Talkshow mit Überlänge: Bürgermeisterkandidaten liefern sich Schlagabtausch

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Eine teils kontrovers geführte Debatte lieferten sich die vier Vredener Bürgermeisterkandidaten am Dienstag im Foyer des Gymnasiums. Vor allem beim Thema Innenstadt kochten die Gemüter hoch.

Vreden

, 02.09.2020, 16:40 Uhr / Lesedauer: 4 min

Vier Kandidaten hoffen darauf, von den Vredenern zum Bürgermeister gewählt zu werden – zur Not über eine Stichwahl. Am Dienstagabend hatten Elmar Kampshoff (UWG), Gertrud Welper (Die Grünen), Norbert Wesseler (SPD) und Tom Tenostendarp (CDU und FDP) noch einmal die Gelegenheit, Eigenwerbung zu betreiben.

Auf Einladung der Münsterland Zeitung, der Kolpingsfamilie und der KAB standen die Vier im Forum des Gymnasiums bei einer rund zweistündigen Talkshow Rede und Antwort. Die drei Moderatoren – Bernd Schlusemann (Redaktionsleiter Münsterland Zeitung), Victoria Garwer (Redakteurin Münsterland Zeitung), Ansgar Trautmann (Kolpingsfamilie) – hatten sich für diesen Abend ein besonderes Format überlegt.

Klare Spielregeln für die Talkshow

Zunächst stellten sich die Kandidaten aber gegenseitig vor. Keine leichte Aufgabe. Besonders nicht für Norbert Wesseler, der seinen Mitbewerber Tom Tenostendarp beschreiben sollte, diesen bis dato aber erst einmal persönlich getroffen hatte. Im Anschluss an die Vorstellungsrunde erläuterte das Moderatorenteam die Spielregeln des Abends.

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Talkshow mit den Vredener Bürgermeisterkandidaten

In zufällig bestimmter Reihenfolge durften sich die vier Bürgermeisterkandidaten eines der zehn vorgegebenen Themenfelder auswählen und dazu Stellung nehmen. Für die anderen bestand die Möglichkeit, sich per Joker-Karte in die Diskussion einzuklinken und eine Minute den eigenen Standpunkt zum Thema zu präsentieren.

Gertrud Welper macht den Anfang

Das Los entschied, dass Gertrud Welper zuerst die Bühne gehörte. Sie wählte – welch Überraschung – das Thema Umwelt. Bevor sie ihre Position präsentieren durfte, stellte ihr per Einspieler der Vredener Reinhard Lansing eine Frage. Er mache sich mit Blick auf das trockene Zwillbrocker Venn, das wenige Wasser im Ölbach und Ernteausfälle Sorgen: „Brauchen wir ein Wasserkonzept für Vreden?“

Ansgar Trautmann und Victoria Garwer moderierten den Großteil der Talkshow.

Ansgar Trautmann und Victoria Garwer moderierten den Großteil der Talkshow. © Johannes Schmittmann

Welper antwortete zunächst allgemein: „Wir brauchen auf jeden Fall Handlungsempfehlungen, wie wir mit dem Klimawandel umgehen. Denn er ist die Grundlage der Probleme vor Ort.“ Kritisch sieht die Bürgermeister-Kandidatin aber auch die Menge des Grundwassers, die die Salzgewinnungsgesellschaft (SGW) in Vreden abpumpt. „Wir müssen mit der SGW reden, sie muss weniger Wasser fördern.“

Ein komplettes Verbot sei allerdings nicht der richtige Weg, so Gertrud Welper: „Es gibt bestehende Verträge zwischen Landwirten und der SGW.“ Einen Appell richtete sie aber auch an die Bürger der Stadt: „Müssen wir unter Aspekten der Nachhaltigkeit gutes und teuer aufbereitetes Trinkwasser für unsere Pools nutzen? Wir haben nur diesen einen Planeten.“

Elmar Kampshoff wählt das Thema Arbeit

Der Bürgermeisterkandidat der UWG, Elmar Kampshoff, war als Zweites an der Reihe. Er wählte das Thema Arbeit. Dieses Mal war es Günter Kleingunnewyck, der eine Frage voranstellte: „Schon seit Jahren prangert die KAB die Situation der Arbeitsmigranten in Vreden an. Ist das nicht auch eine Sache, mit der sich die Kommunalpolitiker auseinandersetzen sollten?“

Kampshoff: „Die Schlüsselrolle der Politik ist nicht, der Wirtschaft vorzuschreiben, wie man mit Arbeitsmigranten umzugehen hat. Die Rolle der Politik ist die eines Katalysators.“ Bei diesem Thema müsse die Politik die richtigen Spieler an einen Tisch bringen und dafür sorgen, dass darüber diskutiert werde. Gemeinsam müsse man dann, „adäquate und verträgliche“ Lösungen finden – nicht nur bei der Situation der Arbeitsmigranten.

Die Diskussionsrunde dauerte insgesamt über zwei Stunden. Teils wurde kontrovers disktutiert.

Die Diskussionsrunde dauerte insgesamt über zwei Stunden. Teils wurde kontrovers disktutiert. © Johannes Schmittmann

Als Vaterfigur, wie Ansgar Trautmann die Antwort interpretierte, sieht sich Elmar Kampshoff in diesen Runden zwar nicht, aber er wolle jemand sein, der proaktiv Prozesse vorantreibe. „Ich will nicht erst darauf warten, dass Themen an uns herangetragen werden.“

Norbert Wesseler: „Die Vredener Innenstadt ist tot.“

Damit übergab er den Stab an Norbert Wesseler. Der amtierende Düsseldorfer Polizeipräsident erkor als sein Fachgebiet die Vredener Innenstadt aus. Weil Gertrud Welper ihren Joker nutzte, kam es zum ersten Duell des Abends. Welpers Prognose, dass es bei diesem Thema „zu keiner Konfrontation kommen werde“, sollte sich schnell als falsch erweisen.

Denn ihr Konkurrent von der SPD malte ein dystopisches Bild: „Wir haben es in der Vergangenheit nicht geschafft, in der Innenstadt Wirtschaftskraft anzusiedeln. Einzelne Handelsgeschäfte machen zu, ganze Straßenzüge sind leer.“ Für ihn sei die Innenstadt bereits tot.

„Wir wollen alle eine lebendige Innenstadt, wo man sich auch gastronomisch wiederfinden kann.“ Sein Lösungsansatz: eine stärkere Konzentration. Die Fußgängerzone sei zum Beispiel deutlich zu groß. „Da passt irgendwas nicht.“

Deutlicher Widerspruch von Gertrud Welper

Gertrud Welper widersprach Norbert Wesseler allerdings entschieden: „Die Innenstadt ist nicht tot. Wir haben einen gediegenen Einzelhandel, mit dem die meisten Menschen in Vreden gut klar kommen.“ In einer veränderten Welt, in der vor allem junge Menschen lieber im Internet einkaufen, gebe es aber auch andere Anforderungen an die Einzelhändler. Sie warf die Idee eines lokalen Online-Kaufhauses in den Raum.

Die gesamte Talkshow wurde live auf der Homepage der Münsterland Zeitung übertragen.

Die gesamte Talkshow wurde live auf der Homepage der Münsterland Zeitung übertragen. © Johannes Schmittmann

Daraufhin zückte auch Tom Tenostendarp seinen Joker. Eine Plattform für den Einzelhandel gebe es bereits. Eine Konzentration der Geschäfte und Gastronomie wie sie Nobert Wesseler vorgeschlagen hatte, sehe er aber ebenfalls als einen Ansatzpunkt an. Ein weiterer Vorschlag: „Wir als Stadt müssen uns in den Markt einmischen und Gebäude, die in der Innenstadt leer stehen, kaufen und dann zum Beispiel für ein Jahr günstiger verpachten.“

Auch Elmar Kampshoff sah nun den Zeitpunkt gekommen, sich in die Diskussion einzumischen. Vreden werde zwar nie eine große Einkaufsstadt, aber man könne Kultur und Tourismus mehr in den Vordergrund stellen. „Der Bürgermeister muss die Galionsfigur sein, der die Sache vorantreibt.“

Diskussionen um Bierbaum-Gelände

Wesseler und Welper sprachen auch noch einmal das gescheiterte Edeka-Projekt am ehemaligen Bierbaum-Gelände an. Beide bedauerten, dass es letztlich keine Mehrheit im Rat gefunden hat. „Ein Edeka wäre nicht der Tod der Innenstadt gewesen, davon bin ich felsenfest überzeugt. Denn wir haben den Zustand aktuell ohne Edeka“, so Gertrud Welper. Es sei durch nichts bewiesen, dass durch den Supermarkt die Innenstadt in einen noch schlechteren Zustand geraten würde.

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Als Letzter aus der Reihe wählte Tom Tenostendarp das Thema Bildung. Auch hier ging es kontrovers zur Sache. Zunächst erklärte der CDU-Kandidat: „Durch das zweigliedrige System aus Sekundarschule und Gymnasium machen wir vor Ort genau die richtigen Angebote. Für jedes Talent haben wir einen passenden Weg. Auch die Förderschule leistet sehr gute Arbeit.“ Die verschiedenen Optionen für Abiturienten in der Oberstufe bezeichnete er als „ausreichend“.

Diskussionen über Schulen erhitzen kurzzeitig die Gemüter

Elmar Kampshoff sah das anders: „Ich würde mich als Bürgermeister nicht auf die statische Festlegung des zweigliedrigen Schulsystems festlegen. Genauso wenig wie ich mit Mann und Maus eine Gesamtschule herbeireden will.“ Er fordert Flexibilität: „Sich jetzt kategorisch festzulegen, halte ich für falsch.“

Viel Widerspruch erntete Norbert Wesseler für seine Anregung, eine Zentralisierung der Grundschulen in den Kirchdörfern durch einen Gutachter prüfen zu lassen. Tom Tenostendarp erklärte: „Wir stehen für den Erhalt der drei Dorfschulen.“

Eine teils hitzig geführte Debatte endete nach über zwei Stunden – und hatte damit deutliche Überlänge. Langweilig wurde es allerdings nie.

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