Wie eine Vredenerin mit libanesischen Wurzeln die Beirut-Explosion erlebte

dzVerheerende Explosion

Amira Rajab kommt aus Vreden. Die Heimatstadt ihres Vaters ist Beirut; der Ort, der am Dienstag von einer Explosion erschüttert wurde. In einem Gastbeitrag beschreibt sie, wie sie die Katastrophe erlebt hat.

von Amira Rajab

Vreden, Beirut

, 06.08.2020, 13:48 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dienstag, 5. August, 17.11 Uhr: Mein Bildschirm leuchtet auf: „Farah ruft an“, meine Schwester ist am Telefon, wir plaudern, beschweren uns über Instagram-Trends, die wir nicht verstehen und überlegen, wann wir uns das nächste Mal wiedersehen.

Gleichzeitig tippe ich am Computer. Fast beiläufig sehe ich, wie eine Eilmeldung aufploppt. Da leuchtet das Wort „Beirut“ in tiefroten Buchstaben: Explosion in der libanesischen Hauptstadt, steht da. Direkt berichte ich meiner Schwester davon, höre ihr nur noch halbherzig am Telefon zu, öffne Twitter und tippe „#Beirut“ ins Suchfeld.

Was ich dann sehe, ist kaum in Worte zu fassen: Eine Explosion mit unglaublicher Wucht. Sie bringt eine Rauchwolke zum Vorschein, die mich an einen Atompilz erinnert.

Schreiende Menschen und überall Trümmer

Fensterscheiben zerspringen, Gebäude, die kilometerweit vom Explosionsort entfernt sind, fallen ineinander, Autos werden unter Trümmern begraben, Menschen schreien vor Schmerzen. Da wo eben noch eine Stadtautobahn war ist plötzlich ein Trümmerwelt. Meine Schwester und ich sagen fast nichts mehr. Wir beenden das Telefonat.

Nach aktuellem Stand wurden mehr als 4000 Menschen durch die Folgen der Explosion verletzt.

Nach aktuellem Stand wurden mehr als 4000 Menschen durch die Folgen der Explosion verletzt. © picture alliance/dpa

Beirut hat sich innerhalb von Minuten in ein Kriegsgebiet verwandelt. Beirut, die Heimatstadt meines Vaters, der schon in jungen Jahren sein Land verlassen hat. Beirut, die liberale Hauptstadt an der Mittelmeerküste, Partyhotspot und Treffpunkt für Kunst und Kultur in der Levante, Melting-Pot der Religion.

Beirut, die Stadt, in der ich selbst noch bis vor einem Jahr gelebt habe, in der ich die warmen Sommernächte durchgetanzt habe, an heißen Tagen mit einem kühlen Getränk mit Freunden über die vielversprechende und dennoch verdammte Zukunft des Landes philosophiert habe, im Sammeltaxi mit dem Fahrer mein Arabisch aufgebessert habe und zum Frühstück bei meinem Onkel immer mehr gegessen habe, als eigentlich in mich hineinpasst.

Libanon ein „paradiesischer Ort“

Der Libanon ist nicht nur das Heimatland meines Vaters: Für mich ist er viel mehr, ein paradiesischer Ort, der es doch nie verdient hat in voller Blüte zu erstrahlen. Doch mit der Explosion zerschlägt sich dieses Gefühl endgültig. Denn der Libanon war schon zuvor geschwächt: Seit Oktober 2019 gehen die Libanesen auf die Straße, um gegen die korrupte Regierung zu protestieren.

Während am Anfang noch Aufbruchsstimmung herrschte, Libanesen auf der ganzen Welt die Flagge mit dem Zedernbaum in die Luft hielten und auf den langersehnten Wandel hofften, schlug die Stimmung schnell um. Das Land versinkt mittlerweile in einer tiefen politischen, wie wirtschaftlichen Krise.

Die Gegend rund um den Hafen liegt aktuell in Schutt und Asche.

Die Gegend rund um den Hafen liegt aktuell in Schutt und Asche. © picture alliance/dpa

Seit Jahresbeginn hat die Währung über 80 Prozent ihres Wertes verloren. Ein Glas Nutella kostet mittlerweile so viel wie zuvor der halbe Wocheneinkauf für die ganze Familie. „Wir sind das neue Venezuela“, sagen die Libanesen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warnt, dass wegen Lebensmittelknappheit Millionen Menschen der Hunger droht.

Hohe Arbeitslosigkeit und die Folgen der Pandemie

Auch die Arbeitslosigkeit ist hoch. Sie liegt laut Nachrichtenagentur AFP bei 35 Prozent im Juli 2020. Zum Vergleich: In Deutschland liegt sie laut Bundesagentur für Arbeit im Juli 2020 bei 6,3 Prozent.

Auch die Pandemie hat den Küstenstaat nicht verschont. Die Zahlen steigen, die Krankenhäuser sind überlastet. Das Gesundheitssystem steht wie das ganze Land vor dem Zerfall. Der Libanon wird fremdgesteuert, ist ein Spielball im Machtkampf im Nahen Osten und ist außerdem zur Heimat von Millionen von Geflüchteten aus der Region geworden – hauptsächlich aus Syrien und Palästina. 1,5 Millionen Geflüchtete leben mittlerweile im Libanon, das ist jeder vierte Bewohner.

Die Einsatzkräfte erhielten viel Unterstützung aus der Bevölkerung.

Die Einsatzkräfte erhielten viel Unterstützung aus der Bevölkerung. © picture alliance/dpa

Doch damit noch nicht genug: Schon vor Krisenzeiten zählte es zum Alltag im Libanon, dass der Strom hin und wieder ausfällt. Ich erinnere mich an aufgeregte Telefonate zu meinen Freunden nach Deutschland: Sie lachen, weil ich von Café zu Café renne, um endlich wieder W-Lan zu haben.

Strom fehlt täglich bis zu 20 Stunden

Lächerlich und zugleich unvorstellbar erscheint mir das heute: Denn die Cafés gibt es heute – nur ein Jahr später – nicht mehr, geschweige denn hätten sie Strom oder irgendwas, was sie mir anbieten könnten. Einen Kaffee könnte ich mir da auch nicht mehr leisten. Noch vor einem Jahr waren es im Zentrum von Beirut „nur“ drei Stunden täglich, an denen es keinen Strom gab. Mittlerweile wird der Strom bis zu zwanzig Stunden am Tag gekappt. Lässt es sich so überhaupt noch leben?

Doch gerade da, als alle gedacht haben, es geht nicht noch schlimmer, da explodiert der Hafen in Beirut. Ja, es geht schlimmer. Es ist wie ein Alptraum, der nicht aufhört. Allem Anschein nach handelt es sich dabei nicht um einen Anschlag – und so traurig das auch klingt, aber das macht es noch schlimmer: Denn die Regierung versagt auf allen Ebenen. Sie schafft es nicht einmal, das Volk vor ihren eigenen selbstsüchtigen Fehlentscheidungen und deren verheerenden Auswirkungen zu schützen.

Anstatt mit meiner Schwester zu telefonieren, sitze ich jetzt mit meinem Freund am Tisch. Er kommt aus Beirut und ist dort aufgewachsen. Doch er kann seine Stadt auf den Bildern nicht wieder erkennen. Und er spricht aus, was so viele in diesen Tagen denken: „Nun ist auch Beirut zerstört. Der Libanon ist verloren.“

Info:

Amira Rajab

Amira Rajab © privat

  • Amira Rajab (29) ist aufgewachsen in Vreden.
  • Sie arbeitet als freie Journalistin und war auch schon für die Münsterland Zeitung im Einsatz.
  • Aus der Heimatstadt ihres Vaters, Beirut, hat sie ebenfalls eine Zeit lang berichtet.
  • Mittlerweile lebt sie in Berlin und hat von dort die Katastrophe in Beirut beobachtet.
  • Bei der Explosion kamen nach aktuellem Stand knapp 150 Menschen ums Leben, über 4000 wurden verletzt.
  • Anmerkung: Dieser Text wurde zuerst am 5. August veröffentlicht beim Nachrichtenportal dasding.de.
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