Simon Lembcke (18) muss sich im Homeschooling auf seine anstehenden Abschlussklausuren vorbereiten. © Privat
Corona-Krise

Abiturient in Corona-Krise: „Selbst beibringen war angesagt“

Das wochenlange Distanzlernen stellt insbesondere die Abschlussklassen vor große Herausforderungen. Ein Abiturient aus Werne erzählt, wie es ihm mit dem Corona-Abitur geht.

Simon Lembcke (18) aus Werne sitzt alleine in seinem leeren Zimmer, an seinem Schreibtisch, vor seinem großen Computer. Das schwarze Mikrofon hängt kurz vor seinem Gesicht. Das ist mittlerweile Normalität für den angehenden Abiturienten. Der 18-Jährige macht zur Zeit sein Fachabitur in Informatik am Freiherr-von-Stein Berufskolleg. Seit über einem Jahr findet sein Unterricht nur noch per Computer statt- Für ihn ist es mittlerweile Alltag.

Abiturprüfungen sollen trotz Corona stattfinden

Vor der Pandemie hatte Lembcke eine tägliche Routine: Morgens besuchte er die Schule. Mittags schwamm er bei den Wasserfreunden in Werne oder spielte Volleyball. Zum Abendessen war er meist erst wieder Zuhause.

Jetzt sieht Simons Tag ganz anders aus: Er verbringt die meiste Zeit Daheim bei seiner Familie. In der Schule war er schon lange nicht mehr. Seit Monaten steht Homeschooling auf dem Programm – und das, obwohl seine Abschlussprüfungen vor der Tür stehen.

Diese sollen, trotz der unterschiedlichen Lernbedingungen und Möglichkeiten der einzelnen Schüler, wie gewohnt stattfinden – Nur zwei Wochen später. Darauf hat sich die Kultusministerkonferenz Ende Januar geeinigt. Simon Lembcke ist sich unsicher, was er von dieser Entscheidung halten soll.

Lehrer sollten Abiturklausuren stellen

„Die Prüfungen zu schreiben, finde ich schon wichtig, weil wir ja trotzdem ein Jahr regulären Unterricht hatten“, sagt der Schüler. Er versteht aber nicht, wieso die Politiker im vergangenen Jahr so lange diskutiert haben, ob die Abiturklausuren des Jahrgangs 2020 ausfallen sollten. Dort sei nur die Vertiefungsphase ausgefallen. In seinem Jahrgang hingegen fand der Unterricht monatelang nicht wie gewohnt statt.

Nach normalen Standards könne das Abitur in diesem Jahr nicht geschrieben werden, auch wenn die Regierung das immer wieder fordere. „Das was man im Online-Unterricht macht, ist natürlich schwierig für eine Prüfung“, ist Lempke der Meinung. Insbesondere sei es für diejenigen herausfordernd, die ohnehin viel lernen müssten.

„Es wäre besser, wenn die Lehrer die Klausur stellen würden, so wie bei den Vorabiturklausuren auch“, führt er fort. Auf diesem Wege würden in den Prüfungen wirklich nur die Lerninhalte abgefragt werden, die auch im Unterricht erarbeitet worden sind.

Abitur ist abgesehen von Corona schon herausfordernd

Zudem sei die Stufe von Simon erst vor zwei Jahren zusammengekommen, weshalb zu Anfang alle erst auf einen Stand gebracht werden mussten. „Wir haben ein halbes Jahr in jedem Fach nur Wiederholungen gemacht“, sagt er.

Erst seit wenigen Jahren wird das Abitur bereits nach der zwölften Klasse absolviert und nicht mehr nach der dreizehnten. „Es ist an sich schon mehr Pauken angesagt und jetzt fällt noch mehr weg. Das ist kompliziert für uns“, erklärt er betrübt.

In dem Fach Informatik fühle der Schüler sich fit fürs Abitur, da er diesem auch als Hobby nachgehe. Hingegen habe er Bedenken bei den sprachlichen Fächern. Diese seien ihm schon immer schwerer gefallen.

Ob die Corona-Krise seinen Abiturschnitt negativ beeinflussen würde, könne er bisher nicht sagen. „Ich habe echt gute Noten, aber nur dadurch, dass ich immer im Unterricht mitmache“, erklärt er. Sein Halbjahreszeugnis sei zufriedenstellend gewesen. Dieses habe aber noch auf seinen Quartalnoten basiert, welche im Präsenzunterricht entstanden sind.

Unterricht zeigt Verbesserungen im Gegensatz zum ersten Lockdown

Der erste Lockdown sei sowohl schwierig für das Lehrpersonal als auch für die Schüler gewesen. „Da hatten wir ungefähr drei Mal Online-Unterricht“, berichtet Lempke. In dieser Zeit haben die Lehrer nur Aufgaben in einen Cloud-Ordner gestellt, welche die Schüler nach einer gewissen Zeit abgeben mussten. „Das war so learning by doing. Selbst beibringen war angesagt“, schmunzelt er.

Nichtsdestotrotz haben die Lehrer immer versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Unter anderem sei die Zeit dafür genutzt worden, das digitale Lernen auszubauen. „Die Digitalisierung in Deutschland kennt jeder. Die ist nicht immer die Beste“, lacht er.

Im Gegensatz zum ersten Lockdown sei der zweite Lockdown um einiges organisierter in der Schule abgelaufen. Die Stufe habe jeden Tag Online-Unterricht gehabt, der nach ihrem regulären Stundenplan erfolgt sei.

Berufskolleg nutzt Lernplattformen für Homeschooling

Mittlerweile nutze das Berufskolleg unterschiedliche Lernplattformen, um den Distanzunterricht möglichst effizient gestalten zu können. Die Software Nextcloud mache unter anderem die Kommunikation zwischen den Lehrern und Schüler einfacher. „Problem ist nur, dass Nextcloud zwischen 9 und 13 Uhr überfordert ist und man dann nur sehr langsam darauf zugreifen kann“, erklärt Lembcke.

Über die Lernplattformen Moodle können Lehrer und Schüler unter anderem Aufgaben hochladen. Für die täglichen Videokonferenzen werde Jitsi verwendet. Vorerst wurde den Schülern freigestellt, ob sie die Kamera und den Ton während des Unterrichts anhaben – Das habe sich mittlerweile aber geändert. „Jetzt sagen manche Lehrer, dass wir die Kamera anhaben sollen“, sagt er. So könnten sie besser kontrollieren, ob die Schüler wirklich an dem Unterricht teilnehmen und aufpassen.

Schüler findet Präsenzunterricht besser als Homeschooling

Simon Lembcke habe sowohl positive als auch negative Erfahrungen aus dem Homeschooling mitgenommen. „Man hat so eine andere Seite kennengelernt – Nicht nur die ganze Zeit in der Schule sitzen“, sagt er optimistisch. Zudem habe es ihm gefallen, seinen Tag selbstständiger strukturieren zu können.

Ein großer Nachteil sei jedoch die digitale Ausstattung vieler Schüler gewesen. Ihm persönlich mussten keine extra Zugangsgeräte gestellt werden. Da er in einer Informatik-Klasse ist, musste er vorher bereits einen Laptop besitzen. „Ich kenne aber auch andere Klassen, die da nicht so gut ausgestattet waren“, sagt er. Für Schüler, die über keine digitalen Geräte verfügten, habe das Berufskolleg aber Lösungen gefunden.

Außerdem gibt der 18-Jährige zu, dass er sich im Online-Unterricht leicht ablenken lasse. Auch die Lerninhalte müsse er sich mehr selbst beibringen als im Präsenzunterricht. „Ich bin einer, der im Unterricht aufpasst und alles aufsaugt, damit ich hinterher nicht mehr so viel lernen muss. Das ist jetzt natürlich was ganz anderes“, beschreibt er. Insgesamt gesehen findet er den Präsenzunterricht besser als Homeschooling.

Gegenseitige Unterstützung von Lehrer und Schüler ist sehr wichtig

Simon ist sich nicht sicher, wie die Corona-Zeit in der Schule hätte besser erfolgen können. „Ich weiß ja nicht, wie es laufen würde, wenn es richtig gut wäre“, lacht er.

Jedenfalls können Schüler und Lehrer zufrieden mit dem enormen Fortschritt zum ersten Lockdown sein. Seitdem habe sich eine ganze Menge getan – insbesondere bezüglich der Digitalisierung an Schulen. „Bei uns hat das alles insgesamt ganz gut funktioniert. Das lag auch daran, dass Lehrer und Schüler miteinander gearbeitet haben“, sagt er froh. Beide Parteien haben sich gegenseitig unterstützt und Tipps gegeben, wenn mal etwas nicht so geklappt habe wie geplant.

Simon ist in der glücklichen Situation, bereits zu wissen, wie sein Leben nach dem Abitur weitergeht. Er werde am 1. September 2021 die Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration anfangen. Dafür habe er auch schon seinen Ausbildungsvertrag unterschrieben.

Über die Autorin
Freier Mitarbeiter
Neben dem Journalistik-Studium unterstützt Charlotte Schuster die Redaktion in Werne. Im Sommer 2020 hat sie ein Praktikum bei den Ruhr Nachrichten absolviert, welches ihr die schönen Seiten des Lokaljournalismus gezeigt hat.
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Charlotte Schuster

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