbetrieb umgestellt.

Video
Heidewitzka Folge 31: Die Bahn auf dem Marktplatz

Aber wie kam es überhaupt zu dieser Kleinbahnstrecke, da doch Werne seit 1815/ 16 zum Kreis Lüdinghausen gehörte und mit Unna und Bergkamen nur sehr wenig zu tun hatte? Wie vieles in der jüngeren Vergangenheit der Lippestadt war dieses Vorhaben wiederum der Abteufung von Schacht I und II der Zeche Werne zu verdanken.

Schon 1899 kaufte der Georg-Marien-Bergwerks- und Hütten-Verein neben dem Gelände für die Zeche Werne auch das Gut „Haus Rünthe“, um dort die erste Zechenkolonie „Rünthe“ für die im Osten angeworbenen Bergleute zu errichten - 1911 folgte dann der Bau der Kolonie Evenkamp.

Über drei Millionen Fahrgäste im Jahr - trotz des Kriegs

Als am 27. Juli 1908 in Kamen durch die Provinz Westfalen, den Landkreis Hamm und die Städte Unna und Kamen - drei Jahre später, am 28. April 1911, stießen auch die Gemeinde Rünthe und Werne hinzu - die Kleinbahn Unna-Kamen-Werne GmbH ( U.K.W.) als eine normalspurige Überlandstraßenbahn mit einer Betriebsspannung von 600 Volt Gleichstrom gegründet wurde, war die Beförderung der Bergleute zur Zeche Werne ein Hauptargument für die Verlängerung der Straßenbahn von Bergkamen über Rünthe nach Werne.

Die gesamte Strecke war komplett eingleisig und hatte sieben Ausweichstellen. Aufgrund von vier Kreuzungen mit den Eisenbahnstecken der Reichsbahn, die alle auf dem gleichen Niveau lagen, kam es immer wieder zu Verspätungen. Trotzdem stieg die Beförderungszahl gegen Ende des Ersten Weltkrieges auf über drei Millionen Fahrgäste jährlich an.

Die „klingende Arche“ hielt direkt am Marktplatz in Werne.

Die „klingende Arche“ hielt direkt am Marktplatz in Werne. © Förderverein Stadtmuseum

Am 1. Juni 1934 wurde auf dem Teilstück Kamen - Werne der Einmannbetrieb eingeführt. Das bedeutete, dass der Fahrer gleichzeitig Schaffnerdienste verrichten musste (fast so wie heute). Obwohl das letzte Teilstück nach Werne auf Omnibus umgestellt war, beförderte die Kleinbahn im Jahre 1943 fast sechs Millionen Personen, die höchste Zahl seit Bestehen der U.K.W.

Im Februar 1945 wurde durch einen schweren Fliegerangriff auf Kamen ein Großteil des Betriebsgeländes zerstört. Der Straßenbahnverkehr brach daraufhin völlig zusammen, da neben den Gleisen auch vier Triebwagen und ein Omnibus den Bomben zum Opfer fiel.

Fahrkarte vom Werner Marktplatz bis Unna kostete 175 Pfennige

Einzelne Teilstrecken wurden in den Nachkriegsjahren notdürftig geflickt - trotzdem wurde 1950 auch das Teilstück von Kamen nach Rünthe auf Omnibusverkehr umgestellt und 1951 fuhren dann auf der ganzen Strecke von Unna an nur noch Omnibusse. Am 18. Mai 1951 wurde die U.K.W. in „Verkehrsgesellschaft für den Kreis Unna mbH“ (VKU) umbenannt, die 1984 mit einem Jubiläumsfest in Kamen 75-jähriges Bestehen feierte.

Von Unna bis zum Markt in Werne kostete 1919 eine normale Fahrkarte 175 Pfennige. Kinder bis sechs Jahren waren frei, für jeden Hund, der auf der vorderen Plattform mitgenommen werden durfte, war der gleiche Fahrpreis wie für eine Person zu entrichten.

Es ging unter anderem die Marktstraße in Werne entlang.

Es ging unter anderem die Marktstraße in Werne entlang. © Förderverein Stadtmuseum

22 Haltestellen hatte die Kleinbahn ausgehend von Unna Neumarkt – sie hielt unter anderem in Königsborn, Kamen Staatsbahnhof, Kaisereiche, Schulze-Bergcamen, Zechenbahn-kreuzung, Schule Rünthe, Lippebrücke, Zeche Werne und als Endstation auf dem Werner Marktplatz.

Einige wenige Fotos aus der Festschrift zum 75-jährigen Bestehen der VKU zeigen die Straßenbahnwaggons von 1909 - dazu heißt es im Text: „Standard-Triebwagen der Kleinbahn sind die von der Waggonfabrik Uerdingen gebauten zweiachsigen Motorwagen mit 18 Sitz- und 16 Stehplätzen. Die Kamener Zeitung schreibt 1909: ‚Nach dem Muster dieser Wagen zu urteilen, kann gesagt werden, daß so elegant eingerichtete Wagen bis jetzt wohl auf keiner Straßenbahn zu finden sind.“

Schaffner warnte vor dem rasenden Ungetüm

An den Markttagen in Kamen, wie wahrscheinlich auch in Werne, musste vor jeder Straßenbahn ein Schaffner mit einer Handglocke hergehen, um die Marktbesucher vor dem „rasselnden Ungetüm“ zu warnen.

Einige wenige Postkarten aus den 20er- und 30er-Jahren mit der Straßenbahn auf dem Werner Marktplatz und auf der Kamener Straße sind noch im Besitz des Fördervereins Stadtmuseum Werne und nun hier zu sehen.

Wie heißt es in der Festschrift der VKU aus dem Jahre 1984: „Sie ist eine Bahn mit Romantik. Gemütlich und unbekümmert fährt sie zwischen Zechenhalden und Fördertürmen durch die Landschaft, kurvt quietschend durch Bergarbeiterkolonien und die damals noch dörflich anmutenden Straßen von Camen und Werne.“

Nicht jedem war das Ungetüm ganz geheuer.

Nicht jedem war das Ungetüm ganz geheuer. © Förderverein Stadtmuseum

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