Neue Hoffnung: Niedergelassene Ärzte aus Vreden wollen Lücke im Notarzt-Dienstplan stopfen

dzNotarzt-Debatte

Der Abzug des Notarztes aus Vreden sorgt weiter für hohe Wellen. Nun wollen niedergelassene Ärzte aus Vreden in die Bresche springen. Ein Vorstoß, der am Mittwoch auch den Kreis überraschte.

Vreden

, 30.10.2019, 21:09 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der geplante Abzug des Notarztes aus Vreden hat am Mittwochabend die Vredener Politik beschäftigt. Im Hauptausschuss bekam die niedergelassene Ärztin Mechthild Windmeier das Wort und sorgte für eine Überraschung: „Wenn man es wirklich will, bekommt man das auch auf die Beine stellen“, sagte sie.

Mit Kollegen habe sie sich im Vorfeld der Sitzung ausgetauscht. Eine ganze Reihe ihrer Kollegen sei bereit, den Notarzt-Dienst in Vreden fortzuführen. „Ad hoc könnten wir sicherlich 80 Prozent der Zeiten stellen“, sagte sie im Hauptausschuss.

Neue Hoffnung: Niedergelassene Ärzte aus Vreden wollen Lücke im Notarzt-Dienstplan stopfen

Rapport bei der Vredener Politik (v.l.): Die Geschäftsführer vom Klinikum Westmünsterland Ludger Hellmann und Holger Winter, der ärztliche Leiter Rettungsdienst Dr. Peter Wagener, Kreisdezernentin Dr. Elisabeth Schwenzow und Heribert Volmering, Fachbereichsleiter Sicherheit und Ordnung beim Kreis Borken, informierten am Mittwochabend den Hauptausschuss über den geplanten Abzug des Notarztes aus Vreden. © Stephan Teine

Davon waren auch Dr. Elisabeth Schwenzow, Dezernentin des Kreises Borken, und der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes Dr. Peter Wagener sichtlich überrascht. „Bei mir hat sich auf meine Nachfragen niemand gemeldet“, erklärte Wagener.

Niedergelassene Ärztin fürchtet um Qualität in der Notfallversorgung

Mechthild Windmeier setzte nach: Sie kritisierte den anstehenden Abzug des Notarztes scharf. Der Notarzt-Standort in Vreden müsse auch unabhängig vom Klinikum Westmünsterland für Vreden erhalten werden. „Sonst geht eine deutliche Qualität in der Notfallversorgung verloren“, sagte sie.

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So könnten Notfallsanitäter nicht so gut Zugänge legen, wie Ärzte das durch ihre Ausbildung lernen. „In meiner Zeit bis zum Facharzt habe ich sicherlich über 20.000 Venenpunktionen gemacht“, sagte Mechthild Windmeier. Da käme ein Notfallsanitäter sicherlich nicht dran.

„Schwierige Aufgaben nur durch Ärzte zu erfüllen“

Gerade bei Patienten im Schockzustand sei diese Erfahrung aber besonders wichtig, da es dann extrem schwierig sei, einen entsprechenden Zugang zu legen, um Medikamente zu geben. Sie wolle die Notfallsanitäter nicht kritisieren, sondern schlicht Unterschiede aufzeigen.

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Auch bei der Diagnose von Herzinfarkten oder dem Intubieren – also der Beatmung von Patienten – werde ein Notarzt benötigt. „Da geht sonst einfach viel Zeit verloren“, erklärte die Medizinerin.

Ärztlicher Leiter verteidigt Notfallsanitäter-System

Das wiederum wollte Dr. Peter Wagener so nicht stehen lassen. Der Notarzt werde ja nicht ersatzlos gestrichen. Er treffe durch die Neuregelung nur fünf bis zehn Minuten später ein. Diese Zeit könnten die Notfallsanitäter aber ohne Probleme überbrücken. „Bei einem Herzinfarkt wird auch in Zukunft in jedem Fall ein Notarzt hinzugezogen“, sagte er.

Wichtig sei aber die unmittelbare Versorgung des Patienten. „Es gibt in ganz Deutschland keine Hilfsfristen für Notärzte“, sagte er. Es gehe immer nur um das erste eintreffende Rettungsfahrzeug. Und das könne in Vreden zukünftig sogar noch etwas schneller als bisher eintreffen, weil der Rettungswagen nicht erst einen Notarzt am Krankenhaus abholen müsse.

Massive Qualitätssprünge im Rettungsdienst

Auch habe es in den vergangenen Jahren massive Qualitätssprünge im Rettungsdienst gegeben: „Beispiel Schmerztherapie: Die Rettungsassistenten durften früher keine Schmerzmittel geben. Notfallsanitäter dürfen das“, sagte er. Patienten könnten so also auch ohne Notarzt sicher und schmerzfrei ins Krankenhaus gebracht werden. Auch die Beatmung von Patienten könne durch Notfallsanitäter sichergestellt werden.

In Vreden gibt es aktuell acht Notfallsanitäter. Sieben ehemalige Rettungsassistenten, die durch einen Aufbaulehrgang die Qualifikation erworben haben und eine Notfallsanitäterin, die gerade ihre dreijährige Ausbildung abgeschlossen hat.

Kreis will Liste der niedergelassenen Ärzte prüfen

Die aufkeimende Diskussion zwischen Peter Wagener und Mechthild Windmeier unterband schließlich Bürgermeister Dr. Christoph Holtwisch. „Dieser Dialog auf ärztlicher Ebene hat für uns heute Abend hier nur einen beschränkten Erkenntnisgewinn“, erklärte er. Mechthild Windmeier hatte überhaupt nur durch einen Antrag der SPD-Fraktion Rederecht im Hauptausschuss bekommen. Sie bat noch darum, der Kreis möge versuchen, mit der Liste einen Dienstplan zu erstellen. Applaus von den rund 20 Zuhörern im Ratssaal.

Neue Hoffnung: Niedergelassene Ärzte aus Vreden wollen Lücke im Notarzt-Dienstplan stopfen

Der geplante Abzug des Notarztes aus Vreden hat in der Stadt für einige Aufregung gesorgt. © dpa

Elisabeth Schwenzow nahm die Liste mit niedergelassenen Ärzten noch am Abend entgegen. „Wir werden gerne Kontakt zu den Medizinern aufnehmen und alle Möglichkeiten prüfen, um die Situation abzufedern“, erklärte sie.

Klinikum sieht keine Alternative zur Kündigung

Das Klinikum Westmünsterland sieht keine Alternative zur Kündigung des Vertrags: Das hatte Ludger Hellmann, Geschäftsführer des Klinikums Westmünsterland, zu Beginn der Diskussion verdeutlicht: Das Klinikum habe zunehmend Probleme gehabt, den Dienstplan zu füllen. Sie hätten den Notarzt gerne weiter gestellt.

Doch: „Spätestens 2020 wird die Personaldecke so eng, dass wir die Versorgung nicht mehr sicherstellen könnten. Wir wären ärztlicherseits schlicht nicht dazu in der Lage. Und das ist Fakt“, sagte er.

Erste Ergebnisse der neuen Prüfung schon am 26. November?

Alle Beteiligten verwiesen auf den 26. November. Dann soll die Vredener Bevölkerung bei einem Informationsabend im Gymnasium Georgianum über die geplanten Änderungen informiert werden. „Wir versuchen, an diesem Abend auch Vertreter der Krankenkassen mit dabei zu haben“, erklärte Elisabeth Schwenzow. Denn auch der Kreis Borken könne ja nur bedingt steuern, wenn die Krankenkassen nicht mitziehen.

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Stefan Bengfort (CDU) dankte Mechthild Windmeier: „Schön, dass die Vredener Ärzteschaft helfen will.“ Auch er bat den Kreis um eine intensive Prüfung. „Vielleicht haben wir dann am 26. November ja schon erste Ergebnisse“, sagte er.

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