Georg Wessels bläst die komplette Feier zum 275-jährigen Jubliläum ab

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Es wäre ein besonderer Tag für das Schuhhaus Wessels gewesen. Seit 275 Jahren gibt es den Familienbetrieb. Inzwischen in der neunten Generation. Doch das Coronavirus macht da keine Ausnahme.

Vreden

, 16.05.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

275 Jahre Schuhmachertradition wollte Georg Wessels in diesem Jahr eigentlich feiern. Eigentlich. Denn auch diese Pläne wurden vom Coronavirus durchkreuzt. Missmutig sitzt er in seinem Wohnzimmer über dem alten Schuhgeschäft und jetzigen Miniaturschuhmuseum in der Neustraße. „So ein Jubiläum kann man doch nur einmal feiern“, sagt er. Deswegen möchte er die Feierlichkeiten auch nicht nachholen.

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Schon Anfang März zog er die Notbremse. „Da zeichnete sich für mich schon ab, dass die Probleme rund um das Coronavirus größer werden“, erklärt er. Nach einer kurzen Abstimmung mit der Familie sagten sie das Jubiläum ab.

Feier mit 15 größten Menschen der Welt war geplant

Dennoch tue das in diesen Tagen noch einmal richtig weh. „Heute wäre der stressigste Tag gewesen“, erklärt er am vergangenen Mittwoch. Dann wären seine besonders großen Kunden – er nennt sie Riesen – aus aller Welt angereist. Für sie macht er seit Jahren besondere Schuhe – in der Regel kostenlos. Gemeinsam hätte er mit ihnen in Vreden gefeiert. Auch eine Veranstaltung im Kult hatte er geplant. Mit Vorträgen und Austausch zum Thema Akromegalie – dem krankhaften Riesenwuchs – und mit verschiedenen prominenten Besuchern. „Alles abgesagt“, sagt Georg Wessels. Die 15 größten Menschen der Welt wollte er nach Vreden holen.

Auch Jeison Rodriguez aus Venezuela, der Mensch mit den größten Füßen der Welt (Schuhgröße 66) wäre zum Jubiläum der Firma Wessels nach Vreden gekommen. Das Bild zeigt ihn im Juni 2018. Da bekam er in Vreden passende Schuhe von Georg Wessels. Gleichzeitig nahm Lucia Sinigagliesi, Richterin des Guinessbuch der Rekorde, für den Eintrag Maß.

Auch Jeison Rodriguez aus Venezuela, der Mensch mit den größten Füßen der Welt (Schuhgröße 66) wäre zum Jubiläum der Firma Wessels nach Vreden gekommen. Das Bild zeigt ihn im Juni 2018. Da bekam er in Vreden passende Schuhe von Georg Wessels. Gleichzeitig nahm Lucia Sinigagliesi, Richterin des Guinessbuch der Rekorde, für den Eintrag Maß. © picture alliance / Bernd Thissen

Gleichzeitig sagt er aber auch, dass er daraus keine Zirkusshow machen wollte. „Es ging mir darum, mit ihnen zusammen zu feiern“, sagt er. Vor der Öffentlichkeit hätte er sie eher abgeschirmt. „Das ist sowieso immer sehr schwierig“, sagt er. Kaum tauche eine Gruppe der großgewachsenen Menschen irgendwo auf, würden sie sofort im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Aufwendige Planung für ein Treffen mit Kunden aus aller Welt

Und ein Treffen einfach nachzuholen? „Auch da muss ja alles passen“, sagt Georg Wessels. Zu diesem Treffen in Vreden hatten alle eingeladenen Gäste zugesagt. Auch der jeweilige Gesundheitszustand seiner Kunden müsse mitspielen. Sultan Kösen beispielsweise: Der laut Guinnessbuch größte lebende Mensch der Welt ist mit seiner Schuhgröße 62 seit Jahren Kunde von Georg Wessels. Kurz vor Weihnachten 2018 hatte Georg Wessels ihn zuletzt in der Türkei besucht. „Da ging es ihm deutlich schlechter als bei den vorherigen Treffen“, erklärt der Vredener. Umso glücklicher sei er gewesen, dass auch Sultan Kösen das Treffen in Vreden zugesagt hatte.

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Wie das in Zukunft aussehe, könne er nicht sagen. Auch weil ein Treffen immer einen immensen logistischen Aufwand bedeute: „Wenn die Riesen in ein Flugzeug steigen wollen, müssen ganze Sitzreihen ausgebaut werden. Es geht einfach nicht anders“, schildert Georg Wessels. Auch der Transport vom Flughafen nach Vreden hätte mit umgebauten Fahrzeugen geschehen sollen. „Das war alles vorbereitet“, sagt er.

Geschäft war als eines der ersten in Vreden geschlossen

Neben der Absage des Jubiläums war für Georg Wessels und seine Familie auch klar, dass sie ihr Geschäft schließen, um Kunden zu schützen. „Wir haben am 16. März schon nicht mehr geöffnet. Damit waren wir in Vreden die ersten“, sagt er. Ihm sei die Gefahr einfach zu groß gewesen. Und die Gesundheit müsse an erster Stelle stehen.

Dennoch: Wäre die Corona-Pandemie in einem anderen Jahr ausgebrochen, für Georg Wessels und das Unternehmen wäre es nur halb so schlimm gewesen. „Man muss ja froh sein, dass alle gesund sind“, sagt er. Und wenn er in die Familienchronik blickt, erscheint ihm das Coronavirus fast unbedeutend. „Wenn man sich ansieht, was unsere Familie und dieses Unternehmen alles schon durchgemacht hat – Kriege, zwei Stadtbrände, Seuchen“, sagt er. Alle Katastrophen habe das Unternehmen überstanden. „Und diese verfluchte Pandemie überstehen wir auch“, da gibt er sich kämpferisch.

Lager sind brechend voll, doch die Kunden fehlen noch

Das abgesagte Jubiläum hat aber neben dem symbolischen auch einen ganz objektiv-betriebswirtschaftlichen Effekt: „Wir haben in diesem Jahr mit deutlich mehr Kunden gerechnet und dementsprechend die Lager brechend voll“, erklärt Georg Wessels. Durch die verstärkte Öffentlichkeit hatte er darauf gesetzt, dass mehr Kunden als üblich ins Geschäft kommen.

Stattdessen ist viel weniger los, als üblich. „Auch die Kunden aus den Niederlanden sind ja wochenlang nicht zu uns gekommen und sind auch noch nicht wieder da“, sagt er. Auswirkungen, der Corona-Krise, die erst auf den zweiten Blick auffallen, die das Unternehmen aber trotzdem nicht in Schieflage bringen. Er werde deswegen aber kein Brötchen weniger essen, fügt Georg Wessels lächelnd hinzu. „Klar, wir haben eine Delle im Umsatz und ein Jubliäum, das ausfällt. Aber sonst ist doch zum Glück noch nichts schlimmes passiert. Alle sind gesund, das ist die Hauptsache.“

Übergabe an die neunte Generation war geplant

Und dann ist da noch ein „eigentlich“. Denn eigentlich wollten Georg Wessels und sein Bruder Peter, die bisher als achte Wessels-Generation das Unternehmen führen, zum Jubliäum auch die offizielle Übergabe an die neunte Generation über die Bühne bringen. Georg Wessels Neffe Adrian Wessel hat im vergangenen Jahr seine Prüfung als Orthopädieschuhmachermeister bestanden und soll die Firma in Zukunft führen. Auch diese Übergabe soll natürlich einen entsprechenden Rahmen bekommen. Wann und wie das geschieht, ist aber im Moment noch offen.

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