Familie Hermesmeyer fühlt sich wohl in Wennewick-Oldenkott. Die schlechten Noten für die Familienfreundlichkeit kann sie deswegen nicht nachvollziehen. Doch es gibt auch berechtigte Kritik.

Vreden

, 23.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Durch das Esszimmerfenster der Familie Hermesmeyer kann man fast alles sehen, was Wennewick-Oldenkott ausmacht: die Kirche, die Gaststätte, die Dorfstraße, die Grenze. Ein idyllisches Dorf im Außenbereich von Vreden mit direktem Bezug zu den Niederlanden. Die Menschen wohnen gerne hier, das hat unser Ortsteil-Check ergeben. Zehn von zehn Punkten vergeben die Wennewicker in der Kategorie Lebensqualität.

Familie Hermesmeyer wohnt in einem Haus mit Geschichte, dem alten Zollhaus. „Mein Mann war früher Zollamtsvorsteher. 1970 sind wir hier eingezogen“, erzählt Elisabeth Hermesmeyer (86). Als die Grenze zu den Niederlanden 1995 endgültig geöffnet wurde, hat die Familie das Haus gekauft. Seitdem steigt auch die Verkehrsbelastung, hat Michael Hermesmeyer (62) beobachtet. „Das ist vor allem Durchgangsverkehr über die Grenze. Das ist schon mehr geworden, aber noch nicht dramatisch.“ Die acht Punkte für die Verkehrsbelastung findet er deswegen gerechtfertigt.

Ein Grenzstein an der Ecke des Grundstücks, eine gestrichelte Linie auf der Straße und ein kleines blaues Schild sind die einzigen Hinweise auf den Grenzübergang, die heute noch zu sehen sind. Ansonsten spielt die Grenze keine große Rolle mehr. Die Gaststätte, die viele Wennewicker für Feierlichkeiten nutzen, der kleine Laden, der Grundnahrungsmittel anbietet und der Friseur zum Beispiel sind auf niederländischer Seite. „Unsere Nachbarschaft geht auch über die Grenze hinweg“, sagt Michael Hermesmeyer.

Mit den niederländischen Angeboten und dem Bäcker und dem Getränkehändler, die regelmäßig nach Wennewick kommen und die Bewohner direkt an der Haustür versorgen, wird die Nahversorgung gesichert. Weil aber größere Einkaufsmöglichkeiten fehlen, gibt es in dieser Kategorie trotzdem nur sieben Punkte.

Nach Vreden sind es rund neun Kilometer. Für Andrea Hermesmeyer (49) ist das kein Problem: „Wenn man hier wohnt, dann weiß man ja, worauf man sich einlässt. Dann entscheidet man sich bewusst für das Dorfleben, auch mit seinen Nachteilen. Aber es gibt ja für alles eine Lösung.“

Ein gutes Beispiel dafür ist die Führerschein-Regelung für Sohn Theo (17). Er macht eine Ausbildung zum Mechatroniker in Heek. Da fährt er mit dem Auto hin, dank einer Sonderregelung. „Wenn der Arbeitsort mehr als 25 Kilometer entfernt ist und es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, kann man eine Sondererlaubnis beantragen“, erklärt Andrea Hermesmeyer. Der 17-Jährige hat erst seinen Führerschein gemacht und musste in einem zusätzlichen Test seine Reife unter Beweis stellen. Nun darf er den Arbeitsweg ohne Begleitung zurücklegen, obwohl er noch nicht volljährig ist. Mitnehmen darf er allerdings niemanden und auch zur Berufsschule darf er nicht mit dem Auto fahren.

Wennewick-Oldenkott: Kein Spielplatz, aber guter Zusammenhalt im Dorf

Wennewick-Oldenkott in Zahlen © Verena Hasken

Denn nach Ahaus gibt es eine Busverbindung über Alstätte. Zudem fahren Schulbusse und der Bürgerbus. Für die Verkehrsanbindung gibt es dennoch nur 3,5 Punkte. „Ja, man braucht hier schon ein Auto, als Familie mindestens zwei“, meint Michael Hermesmeyer. Aber auch das ist für die Familie kein großes Problem. Darauf kann man sich einstellen.

Eigentlich gibt es nur einen Kritikpunkt, den die Hermesmeyers nachvollziehen können: „Es gibt zu wenig Bauplätze, eigentlich gar keine. Das ist wirklich übel“, meint Andrea Hermesmeyer. Dabei gebe es so viele Leute, die gerne in Wennewick-Oldenkott wohnen wollen. „Aber weil sie hier nicht bauen können, ziehen viele nach Ellewick oder Ammeloe.“

Das wird positiv bewertet

Gastronomie: Volle Punktzahl gibt es für das gastronomische Angebot in Wennewick-Oldenkott. „Wir haben alles vor Ort“, meint auch Andrea Hermesmeyer. Gleich zwei Restaurants gibt es im Dorf, mit unterschiedlichem Angebot für verschiedene Anlässe.

Seelsorge: „Wir haben eine eigene Kirche mit Gottesdiensten. Die Kinder können hier zur Kommunion gehen und auch Taufen und Hochzeiten sind möglich“, sagt Andrea Hermesmeyer. Das Pfarrheim ist außerdem ein beliebter Treffpunkt im Ort, der auch von Vereinen genutzt wird. Acht von zehn Punkten gibt es in der Kategorie Seelsorge.

Wennewick-Oldenkott: Kein Spielplatz, aber guter Zusammenhalt im Dorf

In der Kirche in Wennewick-Oldenkott finden Gottesdienste, Taufen und Hochzeiten statt. © Victoria Thünte

Sauberkeit: Nichts zu meckern gibt es auch in der Kategorie Sauberkeit. Zehn von zehn Punkten vergeben die Wennewicker hier. „Die Menschen hier kümmern sich darum, dass es immer sauber ist. Sobald etwas auf der Straße liegt, wird es weggemacht“, erzählt Elisabeth Hermesmeyer. Ist es also wirklich immer sauber in Wennewick-Oldenkott? „Naja, nur nicht, wenn mal ein dreckiger Trecker durchs Dorf fährt“, sagt Michael Hermesmeyer und ergänzt direkt: „Sogar nach unserer Kirmes ist es am nächsten Morgen direkt wieder sauber.“

Das wird negativ bewertet

Jugendliche: 5,5 von zehn Punkten gibt es in der Kategorie Jugendliche. Der 17-jährige Theo Hermesmeyer aber äußert im Gespräch keine Kritik. Er scheint mit dem Dorfleben durchaus zufrieden zu sein. „Meine Clique habe ich in Köckelwick, da kann ich mit dem Fahrrad oder der Schwalbe hinfahren“, sagt er. In Wennewick selber ist er Mitglied in der Landjugend und mit den anderen Junggesellen aus dem Ort pflegt er Traditionen wie „Worst ophalen“. Fehlt dem 17-Jährigen denn irgendwas in Wennewick? „Nein, eigentlich nicht“, sagt er.

Das hat auch eine Umfrage des Jugendwerkes in den Vredener Kirchdörfern ergeben. „Es gibt kein Interesse an Angeboten in den Außenbereichen“, fasst Markus Funke die Ergebnisse zusammen. Aber: „Alles was wir machen, richtet sich natürlich an alle Jugendlichen.“

Familienfreundlichkeit: Nur drei von zehn Punkten vergeben die Wennewicker in der Kategorie Familienfreundlichkeit. Das ist mit Abstand der niedrigste Wert von allen Vredener Ortsteilen. Familie Hermesmeyer kann das überhaupt nicht nachvollziehen. „Eigentlich kann man hier als Familie super leben“, sagt Andrea Hermesmeyer. Ein Blick in die Anmerkungen gibt einen Hinweis darauf, warum dieser Wert so niedrig ausfällt. Gleich mehrere Teilnehmer beschweren sich, dass es in dem Ortsteil keinen Spielplatz gibt.

Wennewick-Oldenkott: Kein Spielplatz, aber guter Zusammenhalt im Dorf

Einen Spielplatz gibt es in Wennewick-Oldenkott nicht, aber die Stadt hat auf dem Schützenplatz zwei bewegliche Fußballtore aufgestellt. © Victoria Thünte

Diese Kritik ist Hermann Wilmer, der bei der Stadt Vreden für das Thema Spielplätze verantwortlich ist, nicht bekannt. „Dass ein Spielplatz fehlt, wurde noch nicht an mich herangetragen.“ Er erzählt jedoch von einer Initiative der Dorfbewohner im vergangenen Jahr: „Die Wennewicker sind auf uns zugekommen mit dem Wunsch, auf dem Schützenplatz Tore aufzustellen. Das haben wir auch gemacht.“ Ein Kinderspielplatz mit mehr Geräten ist im Spielplatzkonzept der Stadt nicht vorgesehen. „Da gibt es keine Überlegungen“, sagt Hermann Wilmer.

Senioren: Wie in den anderen Kirchdörfern werden auch in Wennewick Bedenken geäußert, ob ein Leben im Dorf im Alter machbar ist. Viele wollen später in die Stadt ziehen. „Ich nicht“, sagt Elisabeth Hermesmeyer (86) ganz deutlich. Sie ist Mitglied in der Seniorengemeinschaft Wennewick und trifft sich einmal im Monat mit anderen Seniorinnen, um gemeinsam zu stricken und Kuchen zu essen. Beim Einkaufen und Fahrten zum Arzt unterstützt die Familie. „Man muss das Leben hier gut organisieren, aber es ist alles machbar“, sagt Andrea Hermesmeyer abschließend.

Ein Ort direkt an der Grenze

Wennewick-Oldenkott: Kein Spielplatz, aber guter Zusammenhalt im Dorf

Oldenkott um 1980, vor dem Abbruch der Scheune der Gaststätte Wenning-Menert. © G. Bibow

  • Wennewick-Oldenkott liegt nordwestlich von Vreden direkt an der niederländischen Grenze.
  • Im Jahre 1657 wurde eine Antoniuskapelle errichtet, die als Missionsstützpunkt niederländischer Katholiken diente. Die Kapelle wurde 1923 erneuert und 1926 zur Rektoratskirche erhoben.
  • An der Grenze ist noch der Grenzstein Nummer eins von der 1773 zwischen Vreden und Anholt aufgestellten Grenze vorhanden.
  • Seit Ende 2017 steht auf dem Ortsschild offiziell Wennewick-Oldenkott statt nur Wennewick. Die Bezeichnung Oldenkott stammt von einem beziehungsweise später mehreren Händlern, die direkt an der Grenze ansässig waren. Oldenkott ist keine Ortschaft, sondern nur eine Ortsbezeichnung innerhalb der Bauerschaft Wennewick.
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