Auch in der St.-Felicitas-Schule stehen aktuell die Stühle auf den Tischen. Seit Wochen gibt es hier keinen Präsenzunterricht mehr. © picture alliance/dpa
St.-Felicitas-Schule

Förderschule im Lockdown: „Distanzunterricht darf nur Ausnahmezustand sein“

An der Vredener St.-Felicitas-Schule liegt das Augenmerk auf der emotionalen und sozialen Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Corona und Distanzunterricht machen diese Aufgabe nicht leicht.

Auch die St.-Felicitas-Schule in Vreden befindet sich seit Anfang des Jahres im Lockdown. Unterricht findet ausschließlich auf Distanz statt. Gerade für eine Förderschule ist das eine besondere Herausforderung. Das weiß auch Sven Kruse, der seit 2018 als Schulleiter die Zügel in der Hand hält.

Herr Kruse, fangen wir mit den positiven Dingen an: Was läuft derzeit gut?

Die Corona-Pandemie hat den Digitalisierungsprozess extrem vorangetrieben. Da muss man auch die Politik und den Schulträger loben. Die Schüler wurden mit ausreichend Endgeräten ausgestattet, rund 50 iPads konnten wir zusätzlich verleihen. Auch bei der Software gibt es nichts zu meckern.

Das eine ist die Ausstattung, das andere die Anwendung. Wie digital ist der Unterricht derzeit?

Das Kollegium wurde frühzeitig geschult, das macht sich jetzt bezahlt. Der Unterschied zwischen erstem und zweitem Lockdown ist enorm. Da gab es große Fortschritte. Zu Ihrer Frage: Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Die Anzahl der Videokonferenzen pro Woche hängt von Lehrkraft und Unterrichtsfach ab. Als Gasthörer habe ich versucht, mir regelmäßig einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. Generell ist ein ganz neues Bewusstsein für digitales Lernen gewachsen. Das hätte ich mir vor ein, zwei Jahren nicht vorstellen können.

Trotzdem haben Sie während der Corona-Zeit durchblicken lassen, dass im Distanzunterricht etwas auf der Strecke bleibt…

Gerade wir als Förderschule können den Fokus nicht nur auf das Fachliche richten. Unser Ziel ist es immer, Kooperationen zu fördern. Emotionale und soziale Entwicklung ist zu Hause vor dem eigenen Laptop allerdings schwer. Auch die Konflikte fehlen, denn daraus lernt man gerade in jungen Jahren sehr viel. Da geht es um Themen wie Wiedergutmachung und Reue. Das Miteinander kommt beim Distanzunterricht leider zu kurz. Gerade für eine Förderschule darf das nur der Ausnahmezustand sein.

Schulleiter Sven Kruse möchte aus der Übergabe „keinen Elternsprechtag“ machen.
Schulleiter Sven Kruse möchte aus der Übergabe „keinen Elternsprechtag“ machen. © privat © privat

Gibt es neben der sozialen Komponente auch inhaltliche Dinge, die aktuell nicht darstellbar sind?

Wir haben uns schon lange auf die Arbeitslehre spezialisiert. Wir haben eine Werkstatt, in der die Schüler mit Holz und Metall arbeiten können. Außerdem haben wir erst kürzlich einen Garten- und Landschaftsgärtner eingestellt. Diese handwerklichen Tätigkeiten kann man nicht mit Arbeitsblättern oder über eine Videokonferenz ersetzen. Das fehlt uns derzeit total.

Befürchten Sie, dass daraus längerfristig ein Nachteil auf dem Arbeitsmarkt entsteht? Das sind schließlich Maßnahmen, um den Einstieg in das Berufsleben zu erleichtern.

Momentan mache ich mir da noch keine Sorgen. Wenn die Schülerschaft zurückkehrt, werden wir die entstandenen Lücken schließen können. Außerdem ist es bei unseren Schülerinnen und Schülern selten so, dass sie direkt in eine Ausbildung starten. Meistens gibt es vorher ein zehnmonatiges Praktikum. Auch dort kann man noch einmal am Feinschliff arbeiten.

Ganz allgemein gefragt: Hat die Landesregierung bei ihren Entscheidungen die Förderschulen eigentlich auf dem Schirm?

Beim ersten Lockdown hatte ich ehrlich gesagt nicht den Eindruck. Das hat sich aber mittlerweile gebessert. Die St.-Felicitas-Schule hat allerdings einen Sonderstatus, für sie braucht es sicherlich eine Hybrid-Lösung. Es gibt nicht viele Förderschulen, die die Klassen eins bis zehn abdecken. Bisher haben wir aber immer einen Weg gefunden.

Seit Anfang des Jahres befinden sich die Schulen im Distanzunterricht: Wie sieht es mit der Motivation der Schülerinnen und Schüler aus?

Es ist wie bei einem Fußballspiel: Das Gefühl im Stadion ist ein ganz anderes als zu Hause vor dem Fernseher. Ich glaube, die Schülerinnen und Schüler schätzen den Lebensraum in der Schule. Aus Gesprächen mit Eltern weiß ich, dass sich viele eine schnelle Rückkehr wünschen.

Da kommen die angekündigten Lockerungen im Bereich Schule von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet doch wie gerufen…

Ja, die Vorbereitungen auf die teilweise Rückkehr zu einem Präsenzunterricht sind in vollem Gange. Wir versuchen gerade, den Brief von Schulministerin Yvonne Gebauer zu interpretieren und bereiten in Absprache mit anderen Schulen erste Modelle vor.

Wie konkret sind die Planungen?

Wir wollen auf keinen Fall, dass die Klassen fünf Tage kommen und dann wieder fünf Tage zu Hause sitzen. Die Schülerinnen und Schüler regelmäßig zu Gesicht zu bekommen, sehen wir als große Chance an. Um Infektionen zu vermeiden, arbeiten wir gerade am erweiterten Hygienekonzept. Da geht es um Themen wie versetzte Pausen, Einbahnstraßen und das Tragen der Masken.

Distanzunterricht-Befürworter behaupten häufig, dass Infektionen auf dem Schulweg entstehen. Können Sie als Schulleiter dort präventiv tätig werden?

Zunächst müssen wir auf unseren Verantwortungsbereich schauen. Und das betrifft alles, was auf dem Schulgelände passiert. Wenn es aber zum Beispiel von Eltern Kritik gibt, weil die Schulbusse zu voll sind, geben wir das natürlich weiter.

Welche Rolle könnten Schnelltests für die Reduzierung der Infektionsgefahr spielen?

Wir haben in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass viel Zeit vergeht, bis die Ergebnisse von PCR-Tests vorliegen. Daher halte ich Schnelltests für einen wichtigen Faktor. Durch kurzfristige Rückmeldungen können Infektionen vermieden werden.

Befürchten Sie eine dritte Welle und damit eine erneute Schulschließung?

Natürlich beunruhigt mich der Blick auf die Virusmutanten. Aber die Schulen sollten nun den Blick erst einmal auf sich richten. Wir glauben an unser Hygienekonzept und versuchen, eine weitgehende Normalität mit größtmöglicher Sicherheit herzustellen. Außerdem hoffe ich, dass wir mit den Impfungen zügig vorankommen. Die übrigen Entwicklungen können wir nicht beeinflussen.

Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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Johannes Schmittmann

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