Doemerner Landwirte machen SGW für Risse in Gebäuden und eingestürztes Dach verantwortlich

dzSalzgewinnungsgesellschaft

Risse im Mauerwerk, ein eingestürztes Dach, abgesackte Wirtschaftswege und abgestorbene Bäume: Landwirte in Doemern machen dafür die SGW verantwortlich und bitten die Stadt um Hilfe.

Vreden

, 01.06.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein dicker Riss zieht sich durch das Mauerwerk. Der gepflasterte Hof ist alles andere als gerade – überall haben sich Löcher und Absenkungen gebildet. Die Halterung einer Anlage zur Flüssigfütterung in einer Scheune ist plötzlich weggesackt und bei einem alten Wohnhaus ist sogar das Dach eingestürzt. Die Schäden auf mehreren Höfen in Doemern sind mit dem bloßen Auge gut erkennbar.

Wer dafür verantwortlich ist, steht für die Landwirte ebenfalls fest: die Salzgewinnungsgesellschaft Westfalen (SGW), die hier Grundwasser abpumpt. Doch diesen Zusammenhang müssen die Betroffenen erstmal beweisen. Und genau da liegt das Problem.

Landwirte wenden sich hilfesuchend an die Stadt

„Die Gespräche mit der SGW haben uns irgendwann einfach nicht mehr weitergeführt, wir haben nichts mehr erreicht. Aber jetzt ist Schluss“, sagt Markus Hubbeling, Vorsitzender des Verbandes, in dem sich die betroffenen Grundbesitzer zusammengetan haben. Die Landwirte haben deswegen jetzt einen Antrag auf Unterstützung an die Stadt Vreden gestellt.

Die Mitglieder des Bau-, Planungs- und Umweltausschusses haben sich daraufhin die Schäden vor Ort auf dem Hof von Hendrik Hubbeling angeschaut. Dabei standen sie auch an einer mehreren Zentimeter hohen Kante, die sich zwischen einer Betonfläche und dem gepflasterten Hof gebildet hat. „Vor 15 Jahren wurde das hier erneuert und komplett gerade gemacht. Bis heute ist die gesamte Fläche um mehrere Zentimeter abgesackt“, erzählt Hendrik Hubbeling.

Doemerner Landwirte machen SGW für Risse in Gebäuden und eingestürztes Dach verantwortlich

Diese Kante hat sich in den vergangenen 15 Jahren gebildet. Damals wurde der komplette Hof erneuert und begradigt. © Victoria Thünte

Er zeigt auf eine Scheune hinter sich. „Die ist auch abgesackt. Die Flüssigfütterung, die da drin steht, hatte irgendwann keinen Halt mehr und ist zusammengebrochen.“ Dann zeigt er auf das alte Wohnhaus. „Das Dach ist eingestürzt. Wir haben Angst, dass irgendwann das komplette Gebäude zusammenbricht.“

Doemerner Landwirte machen SGW für Risse in Gebäuden und eingestürztes Dach verantwortlich

Das Dach des alten Wohnhauses ist plötzlich eingestürzt. © Victoria Thünte

Der nächste Fingerzeig geht auf ein deutliches Loch im gepflasterten Hof. Als diese Stelle immer größer wurde, hat sich Hendrik Hubbeling dazu entschlossen, auf eigene Kosten eine Sondierung zu veranlassen. Experten haben untersucht, wie der Boden unter dem Loch beschaffen ist. Gefunden haben sie eine Torflinse, also ein räumlich begrenztes Moorgebiet. Wenn der Boden an diesen Stellen austrocknet, fallen die Torflinsen in sich zusammen und der Boden sackt ab. Jetzt sind sich die Landwirte sicher: Solche Torflinsen wird es noch an anderen Stellen in Doemern geben.

Schäden sind kein Einzelfall

Denn die Schäden bei Hendrik Hubbeling sind kein Einzelfall. Auch auf dem Hof von Markus Hubbeling sind Risse durch den Hof und das Mauerwerk der Gebäude zu sehen. Wirtschaftswege in der Region sacken häufig innerhalb von zwei, drei Jahren nach einer Sanierung wieder ab.

Doemerner Landwirte machen SGW für Risse in Gebäuden und eingestürztes Dach verantwortlich

Der Riss auf dem Hof von Markus Hubbeling zieht sich durch die komplette Scheune und über den Hof bis zum gegenüberliegenden Gebäude. © Victoria Thünte

Josef Willing aus dem Vorstand des Verbands berichtet auch von Schäden an Bäumen. Die kommen nicht mehr ans Grundwasser und sterben deswegen ab. „Ich habe auf eigene Kosten eineinhalb Jahre lang eine 300 Jahre alte Eiche bewässert. Aber: Keine Chance“, erzählt Willing. Der Ölbach ist im letzten Sommer trocken gefallen und ist bis heute nicht wieder komplett gefüllt. Die SGW bestreitet einen Zusammenhang mit den Abpumpungen und sieht den Grund eher in dem sehr trockenen Sommer.

Landwirte wollen Beweisregelung umkehren lassen

Tatsächlich müssen die Landwirte nachweisen, dass die Schäden von der SGW verursacht werden, um Entschädigungen zu bekommen. „Wenn klar feststeht, dass wir jemandem Schaden zugefügt haben, dann werden wir auch dafür gerade stehen“, sagt Marcus Klaus von der SGW.

Da das gar nicht so einfach ist, wollen die Landwirte die Beweisregelung umkehren lassen. Die jetzige Abpumpgenehmigung gilt noch elf Jahre. Bevor über eine neue Genehmigung verhandelt wird, möchten die Landwirte „einen Fuß in die Tür bekommen“.

Bezirksregierung schlägt Änderungen vor

In der Sitzung des Fachausschusses hat die Bezirksregierung Arnsberg als zuständige Behörde bereits einige Änderungen in Aussicht gestellt. Jürgen Kugel hat angekündigt, dass unter anderem ein Fördermanagement eingeführt werden könnte. Heißt: Unter bestimmten Bedingungen – wie zum Beispiel in extrem trockenen Zeiten – müsste die SGW weniger Wasser abpumpen. „Die Situation wie am Ölbach soll sich nicht wiederholen“, sagte Jürgen Kugel.

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Eine andere Möglichkeit wäre, temporär Wasser in den Ölbach einzuspeisen oder den Bach baulich abzudichten. Zusätzlich soll ein Monitoring eingeführt werden, in dem die Grundwasserstände und der Einfluss auf das Ökosystem dokumentiert werden. Diese Ideen möchte die Bezirksregierung nun ausarbeiten und in sechs Monaten die Ergebnisse vorstellen. Die SGW kommentierte die Vorschläge in der Sitzung nicht.

Unabhängiges Gutachten und Flächennetz gefordert

Die Landwirte fordern zudem ein unabhängiges Gutachten und unabhängige Messungen der Grundwasserstände. „Das Gutachten, das die Stadt bekommen hat, wurde von der SGW in Auftrag gegeben. Und die Messungen macht die SGW auch selber. Sie weiß also, wann gemessen wird und kann die Grundwasserstände dementsprechend vorher beeinflussen“, meint Markus Hubbeling.

Eine andere Idee ist ein sogenanntes digitales Flächennetz. Das gibt es in Epe, wo Salz abgebaut wird. Mit diesem Flächennetz kann ganz genau beobachtet werden, wie sich die Oberflächenstruktur verändert und wo Boden absackt. Die Verwaltung hat vom Fachausschuss dafür einen Prüfauftrag bekommen, auch wenn Marcus Klaus von der SGW sagt: „Das ergibt aus unserer Sicht wenig Sinn.“

SGW pumpt in Doemern Wasser ab

  • Die Salzgewinnungsgesellschaft Westfalen (SGW) pumpt seit 1973 in Doemern täglich tausende Liter Grundwasser ab. Es wird benutzt, um Salz abzubauen und als Salzlake zu transportieren.
  • Laut der wasserrechtlichen Erlaubnis der Bezirksregierung darf die SGW in Doemern bis zu sieben Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr entnehmen. Ein Kubikmeter entspricht 1000 Litern. 2017 hat das Unternehmen 5,8 Millionen Kubikmeter Wasser abgepumpt.
  • Die Landwirte bekommen Ausgleichszahlungen, zum Beispiel für Ernteausfälle.
  • Laut SGW haben die Abpumpungen keine Auswirkungen auf die Trinkwasserversorgung. Denn das abgepumpte Wasser sei kein Trinkwasser und für diesen Zweck auch viel zu eisenhaltig. Dem widersprechen die Landwirte vor Ort. Schließlich haben sie eine Eigenwasserversorgung. Dafür filtern sie einfach Eisen aus dem Wasser.
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