Zu gefährlich: Hausmeister traut sich nicht mehr alleine in Vredener Flüchtlingsunterkunft

dzAmtsgericht

Der Streit in der Flüchtlingsunterkunft in Vreden entzündete sich an verdreckten Toiletten und endete mit dem Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung. Ein Fall fürs Amtsgericht Ahaus.

Ahaus

, 15.10.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zwei Unterkünfte gebe es in Vreden, in die er mittlerweile nicht mehr allein gehe, erklärte der Hausmeister der städtischen Asylunterkünfte am Montag in der Verhandlung im Amtsgericht Ahaus.

„Zu gefährlich“, sagte der städtische Bedienstete im Zeugenstand „Man weiß nie, wie die Bewohner drauf sind.“ Die Gebäude nicht allein zu betreten, sei eine Anweisung vom Sozialamt.

Schwierige Wahrheitsfindung

Zu den Einrichtungen zählt die Unterkunft, in der es am 26. Oktober vergangenen Jahres laut Staatsanwaltschaft zu einer gefährlichen Körperverletzung gekommen war. Als Angeklagter stand ein 25 Jahre alter Nigerianer vor Gericht.

Ausgangspunkt war ein „Toilettenstreit“ an dem besagten Tag. Wie die Staatsanwältin vortrug, soll der 25-Jährige nach einem Streit einen Mitbewohner von der fünften Treppenstufe hinuntergestoßen haben.

Das Opfer stieß mit dem Kopf gegen eine Wand. Anschließend soll der Nigerianer dem Mann die Spitze eines Flachfeilenblatts in den Arm gestoßen haben.

Die Wahrheitsfindung in der Verhandlung gestaltete sich für den Richter und die Staatsanwältin einigermaßen schwierig.

Der Nigerianer gab an, Englisch sei seine Muttersprache. Seine Ausführungen machte er in einer Mischung aus Englisch und Deutsch. Der frisch vereidigte Englisch-Dolmetscher hatte Probleme, der Aussage des Angeklagten zu folgen. Mal wurde übersetzt, mal nicht.

Verschmutzte Toiletten

Der 25-jährige Angeklagte, der seit sechs Jahren in Vreden lebt, schilderte seine Version: In der Unterkunft gebe es drei Toiletten. Das WC im Erdgeschoss sei nicht in Ordnung. „Deshalb gehe ich nach oben.“Damals sei es zu einem Streit mit einem Mitbewohner gekommen. Es sei darum gegangen, wer die Toiletten verschmutzt hinterlasse und wer sie saubermachen soll.

Der Kontrahent sei in die Küche gegangen und habe ein Messer geholt. „Ich habe eine Feile geholt“, sagte der 25-Jährige. Zwei weitere Mitbewohner hätten ihn festgehalten und ihm die Feile weggenommen. „Dann hielt mir einer ein Messer vors Gesicht.“ Weder habe er jemanden von der Treppe geschubst, noch mit einer Feile zugestochen. „Als die Polizei kam, lag ich auf dem Boden und einer hielt mich fest.“

Der Verteidiger des 25-Jährigen berichtete von unterschiedlichen Reinlichkeitsvorstellungen der Bewohner. „Ihnen wurden Toiletten zugewiesen.“ Sein Mandant wollte damals eine andere Toilette benutzen.

In der Flüchtlingsunterkunft gebe es kleine Konflikte, sagte der Verteidiger. Der Angeklagte sei der einzige Nigerianer in dem Haus. Der Großteil komme aus Guinea und spreche Französisch.

„Kindersoldat“

Sein Mandant sei im Alter von sieben Jahren von Boko Haram – einer islamistischen terroristischen Gruppierung – verschleppt worden, berichtete der Verteidiger. „Er war ein Kindersoldat, hat nie eine Schule besucht und leidet heute an traumatischen Erlebnissen.“

Der Hausmeister der Flüchtlingsunterkunft ging im Zeugenstand auf den Grund für den Toilettenstreit ein. „Ich sollte damals die WC-Anlagen mit Schließanlagen versehen“, berichtete er.

Der Angeklagte hätte damals auf der Toilette im Obergeschoss „rumgesaut“, was Beschwerden der Mitbewohner zur Folge hatte. Dem 25-Jährigen sei ein eigenes WC und eine Dusche im Erdgeschoss zugewiesen worden – mit einem Schlüssel nur für ihn. „Trotzdem versuchte er, oben reinzukommen und trat gegen die Tür. Ich habe ihm gesagt, dass er das mit dem Sozialamt klären soll.“

Daraufhin habe sich eine Rangelei unter einigen Mitbewohnern entwickelt. „Mir wurde es zu bunt, ich habe dann das Sozialamt informiert.“ Nach dem Telefonat sei er nach draußen gegangen, zwei oder drei Leute hätten auf dem Angeklagten gelegen. „Ich rief dann die Polizei, weil die Mitarbeiter des Sozialamtes noch nicht da waren.“

„Multiple Traumatisierung“

Ob er Namen der Beteiligten nennen könne, fragte der Richter den Hausmeister. Das habe er sich abgewöhnt, antwortete dieser. „Das gibt nur Vorwürfe von Bewohnern, man würde manche Nationalitäten bevorzugen.“

Den Schubser des Angeklagten habe er gesehen, einen Messerangriff nicht. Das Opfer sei mittlerweile abgeschoben worden. Der 25-Jährige sei in der Unterkunft ein „Einzelgänger, der viele Sachen macht, die er nicht machen darf“.

Das Problem sei die multiple Traumatisierung des Angeklagten, sagte ein Beteuer des psychosozialen Dienstes des LWL. Der 25-Jährige schlafe erst, wenn die Sonne aufgehe. „Er ist überfordert, was sein Leben hier angeht.“ Pünktlichkeit, Sauberkeit und Behördengänge seien problematisch.

50 Sozialstunden ableisten

„Es bleibt ein bisschen nebulös, was da passiert ist“, sagte der Richter nach der Beweisaufnahme. Er regte die Einstellung des Verfahrens an, verbunden mit der Auflage, dass der 25-Jährige 50 Sozialstunden ableistet. „Eine Geldauflage ist angesichts der Einkommensverhältnisse eher schwierig.“ Staatsanwältin und Verteidiger stimmten zu.

Der 25-Jährige wies darauf hin, dass er Medikamente nehmen müsse und anschließend ermattet sei. Er wolle aber versuchen, die aufgegebenen Stunden zu arbeiten.

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