Kreis Borken will mit Gerüchten um den Abzug des Notarztes aus Vreden aufräumen

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Der Notarzt wird Ende 2019 aus Vreden abgezogen. Doch Dr. Peter Wagener, zuständiger Mediziner, räumt mit Gerüchten auf und ärgert sich über einige Kollegen, die es besser wissen müssten.

Vreden

, 25.10.2019, 17:58 Uhr / Lesedauer: 4 min

Dr. Peter Wagener ist ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Borken und Notarzt in Vreden. Zusammen mit der zuständigen Dezernentin vom Kreis Borken, Dr. Elisabeth Schwenzow, will er mit Gerüchten aufräumen, die rund um den geplanten Abzug des Notarztes aus Vreden entstanden sind. Peter Wagener ärgert sich vor allem über verschiedene Kollegen, die es besser wissen müssten und diese Gerüchte in Umlauf gebracht oder befeuert haben. „Ich weiß nicht, wie die auf so etwas kommen“, sagt er.

Zu folgenden Thesen und Gerüchten (jeweils gefettet) nahmen die beiden Stellung:

These: Notfallsanitäter können im Ernstfall nicht ausreichend helfen

Viele Tätigkeiten, die früher nur von Ärzten durchgeführt wurden, sind heute – im Kreis Borken – an die Notfallsanitäter deligiert: Was sie genau dürfen, entscheidet der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes.

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Peter Wagener vergleicht den Notfallsanitäter mit den Paramedics in den Niederlanden. „Dort gibt es überhaupt keine Notärzte“, sagt er. Niederländische Kollegen würden ihn immer wieder fragend ansehen, wenn er mit ihnen über das Notarzt-System spricht. „Die fragen mich ‚Warum braucht ihr da einen Arzt?‘“, erklärt er. Gleichzeitig schränkt er aber auch ein, dass die Niederlande an dieser Stelle schon 30 Jahre weiter seien. „Das System bei uns ist eben so gewachsen“, erläutert er.

These: Notfallsanitäter dürfen einen Patienten nicht transportieren, ohne dass ein Notarzt die Freigabe erteilt

„Natürlich darf ein Notfallsanitäter einen Patienten transportieren, ohne dass ein Notarzt die Freigabe erteilt hat“, sagt Peter Wagener. „Das muss er sogar.“ Auch eine ganze Reihe von Medikamenten dürfen Notfallsanitäter geben. Etwa bei allergischen Reaktionen, Unterzuckerung, Asthmaanfällen, Herzinfarkt, Vergiftungen, Bluthochdruck, Krampfanfällen oder massiver Übelkeit. Auch schmerzstillende Medikamente dürfen die Notfallsanitäter verabreichen.

These: Notfallsanitäter haben keine besondere Ausbildung

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Rettungssanitätern, Rettungsassisstenten und Notfallsanitätern: Peter Wagener und Elisabeth Schwenzow räumen ein, dass die Begrifflichkeiten missverständlich sind.

Rettungssanitäter haben eine Ausbildung von 520 Stunden. „Vor allem im ehrenamtlichen Bereich werden sie häufig noch eingesetzt“, erklärt er.

Vor etwa 20 Jahren wurde dann der Rettungsassisstent eingeführt: Dem Beruf liegen eine einjährige schulische Ausbildung und ein einjähriges Praktikum zu Grunde. Notfallsanitäter gibt es seit rund fünf Jahren. Es ist ein vollwertiger Ausbildungsberuf mit einer dreijährigen Vollausbildung. Entsprechend hoch sind die Notfallsanitäter qualifiziert.

These: In jedem Notfall wird ein Notarzt alarmiert

Bei einem Oberschenkelhalsbruch etwa werde schon heute kein Notarzt mehr gerufen. Auch bei einem Schlaganfall gehe es nicht darum, den Patienten vor Ort zu versorgen, sondern ihn so schnell wie möglich in die Stroke-Unit nach Borken zu bringen.

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Für Herzinfarkte oder einen Herz-Kreislauf-Stillstand werde auch in Zukunft ein Notarzt alarmiert. Das Wichtige sei aber, dass Notfallsanitäter schnell mit der Wiederbelebung beginnen. Ein Notarzt könne dann später dazu kommen.

Auch die Sicherung der Atemwege sei kein Problem: Notfallsanitäter dürfen einen so genannten Larynx-Tubus legen, um Patienten im Notfall zu beatmen.

These: Ein Notarzt muss als Erster an der Einsatzstelle eintreffen

Die Hilfsfristen werden immer nur für das erste Rettungsfahrzeug gemessen, das am Unfallort eintrifft. Und die können sich durch die Änderung in Vreden sogar verbessern. „Weil der Rettungswagen in Vreden nicht erst noch den Notarzt vom Krankenhaus abholt sondern direkt zur Einsatzstelle fährt“, erläutert Peter Wagener weiter.

Er wirft einen Blick auf aktuelle Einsätze: 31 Mal ist in diesem Jahr ein Notarztfahrzeug von Stadtlohn nach Vreden ausgerückt. Durchschnittlich brauchte der Wagen 10:24 Minuten. Neun Mal kam der Notarzt aus Ahaus. Fahrtzeit: 11:30 Minuten. „Es dauert also keine Ewigkeit, bis der Notarzt eintrifft“, so Peter Wagener.

These: Für Vreden wurden keine Alternativen für den Notarzt-Standort geprüft

Falsch. Sogar das Agentur-Modell wurde vom Kreis für die Stadt durchgeprüft. „Das wurde aber von den Krankenkassen als Kostenträger abgelehnt“, erklärt Elisabeth Schwenzow. Der finanzielle Aufwand stehe in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Einsatzzahlen in Vreden.

Außerdem gebe es in ganz Nordrhein-Westfalen nur einen Notarzt-Standort, der komplett durch eine Agentur besetzt wird. „Im Kreis Steinfurt hat man vor kurzem versucht, so einen Standort auszuschreiben“, erklärt Dr. Peter Wagener. Darauf habe es keine einzige Bewerbung gegeben.

These: Es gibt genügend Notärzte, die in Vreden bereitstehen

„Nur ein niedergelassener Arzt beteiligt sich aktuell am Notarzt-System“, sagt er. Weitere Ärzte hätten ihre Notarzt-Bereitschaft schon vor Jahren niedergelegt. Bei den jungen Assistenzärzten im Krankenhaus sieht es ähnlich aus. „In 90 Prozent der Fälle wird der Passus über den Notarzt-Dienst im Arbeitsvertrag gestrichen“, sagt Peter Wagener. „Würde er nicht gestrichen, würden die jungen Mediziner gar nicht erst anfangen.“

Es gebe eben inzwischen ganz einfach einen Mangel an Ärzten. Vor allem auf dem Land. Gleichzeitig erfordere die Bereitschaft zum Notarzt-Dienst seit einigen Jahren auch einigen Aufwand an Fortbildungen. „Das ist für viele schlicht unattraktiv“, erklärt er. Schon jetzt sei es ein großer Aufwand, den Dienstplan „zusammenzustricken“. Er muss es wissen: Schließlich schreibt er die Dienstpläne für den Notarzt-Dienst in Vreden. Das werde in den kommenden Jahren nicht besser.

These: Es gibt nur noch zwei Notarztstandorte. Dadurch wird die Versorgung insgesamt schlechter

Auch das belegen sie mit Zahlen: Der Notarzt in Ahaus versorgt aktuell knapp 60.000 Menschen in Ahaus, Legden, Heek und Schöppingen. Der in Stadtlohn bisher 47.000 in Stadtlohn, Südlohn und Gescher. Es gebe noch ausreichend Kapazitäten. Außerdem gab es früher – als der Notarzt noch häufiger alarmiert wurde – viel öfter den Fall, dass es zwei Einsätze gleichzeitig gab und sich die Wartezeiten entsprechend verlängert haben.

Zum Vergleich: In der Stadt Münster mit rund 320.000 Einwohnern gebe es zwei Notärzte. Im Landkreis Grafschaft Bentheim gebe es nur ein Krankenhaus mit 1,5 Notarztstellen.

These: Aus Sicht des Kreises ist das ja alles ganz einfach. Kein Mensch denkt an die Vredener

Peter Wagener blickt auch durch eine Vredener Brille. „Ich bin selbst Vredener – also im Ernstfall auch auf die Notfall-Versorgung für meine Familie und mich angewiesen. Und ich glaube nicht, dass durch den Abzug des Notarztes von hier jemand zu Schaden kommt.“

Dann war die ganze Aufregung wohl nur heiße Luft

Dr. Elisabeth Schwenzow übt am Ende auf Nachfrage Selbstkritik: „Ich würde die Information der Öffentlichkeit nicht mehr so lange zurückhalten und die Hausaufgaben vorher machen“, sagt sie. Damit meint sie auch die Fragen und Antworten, die der Kreis Borken zu dem Thema am Donnerstagabend veröffentlicht hat. Sie verstehe die Aufregung der Vredener. „Wenn wir die ganz zu Beginn zusammengetragen hätten, wäre wohl viel Druck im Kessel gar nicht erst entstanden“, sagt sie.

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Eine erste Information war schon Anfang Juli fertig, wurde dann aber doch noch einmal zurückgehalten, weil Details abgestimmt werden sollten. „Das würde ich heute nicht mehr so machen“, sagt sie. Gleichzeitig hofft sie, dass bei der Bürgerinformation am 26. November im Georgianum letzte Zweifel ausgeräumt werden können.

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