In der Isolation weinen Kinder häufiger und werden rebellisch. Aber auch für Eltern sind nicht alle Maßnahmen nachvollziehbar. Fünf Vredener Tagesmütter berichten aus ihrem Corona-Alltag.

Vreden

, 10.05.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich wollte der „Tageseltern-Verein Vreden-Stadtlohn-Südlohn“ in diesen Tagen sein 20-jähriges Bestehen feiern. Das Coronavirus machte den Planungen jedoch einen Strich durch die Rechnung. Schwerwiegender sei aber, dass eine reguläre Tagesbetreuung zurzeit nicht möglich ist.

Das stelle nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern vor eine Herausforderung, sagen Claudia Albersmann, Sandra Diatz, Claudia Müller-Brunzlow, Tanja Schüring und Heidi Wilmer. Sie gehören zu den rund 40 Vredener Tagesmüttern, die im Verein organisiert sind.

Notbetreuung nur für systemrelevante Berufsgruppen

Aktuell arbeiten die selbstständigen Tagesmütter nur in der Notbetreuung. Das heißt, sie kümmern sich um die Kleinkinder bis drei Jahre - abgesehen von Ausnahmegenehmigung - von Eltern, die in den sogenannten systemrelevanten Berufsgruppen arbeiten. Eltern, deren Berufe nicht als relevant für das System gelten, können die Kindertagespflege nicht in Anspruch nehmen.

Eigentlich wollten der "Tageseltern - Verein Vreden - Stadtlohn - Südlohn" in der Woche der Kindertagespflege (11. bis 16. Mai 2020) sein 20-jähriges Bestehen feiern.

Eigentlich wollten der "Tageseltern - Verein Vreden - Stadtlohn - Südlohn" in der Woche der Kindertagespflege (11. bis 16. Mai 2020) sein 20-jähriges Bestehen feiern. © Privat

Die neue Situation wirble einiges im Verhältnis zwischen den Tagesmüttern und den zu betreuenden Kindern durcheinander. Mit Videoanrufen und Sprachnachrichten halten die Tagesmütter Kontakt zu den Kindern. „Es ist wichtig, präsent zu sein, dass die Kinder weiterhin unsere Stimmen hören und unsere Gesichter sehen“, erklärt Claudia Müller-Brunzlow. Die Eltern der Kinder zeigen sich in dieser Hinsicht sehr verständnisvoll, so die fünf Tagesmütter.

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Denn sobald eine reguläre Tagespflege wieder möglich ist, fürchten die Tagesmütter, dass die morgendliche Übergabe den Kindern schwer fallen könne. „Gerade die Kleinsten werden wieder eine erneute Eingewöhnung brauchen“, so Claudia Albersmann.

Kinder weinen öfter und werden rebellisch

Die Kontaktbeschränkungen seien für viele Kleinkinder unverständlich. Inbesondere Einzelkindern mache die Isolation zu schaffen. „Sie leiden darunter, wenn sie keinen Kontakt zu Gleichaltrigen haben, oder ihre Großeltern nicht sehen können“, sagt Tanja Schüring.

Diese Kinder würden öfter weinen oder rebellisch werden, sagen die Tagesmütter. Es sei daher höchste Zeit, dass auch für Kinder die Normalität wieder einkehre. „Die Kinder wollen immer beschäftigt werden“, so Sandra Diatz.

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Claudia Albersmann merke das ebenfalls bei Flüchtlingskindern, die sie betreut. Diese würden in alte Muster zurückfallen, hätten wieder Angst vor anderen Menschen und verlernen die neu gelernte Sprache.

Doch selbst bei den Tageskindern, die zurzeit in die Pflege dürfen, seien Verhaltensänderungen bemerkbar. „Ein Kind wollte gar nicht mehr vom Schoß seiner Mutter“, erzählt Albersmann. Es habe sogar Angst vor Dingen draußen gehabt, die ihm mittlerweile nicht mehr vertraut seien. In den vergangenen Wochen hätten viele Kleinkinder nur die häusliche Umgebung erlebt.

Eltern können Systemrelevanz nicht nachvollziehen

Die Eltern der Pflegekinder seien jedoch zunehmend irritiert, berichten die fünf Vereinsmitglieder. Nicht immer sei aus Sicht der Eltern nachzuvollziehen, welche Berufsgruppen nun als systemrelevant gelten und Anspruch auf die Notbetreuung hätten. Die genauen Regelungen stehen Woche für Woche auf dem Prüfstein.

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In dieser Hinsicht wenden sich die Tagesmütter an die Fachberater des Sozialdiensts Katholischer Frauen und loben deren Betreuung: „Die Fachberater sind für uns immer erreichbar, bei ihnen sind wir gut aufgehoben“, so Tanja Schüring. Dabei sei den Tagesmüttern klar, dass auch der SKF die Anweisungen von Kreis und Land abwarten müsse.

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Einfach sei die Situation aber auch für die Tagesmütter nicht. „Manche von uns können nicht arbeiten, weil sie selbst zu einer Risikogruppe gehören“, sagt Heidi Wilmer. Da die Tagespflege oft im eigenen Haushalt stattfindet, müsse zusätzlich darauf Rücksicht genommen werden, wenn Ältere oder Menschen mit Vorerkrankungen im selben Haushalt leben.

Abstandsregelungen mit Kindern nicht umzusetzen

Abstandsregelungen seien mit Kleinkindern nämlich nicht umzusetzen. „Sie wollen in den Arm genommen werden oder wollen sich die Bilder in den Bilderbüchern anschauen“, erklärt Müller-Brunzlow. Nähe sei hier unvermeidbar. Und ein Mundschutz im häuslichen Bereich könne die Kinder verschrecken.

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Hygiene sei schon vorher ein wichtiger Punkt in der Arbeit der Tagesmütter gewesen, doch nun achte man vermehrt auf zusätzliche Vorkehrungen. Für die Eltern stehe Desinfektionsmittel bereit, Türgriffe werden regelmäßig desinfiziert und Einmalhandtücher verwendet. Das Händewaschen werde spielerisch mit viel Wasser und Seife eingebaut. „Das lieben die Kinder sowieso“, scherzt Sandra Diatz.

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„Ansonsten achten wir darauf, mit den Kindern viel Zeit im Garten oder mit Spazieren zu verbringen“, so Heidi Wilmer. In die Stadt oder zur Eisdiele gehe man mit den Kindern aber nicht mehr. Das haben sie in Absprache mit den Eltern so beschlossen.

Das nächste Jubiläum des Vereins wollen die Tagesmütter übrigens nicht ausfallen lassen. Das 25-jährige Bestehen soll 2025 gefeiert werden.

Alle Fragen rund um die Kindertagespflege beantwortet die Fachberatung der SKF Kindertagespflege, Tel. (02564) 93 28 11, Tel. (02564) 93 28 12, Kirchplatz 10, 48691 Vreden. Das Gespräch mit den Tagesmüttern wurde am Freitag, 8. Mai, geführt. Am selben Tag gab NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) bekannt, dass ab dem 14. Mai Kinder ab zwei Jahren wieder zu ihren Tagesmüttern oder -vätern dürfen.
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