„Schwerer Junge“ aus Enschede stahl in Vreden tonnenweise Aluminium

dzGerichtsprozess

Der Angeklagte wurde in Handschellen vorgeführt, gestand einen schweren Diebstahl – und durfte den Gerichtssaal doch als freier Mann verlassen. Er hatte in Vreden sechs Tonnen Aluminium gestohlen.

Vreden

, 25.08.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn die Justizwachtmeister im Amtsgericht sogar die Fenster abschließen und zu zweit Position hinter der Anklagebank beziehen, dann nimmt dort meist „ein schwerer Junge“ Platz. Der drahtige 45-jährige Mann aus Enschede, dessen tätowierte Unterarme mit Handschellen gefesselt sind, ist wohl so ein schwerer Junge. „Ich bin in den Niederlanden schon 107-mal verurteilt worden“, sagt er selbst. Er sagte auch: „Ich bin kokainsüchtig. Aber da bin ich wirklich nicht stolz drauf.“

Diebesgut im Wert von 10.000 Euro

Der Schrotthändler musste sich wegen eines schweren Diebstahls in Vreden vor dem Amtsgericht in Ahaus verantworten. Die Staatsanwaltschaft legte ihm zur Last, am 15. Februar 2013 mit zwei Komplizen, die sich gesondert verantworten müssen, in das Lager eines Metallbaubetriebs in Vreden eingedrungen zu sein und von dort insgesamt sechs Tonnen Aluminiumprofile im Wert von 10.000 Euro entwendet zu haben.

Der Niederländer leugnete zunächst die Tat. Ja, er habe zwar die fraglichen Aluminiumprofile auf seinem Anhänger gehabt. Damit war er am Grenzübergang Sandersküper niederländischen Polizisten aufgefallen. Aber er habe nur einem Schrotthändler-Kollegen einen Gefallen tun wollen.

Angeklagter: „Ich wollte nur helfen“

Der habe ihm erzählt, sein Anhänger sei defekt. Da habe er mit seinem Anhänger nur aushelfen wollen. Irgendwo auf einem Parkplatz in Vreden habe man abends im Dunklen die Aluminiumträger auf seinen Anhänger umgeladen. Es seien aber weniger als sechs Tonnen gewesen.

„Wenn ich gewusst hätte, dass es sich um Diebesgut handelte, dann hätte ich das nie gemacht“, beteuerte der Angeklagte. Der Richter aber rechnete dem Angeklagten anhand der Uhrzeiten vor, dass seine Darstellung nicht stimmen konnte. „Ihre Geschichte passt einfach nicht“, so der Richter. Aber er stellte dem Schrotthändler in Aussicht, das Verfahren einzustellen, wenn er geständig sei und zumindest einen Teil des entstandenen Schadens wiedergutmache.

Beweisführung nach siebeneinhalb Jahren schwierig

Den Richter nannte zwei Gründe für sein Entgegenkommen. Erstens liege die Tat schon siebeneinhalb Jahre zurück, so dass sich möglicherweise manche Details nicht mehr klären ließen. Zweitens sei der Angeklagte nach der Tat in den Niederlanden straffällig geworden und habe längere Zeit in Haft gesessen. Nach deutschem Recht hätte der Richter aus den unterschiedlichen Straftaten eine Gesamtfreiheitsstrafe bilden müssen. „Und da wäre der Diebstahl in Vreden nur wenig ins Gewicht gefallen“, so der Richter.

Vor die Wahl gestellt, eine Verurteilung zu riskieren oder eine Entschädigung zu leisten, gestand der 45-Jährige den Diebstahl eher halbherzig und erklärte sich in einem Vergleich mit dem Anwalt des geschädigten Unternehmens bereit, innerhalb eines Jahres 5000 Euro als Wiedergutmachung zu zahlen.

Angeklagter war für die deutsche Justiz lange nicht greifbar

Dass es bis zum Prozess in Deutschland siebeneinhalb Jahre dauerte, lag daran, dass dem Niederländer lange Zeit keine Vorladungen zugestellt werden konnten, weil seine Meldeadresse nicht bekannt war. Das gelang erst vor wenigen Monaten. Weil der Mann der Vorladung aber nicht folgte, wurde ein Haftbefehl ausgestellt und vollstreckt. Die letzten sechs Wochen verbrachte der Mann bis zum Prozessbeginn in der Justizvollzugsanstalt in Münster.

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Nach Einstellung des Verfahrens fragte der 45-Jährige den Richter noch ein wenig ungläubig, ob er nun wirklich frei sei. Und ob er er Kilometergeld nach Münster beantragen könne, schließlich müsse er im Gefängnis noch eine persönliche Dinge abholen. Der Richter verneinte vehement, konnte sich das Lachen aber nicht ganz verkneifen.

„Verfahrenseinstellung ist kein Freibrief“

Dann wandte er sich jedoch noch einmal sehr ernst an den Niederländer: „Glauben Sie nicht, dass die Einstellung des Verfahrens ein Freibrief für künftige Straftaten in Deutschland ist. Beim nächsten mal können Sie keinesfalls mit einem Freispruch rechnen.“

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