75 Jahre Kriegsende: Werner Zeitzeugen berichten über Straßensperren und Hamsterer

dzZweiter Weltkrieg

Die Zeit zwischen dem Einmarsch der Amerikaner und der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 war für die Werner Bevölkerung von Ungewissheit geprägt - und von kuriosen Begebenheiten.

von Heidelore Fertig-Möller

Werne

, 08.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als am 8. Mai 1945 um 23 Uhr die Waffen schwiegen und im französischen Reims und zeitversetzt in Berlin hohe deutsche Militärs die bedingungslose Kapitulation unterzeichneten, war endlich der Zweite Weltkrieg mit mehr als 50 Millionen Toten und ebenso das sogenannte „Tausendjährige Reich“ nach zwölf schrecklichen Jahren zu Ende.

Für die kleine Stadt Werne am Rande des Münsterlandes war der Krieg schon einige Wochen zuvor vorbei - zu Ostern am 30./ 31.März 1945, als die Amerikaner mit ihren Panzern Werne besetzten. Am 1. April vereinigten sich dann die alliierten Kampfverbände bei Lippstadt und somit war der Ruhrkessel mit mehr als 300.000 deutschen Soldaten und fünf Millionen Zivilisten geschlossen.

Am 17. April endete der Krieg zwischen Rhein, Ruhr und Weser, drei Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation – bei diesen letzten Kämpfen starben noch Tausende amerikanischer und deutscher Soldaten.

Bomberflotten zogen über Werne

Nach dem Einmarsch der Amerikaner in Werne zogen zwar nach wie vor noch die Bomberflotten ihre Kondensstreifen an den Himmel mit Zielen weiter im Osten, aber sie waren keine Gefahr mehr für die Bevölkerung in Werne. Die Menschen waren froh, dass sie überlebt hatten und Werne weitestgehend unzerstört geblieben war. Es gab in diesen Wochen keine Verwaltungsorgane mehr, keine Polizei noch sonstige Ordnungskräfte, aber auch keinen Schulbesuch oder Ähnliches.

Das Alte Amtshaus wurde in den 40er-Jahren zu einer Tauschbörse umfunktioniert. Heute ist es das Werner Stadtmuseum.

Das Alte Amtshaus wurde in den 40er-Jahren zu einer Tauschbörse umfunktioniert. Heute ist es das Werner Stadtmuseum. © Förderverein Stadtmuseum

Die englische Besatzungsmacht versuchte, durch Erlasse und Verordnungen eine neue Ordnung aufzubauen und als erstes wurde Carl Brauckhoff Anfang April als kommissarischer Bürgermeister von Werne eingesetzt – Zeitzeugen erzählten, dass der Kinobesitzer Brauckhoff deshalb auserwählt wurde, da er die englischen Soldaten mit einigen Brocken Englisch begrüßte, wie „Good morning“ und „How do you do“. Aber schon einige Tage später, am 17. April, übertrug die Besatzungs-macht dem Werner Architekten Theodor Wenning (1887-1958) das Bürgermeisteramt, der dieses Amt bis zum Jahre 1958 innehatte.

Der größte Arbeitgeber für Werne und Umgebung war bis dahin die Zeche Werne, die auch im letzten Kriegsjahr 1945 vor nennenswerten Zerstörungen verschont blieb, so dass sogar die in Duisburg ausgebombte Klöckner-Hauptverwaltung Zuflucht auf der Zeche Werne suchte. Nach dem Einmarsch der Amerikaner am 30. März konnte schon bald darauf mit der Förderung der lebenswichtigen Kohle schrittweise begonnen werden – damit war die Zeche Werne eine der ersten Ruhrzechen, die wieder ihren Betrieb aufnahm.

Die Zeche Werne in den 1940er Jahren: Mitte April 1945 übernahm die „Rhine Coal Control“ unter dem Schutz der englischen Besatzungsmacht die Befehlsgewalt über die Grube, denn Werne unterstand dem 3. Ruhrkohlendistrikt in Recklinghausen. Erst nach Einsetzung der Deutschen Kohlenbergbau-Leitung Ende 1947 wurden die Kontrolloffiziere zurückgezogen.

Die Zeche Werne in den 1940er Jahren: Mitte April 1945 übernahm die „Rhine Coal Control“ unter dem Schutz der englischen Besatzungsmacht die Befehlsgewalt über die Grube, denn Werne unterstand dem 3. Ruhrkohlendistrikt in Recklinghausen. Erst nach Einsetzung der Deutschen Kohlenbergbau-Leitung Ende 1947 wurden die Kontrolloffiziere zurückgezogen. © Förderverein Stadtmuseum

Straßensperren mitten in Werne

Magret Hatting, später Lehrerin an der ehemaligen Realschule Werne, berichtet über diese erste Zeit im April 1945 wie folgt:

In den ersten Tagen nach dem Einmarsch hatten wir nur eine Stunde Ausgang am Tag. Das war schlimm, aber wir brauchten nicht mehr im Keller zu sitzen und konnten endlich einmal durchschlafen. Wir hatten aber kein Wasser, da die Hauptwasserleitung zerstört war. So kamen die alten Brunnen und Wasserstellen in Werne wieder zu Ehren. Wir konnten gegenüber im Hof von Anstreicher Kroes Wasser holen. Wenn nun die Ausgangsstunde kam, bewaffneten meine Freundin und ich uns mit Eimern, Töpfen und Kannen, um das kostbare Wasser für den Tagesbedarf zu holen.

Es dauerte seine Zeit, denn viele Menschen aus der Nachbarschaft standen wartend am Brunnen. Wir liefen öfter hin und her, denn man konnte immer nur zwei Gefäße tragen und dabei kam es oft vor, dass wir die Ausgehstunde überschritten....Mutter stand in der Sperrstunde dann entweder in der Schlange für Magermilch oder Brot und sie hatte ihre liebe Not, alles in einer Stunde zu schaffen (...). Die Straßen waren mehr als unsicher. Überall hatte die britische Besatzung Straßensperren aufgestellt, die man nur zu bestimmten Zeiten am Tag mit Ausweis passieren konnte.

„Diese ‚Hamsterer‘ saßen sogar auf den Dächern oder standen auf den Trittbrettern.“
Magret Hatting

Weiter berichtete Magret Hatting in einem zweiten Aufsatz in der Broschüre „Kriegsende in Werne“ über die Versorgung in dieser Zeit:

Für alles brauchte man Marken und Bezugsscheine. Alle zehn Tage bekamen wir neue Lebensmittelkarten, die in Abschnitte für Fleisch, Fett, Zucker. Brot, Eier, Magermilch und Nährmittel eingeteilt waren. Es war wenig genug und musste dann für eine Dekade reichen. Oft verfielen die Marken, weil es nichts darauf gab…

Die wenigen Züge, die fuhren, waren mit Leuten aus dem Ruhrgebiet überbesetzt. Diese „Hamsterer“ saßen sogar auf den Dächern oder standen auf den Trittbrettern. In ländlichen Gebieten ergossen sich diese Hamstererschwärme über die Bauernhöfe, um Sachen, die sie entbehren konnten, gegen Lebensmittel einzutauschen. Man behauptete damals scherzhaft, dass die Bauern schon Teppiche im Kuhstall liegen hätten. Vielfach tat man aber den Bauern Unrecht, denn bei den Massen, die sich jeden Tag über die Höfe ergossen, konnten sie keinem viel geben.

Geschenke von den Kriegsgefangenen

Karl-Heinz Stengl, heute 85-jährig, berichtete in seinen Jugenderinnerungen in Werne auch von anderen Erlebnissen:

Probleme bereiteten die ehemaligen und jetzt befreiten russischen Kriegsgefangenen, die vorher in der Zeche Werne unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten. Lebensgefährlich wurde es nun für die, die es unterlassen hatten, sich vor dem Zusammenbruch diesen Gefangenen gegenüber von der menschlichen Seite zu zeigen (...)

Vor allem wir Kinder hatten keine Probleme mit den ehemaligen Gefangenen und Zwangsarbeitern, im Gegenteil, wenn wir unsere „Stulle“ mit ihnen teilten, bekamen wir kleine Geschenke in Form von geschnitztem Spielzeug und aus Holz gefertigte Schmuckkästchen – diese Zeit prägte uns sehr.“

Der russische Friedhof in Werne im Jahre 1954.

Der russische Friedhof in Werne im Jahre 1954. © Förderverein Stadtmuseum

Geschlossene Schulen und langes Warten

Helmut Langenberg, damals 15-jährig, erzählte über diese ersten Wochen nach dem Einmarsch wie folgt:

Die Schulen waren geschlossen, die Jugendverbände hatten sich mit dem Kriegsende in Nichts aufgelöst. Wir, die Jugend, die nach den Worten Adolf Hitlers die „Garanten der Zukunft“ waren, hatten keine Aufgabe mehr. Für uns war das Heldentum für Deutschland, wovon man uns vorher ohne Unterlaß erzählt hatte, über Nacht abhanden gekommen – keiner wagte mehr davon zu sprechen.

Die Wettbewerbe, bei denen es darauf angekommen war, zu zeigen, dass wir „flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wir Krupp-Stahl“ waren, waren vergessen. Mutter hatte meine Jungvolk-Uniform im Küchenherd verbrannt – wir hingen auf der Straße herum, hatten die Radios und Vaters Jagdwaffen bei der zentralen Sammelstelle in Werne abgeliefert und warteten auf das offizielle Kriegsende.

„So nähte meine Mutter mir ein Kleid aus Teilen von einem SA-Mantel...“
Irmgard Vehring

Irmgard Vehring schrieb in einem Aufsatz in derselben Broschüre „Kriegsende in Werne“ über die Versorgung in diesen ersten Nachkriegswochen:

Die Versorgung mit allem, was man zum Leben brauchte, war nicht besonders gut. Wer wertvolle Sachen hatte, konnte manchmal bei den Bauern etwas tauschen gegen Mehl, Eier, Speck oder Kartoffel. Es war nicht leicht, auf ehrliche Art etwas zu bekommen. Bauern, die ihre „Fremdarbeiter“ schlecht behandelt hatten, wurden oft überfallen und ausgeraubt. Es gab auch Tauschgeschäfte, dort konnte man Schuhe, Kleidung, Geschirr oder Kleinmöbel auch dann kaufen, wenn man nichts zum Tauchen hatte.

Einmal bekam ich Schuhe aus dem Tauschladen, der sich im Alten Amtshaus, dem heutigen Museum am Kirchhof, befand (...). Für die Kleidung galt das Wort „aus alt mach neu“. So nähte meine Mutter mir ein Kleid aus Teilen von einem SA-Mantel. Wie sie daran gekommen war, entzieht sich meiner Kenntnis. Es war besser, man fragte nicht so viel.

Die Broschüre mit den vielen Erlebnissen von Zeitzeugen vor 75 Jahren kann man beim Förderverein Stadtmuseum Werne gegen eine kleine Gebühr erhalten ( e-mail: fertig-moeller@web.de ) - diese berichtet von der entbehrungsreichen Zeit, die vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Werne und Umgebung herrschte.
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