Erfahrungsbericht: Warum sich unsere 25-jährige Redakteurin auf dem Pedelec unsicher fühlt

dzElektrofahrrad

Die Polizei macht auf die Gefahren für Pedelec-Fahrer aufmerksam. Unsere 25-jährige Redakteurin fühlt sich auch nach einer Stunde Probefahrt nicht wirklich sicher auf dem Elektrofahrrad.

Vreden

, 08.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Ich steige auf das Fahrrad, trete in die Pedale und schieße nach vorne. Huch, damit habe ich nicht gerechnet. Bei der Poli-Pedelec-Tour, einer Aktion der Polizei, sitze ich zum ersten Mal auf einem Elektrofahrrad.

Zunächst erklärt Fahrradhändler Bernd Terbrack mir, wie ich mit dem Leihfahrrad umgehen muss: „Die Gangschaltung funktioniert wie beim Auto: Man fährt im kleinen Gang an und schaltet dann höher. Auf der anderen Seite schaltet man den Motor in vier Stufen dazu, je nach Bedarf.“ Okay, ich soll also gleichzeitig die normale Gangschaltung und den Motor bedienen. Mal schauen, ob mir das gelingt.

Hinweise auf Gefahrenstellen im Straßenverkehr

Vor dem Start der Tour gibt es noch einige allgemeine Infos von Polizeihauptkommissar Olaf Büßing. 2018 sind im Kreis Borken 163 Pedelecfahrer verunglückt. Das sind 30 mehr als noch 2017. „Und in diesem Jahr sind schon drei Pedelecfahrer bei Unfällen gestorben“, sagt Olaf Büßing. Deswegen hat die Polizei diesen Aktionstag organisiert. In Kleingruppen fahren die Teilnehmer drei verschiedene Routen ab und bekommen an gefährlichen Punkten die Verkehrsregelungen erklärt.

Erfahrungsbericht: Warum sich unsere 25-jährige Redakteurin auf dem Pedelec unsicher fühlt

Josef Rickers erklärt unter anderem dem Ersten Beigeordneten Bernd Kemper die Regelungen in einem Kreisverkehr. © Victoria Thünte

Für mich geht es unter der Leitung von Verkehrssicherheitsberater Josef Rickers zunächst durch den Stadtpark. Auf den engen Wegen, wo uns ständig Radfahrer entgegen kommen und wir Frauen mit Kinderwagen und herumrennende Kinder überholen, traue ich mich gar nicht, den Motor zuzuschalten.

Entspannung weicht schnell einem Aha-Erlebnis

Dann verlassen wir den Park in Richtung Widukindstraße. Die recht steile Steigung wäre die perfekte Gelegenheit, den Motor auszuprobieren. Aber direkt danach biegen wir in einer scharfen Rechtskurve auf die Straße ab. Schaffe ich die Abbiegung, wenn der Motor mich beschleunigt? Ich traue mich nicht, der Motor bleibt aus.

Erst als wir auf der Ölbachstraße eine längere Strecke geradeaus fahren, probiere ich die erste Stufe mal aus. Sofort merke ich, dass ich deutlich weniger Kraft aufwenden muss. Ich gehe in die zweite Stufe. Jetzt merke ich nicht einmal mehr den Gegenwind. Ein tolles Gefühl. Entspannt radele ich hinter den anderen Mitgliedern meiner Gruppe her.

Dann kommt ein Kreisverkehr. Ich muss anhalten. Kein Problem. Doch das Anfahren wird zu meinem ersten Aha-Erlebnis. Der Kreisel wird frei, ich stoße mich ab und trete leicht in die Pedale. Sofort schiebt mich das Fahrrad nach vorne. Dieser Schub kommt für mich völlig überraschend. Verwirrt schaue ich auf den Motor und bemerke erst jetzt, dass ich die zweite Stufe noch eingeschaltet habe. Offenbar bleibt der Motor zugeschaltet, bis ich ihn bewusst abschalte, auch wenn ich stehen bleibe. Gut zu wissen und sehr gewöhnungsbedürftig.

Informationen vom Fachhändler holen

„Deswegen sollte sich jeder, der sich ein solches Rad kaufen möchte, von einem Experten beraten lassen“, meint Polizist Josef Rickers. Es gebe so viele unterschiedliche Systeme, „da muss jeder schauen, was zu einem passt“. Er selber zum Beispiel fährt ein Pedelec, bei dem sich die einzelnen Stufen ganz individuell einrichten lassen. So kann er die Motorunterstützung gezielt steuern.

Video
Aktion PoliPedelec der Kreispolizei Borken

Auch ich gewöhne mich langsam an den Schub beim Anfahren und weiß ihn sogar zu nutzen. Anfahren im achten Gang: kein Problem. Doch mein zweites Aha-Erlebnis folgt nur kurze Zeit später. Die Gruppe möchte nach rechts abbiegen. Ich höre auf zu treten und strecke den rechten Arm zum Handzeichen aus.

Keine gute Idee. Ich komme meinem Vordermann immer näher und muss plötzlich schnell reagieren, um nicht in ihn reinzufahren. Auf einem normalen Fahrrad wäre ich langsamer geworden, sobald ich aufhöre zu treten. Auf einem E-Bike nicht. Der Motor sorgt dafür, dass meine Geschwindigkeit beinahe unverändert bleibt. Deswegen fühle ich mich vor allem beim Handzeichen extrem unsicher.

Kurzes und prägnantes Handzeichen

Diesen Effekt kennt auch Josef Rickers. „Wir sagen, dass man das Handzeichen möglichst kurz und prägnant machen sollte, damit gerade bei der Kurvenfahrt beide Hände wieder am Lenkrad sind“, erklärt er.

Nach einer Stunde stelle ich das Pedelec ab. Körperlich bin ich total entspannt. Da ich möglichst häufig den Motor benutzt habe, brauchte ich kaum Muskelkraft. Vom Kopf her jedoch fand ich die Fahrt sehr anstrengend. Mein Fazit: So ein Elektrofahrrad ist eine tolle Sache, aber den Umgang damit muss man erstmal lernen.

So sieht es auch Josef Rickers. „Ich bin grundsätzlich ein großer Freund davon. Gerade ältere Leute sind mehr unterwegs, sind mehr unter Menschen und sitzen nicht nur zu Hause rum. Und man muss auch sagen: Nicht an jedem Unfall mit Pedelec ist auch der Pedelec-Fahrer schuld“, meint der Polizist. Fest steht jedoch, dass sich jeder Nutzer der Technik auch damit auseinander setzen sollte. Genau deswegen bietet die Polizei in Zusammenarbeit mit Vereinen und Verbänden regelmäßig Kurse für Pedelec-Fahrer an.

Das Präventionsprojekt der Polizei

  • Das Präventionsprojekt „PoliPedelec“ ist am Dienstag mit einer Auftaktveranstaltung in Vreden gestartet.
  • Mehrere Gruppen waren mit dem Pedelec in Vreden unterwegs. An drei Stationen gab es Informationen zum Thema Fahrradhelm und Airbag fürs Fahrrad, toter Winkel und richtiges Absetzen von Notrufen.
  • Landrat Dr. Kai Zwicker unterstützt das Projekt und hat ebenso teilgenommen wie Landtagsabgeordnete Heike Wermer und der Erste Beigeordnete der Stadt Vreden Bernd Kemper.
  • Die Polizei plant weitere geführte Radtouren, Beratungen, landesweite und regionale Aktionstage, aber auch gezielte Kontrollen.
    Erfahrungsbericht: Warum sich unsere 25-jährige Redakteurin auf dem Pedelec unsicher fühlt

    Die Teilnehmer der Präventionsaktion der Polizei © Victoria Thünte

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