Auch Lars Müller hat die Enttäuschungen, die man im Abstiegskampf oft erlebt, hautnah mitbekommen. © imago sportfotodienst
Fußball

„Die härteste Woche“: Benjamin Siegert und Lars Müller kennen den Tabellenkeller im Profi-Fußball

Benjamin Siegert und Lars Müller haben vor ihren Trainerstationen in Werne und Herbern einige Profi-Vereine abgeklappert. Deswegen können sie einiges zum Abstiegskampf und der Nationalmannschaft erzählen.

Die historische Krise auf Schalke war im auslaufenden Jahr eins der Top Themen in Sachen Fußball. Der Tönnies-Abgang und die sportliche Talfahrt sorgten dafür, dass Lothar Matthäus Schalke 04 in einer Kolumne zuletzt als „Flop des Jahres“ bezeichnete.

Und auch an der Basis rumort es beim Revierclub: viele Fans haben „die Schnauze voll“ oder wollen, „dass die endlich mal liefern“. Vier magere Punkte aus den ersten 13 Spielen; die Knappen halten die rote Laterne fest in den Händen und sind zur Winterpause das einzige Bundesligateam, das bislang immernoch sieglos ist.

Was es heißt, im Abstiegskampf zu stecken, haben Lars Müller und Benjamin Siegert in ihrer Zeit als Profifußballer selbst erfahren müssen. Sie können sich daher „gut in die Schalker hineinversetzen“, sagt WSC Trainer Müller. Etliche seiner mehr als 100 Erstliga- und über 200 Zweitligaspiele hat der 44-Jährige mit dem Abstiegsgespenst im Nacken absolviert. „Abstiegskampf ist einem Fan nur schwer vermittelbar“, sagt er und erinnert sich dabei besonders an seine zweite Spielzeit beim FC Augsburg.

„Wir durften am letzten Spieltag nicht verlieren“

Damals – 2007/2008 – entgingen die Schwaben nur knapp dem Abstieg in die dritte Liga. „Wir stehen da unten drin und bekommen am vorletzten Spieltag in der 93. Minute einen Elfmeter gegen uns“, erinnert sich Müller, dessen Team durch das späte 2:3 nicht nur das Auswärtsspiel im Fürther Ronhof verlor, sondern auch einen ganz wichtigen Punkt im Kampf um den Klassenerhalt. „Damit war klar: wir durften am letzten Spieltag nicht verlieren.“

Die Woche zwischen den beiden Partien sei „extrem“ gewesen, der Druck immens und der mögliche Abstieg bei jedem Training ein Thema. „Ich habe noch nie so eine harte Woche erlebt“, bilanziert Müller. „Da geht es wirklich um Existenzen. Angefangen bei der eigenen Familie, die bei einem Abstieg vielleicht schon wieder umziehen muss, bis hin zum Verein, der durch den Abstieg vielleicht ins Bodenlose fällt.“

Am Ende der Saison 2007/2008 retteten sich die Augsburger dann durch ein 1:1 gegen den bereits abgestiegenen FC Carl-Zeiss Jena aus eigener Kraft, beendete die Saison aber auf dem ersten Nichtabstiegsplatz. „Wenn der extrem lustige Mitspieler, der immer für einen Spruch gut ist, nach dem Abpfiff nicht lacht und sich freut, weil‘s vorbei ist, sondern einfach nur auf dem Boden sitzt und heult, dann weißt du, was Abstiegskampf mit dir macht“, bringt es Lars Müller auf den Punkt.

„Wenn du einmal da unten drin steckst, kommst du da auch nur ganz schwer wieder raus“, erinnert sich Benjamin Siegert, der 2011 mit dem VFL Osnabrück aus der zweiten Bundesliga abstieg. „Man sucht nach Gründen und nach Fehlern, und dann ist es eigentlich auch schon zu spät. Dann kriegt man das Ruder nicht mehr rum gerissen.“

Mit dem VfL Osnabrück stieg Benjamin Siegert in die dritte Liga ab. © imago sportfotodienst © imago sportfotodienst

Das Negative aus den vergangenen Spielen nehme man mit ins Training und das setze sich dann im Kopf fest. „Abstiege prägen“, sagt Siegert, der daraus auch für seine Trainerkarriere gelernt hat: „Die ersten Spiele einer Saison sind nur dafür da, um gar nicht erst in den Abstiegsstrudel rein zu geraten“, fasst er zusammen. Aber genau das sei in Gelsenkirchen in dieser Saison passiert.

Die Fans von Schalke 04 „wollen natürlich auch nicht absteigen“

„Was meint ihr denn, was da momentan auf Schalke los wäre, wenn jetzt Fans ins Stadion dürften?!“, fragt Lars Müller rhetorisch und hat auch Verständnis für die Situation der Fans. „Die wollen natürlich auch nicht absteigen – ganz klar.“ Der Frust über die Situation entlade sich dann aber einfach, schließlich sei Fußball für Menschen immer ein Ventil gewesen.

Ob es für die Profis des FC Schalke 04 nun besser sei, dass das Stadion leer ist, oder ob das keinen Unterschied macht, dazu will sich Benjamin Siegert nicht äußern. Für ihn ist jedenfalls klar: „Ohne die Leute im Stadion fehlt generell was“, schließlich gebe es „viele Leute, die ihr letztes Hemd für den Verein geben würden“, und genau „diese Emotionen fehlen“, sagt Siegert.

Bei Spielen der Deutschen Fußball Nationalmannschaft war gefühlt nicht nur das Stadion leer. Auch so manch ein Platz auf der Couch blieb im Jahr 2020 unbesetzt, während ein Länderspiel über den Bildschirm flimmerte. Anders als im Vorjahr gab es nach Angaben des ZDF kein einziges Länderspiel, das ein zweistelliges Millionenpublikum erreichte.

Darüber hinaus verbuchten Jogis Jungs auch einen Negativrekord: beim müden Testspiel 1:0 gegen Tschechien im November schalteten lediglich 5,42 Millionen Zuschauer ein– so wenig wie seit mindestens 20 Jahren nicht mehr.

Für Herberns Trainer Benjamin Siegert ist es wenig verwunderlich, dass das Interesse an der Nationalmannschaft abnimmt: „Heutzutage machst du ein paar gute Spiele und bis Nationalspieler. Von heute auf morgen bei der Nationalelf – das gab es früher nicht. Von elf Spielern der Nationalmannschaft kenne ich vielleicht fünf. Den Rest habe ich noch nie gehört“, moniert der ehemalige Bundesligaprofi.

Das gehe zu schnell und sei zu schnelllebig. Er würde sich wünschen, dass die Jungs „nicht von heute auf Morgen ins kalte Wasser geworfen werden“, und man sich den Platz im Nationalkader „wieder erarbeiten“ muss. „Zwei Jahre hart malochen“ und sich das Trikot mit dem Bundesadler auf der Brust „wieder verdienen“ – das wäre aus Siegerts Sicht ein möglicher Weg auch wieder mehr Beachtung für die Länderspiele zu bekommen.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter

Dorsten am Abend

Täglich um 19:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.