Am Amtsgericht Ahaus beschäftigt man sich intensiv mit der Digitalisierung. Dabei verfolgt man die Pilotprojekte an benachbarten Amts- und Landgerichten zum Thema digitale Gerichtsverhandlungen. © Stefan Grothues
Psychische Erkrankung

Angeklagter flucht und wütet im Amtsgericht – Einweisung droht

Die 45 Anklagen gegen einen 37-Jährigen spielten am Dienstag vor Gericht nur eine Nebenrolle. Der Mann fluchte und brüllte. Jetzt steht die Einweisung in eine geschlossene Einrichtung im Raum.

Richter und Justizbeamte am Ahauser Amtsgericht sind sicherlich einiges gewöhnt. Doch was sich dort am Dienstag abspielte, war auch für sie eine neue Dimension. Wüste Beleidigungen und ein herumschreiender Angeklagter ließen alle Beteiligten ratlos zurück.

Insgesamt 45 Anklagen hatte der 37-jährige Mann zwischen 2019 und Mitte 2020 angesammelt: Diebstahl, wüste Bedrohungen und vulgäre Beleidigungen sowie mehrere Fälle von Körperverletzung. Momentan lebt er in einer Unterkunft in Bocholt. Die Taten spielten sich aber auch in Vreden, Ahaus, Reken und im Sauerland ab. Allein die Verlesung der Anklageschriften zog sich gut 40 Minuten hin. Schon das dauerte dem Angeklagten zu lang. „Wie lange dauert das hier noch? Ich will meine Strafe und gut ist“, brüllte er durch den Saal.

Drohungen vor und in Vredener Supermarkt

Unter anderem soll er auf dem Parkplatz eines Vredener Supermarktes aggressiv gebettelt und einen Mann bedroht haben. Auch im Rathaus habe er mehrfach Mitarbeiter wüst bedroht und beleidigt oder gegen ein Hausverbot verstoßen. Einen Supermarkt habe er trotz Hausverbots betreten und dort Kunden und Mitarbeiter mit einer Nagelschere bedroht. Er mache sie fertig, bringe sie um oder wolle mit Bomben werfen, soll er da geäußert haben.

In einer Obdachlosenunterkunft soll er einen anderen Bewohner geschlagen und mit einem Messer bedroht haben. Ein anderes Mal soll er mit einem Werkzeug zugeschlagen haben. Ende 2019 habe er außerdem im Sauerland Mountainbikes, Werkzeug und eine Musikanlage gestohlen. Mehrfach sei er auch mit Drogen aufgegriffen worden.

Polizisten bespuckt – trotz Corona-Pandemie

Etliche Male war er nach den verschiedenen Taten im Gewahrsam der Polizei gelandet. Auch dort wurde er immer wieder auffällig, hatte die Beamten beleidigt, angespuckt oder getreten. „Hurensohn“ und „Fotze“, waren dabei noch die harmloseren Begriffe. Gerade das Spucken bewertete der Richter sehr kritisch, weil es nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie geschah.

Um die eigentlichen Taten ging es aber in der Verhandlung vor dem Schöffengericht in Ahaus bestenfalls am Rande. Immer wieder brüllte der Angeklagte dazwischen oder fluchte vor sich hin. Er wolle das alles nicht mehr hören. Ja, er habe „Scheiße gebaut“, könne das aber nicht ertragen. Das sei auch alles schon lange her, er könne sich überhaupt nicht mehr erinnern. „Macht doch was ihr wollt, es ist mir scheißegal“, sagte er mehrfach. Nur um dann wenige Augenblicke später erneut dazwischenzureden, was das alles überhaupt solle und dass dieser oder jene Vorwurf so auf keinen Fall stimme.

Angeklagter legt sich im Gericht zum Schlafen hin

Zwischendurch legte sich der Angeklagte sogar auf den Boden. „Mach deinen Scheiß weiter. Ich sage nichts mehr. Nerv mich nicht“, sagte er zum Richter. Er habe Kopfschmerzen und wolle nur noch schlafen. An diesem Punkt in der Verhandlung ließ ihn der Richter gewähren.

Kurze Zeit später setzte sich der 37-Jährige wieder auf seinen Platz. „Können wir jetzt fertig werden? Wie lange dauert das noch?“ Ansprachen des Richters sorgten bestenfalls für einen Augenblick für Ruhe.

Eine Sachverständige warf schließlich ein Licht auf den psychischen Zustand des Mannes. Demnach leide er unter einer hebephrenen Schizophrenie: Mangelnde Impulskontrolle und eine sehr eingeschränkte Frustrationstoleranz gingen damit einher. Das werde durch Drogenkonsum weiter verstärkt: Alkohol, Cannabis und Amphetamine. Dabei sei egal, um welchen Rausch es gehe: „Hauptsache, es knallt“, erklärte sie. Heilbar sei die Erkrankung wohl nicht, mit Medikamenten sei sie aber so weit in den Griff zu bekommen, dass die Taten zumindest seltener würden.

Vulgäre Beleidigungen gegen Sachverständige

„Du willst mich beurteilen? Guck dich doch mal an!“, rief der Angeklagte dazwischen – ebenfalls wieder begleitet von vulgären Beleidigungen. „Ich bin 37, wie oft soll ich noch behandelt werden?“ An diesem Punkt redete er sich wieder in Rage, schlug mit der Faust auf den Tisch und war auch durch seinen Verteidiger kaum noch zu beruhigen. In einer Verhandlungsunterbrechung wütete er auf dem Flur weiter – immer begleitet von zwei Justizbeamten, die ihn nicht aus den Augen ließen.

Im Saal ging es weiter: Auf 17 Beleidigungen gegenüber dem Richter summierte es alleine der Verteidiger während der Verhandlung. Seinen Mandanten begleite er schon seit Jahren. Es sei sehr schwierig mit ihm. Immer wieder entschuldigte er sich auch für dessen Verhalten.

Einweisung statt Strafe sorgt für kurzzeitigen Wandel

Einen sicht- und hörbaren Wandel durchlebte der Angeklagte erst, als ihm klar wurde, dass es plötzlich nicht mehr um eine Strafe, sondern eine Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung ging: „Sie wollen mich in die Klapse stecken. Da komme ich doch nie wieder raus. Ich bitte Sie, das habe ich doch nicht verdient.“

Fast schon flehend wandte er sich an Richter und Schöffen: „Ich will einfach ins Gefängnis. Dort komme ich zur Ruhe und danach wird es besser sein.“ Es gehe aber nicht darum, was der Angeklagte wolle, hielt der Richter betont gelassen dagegen.

Landgericht Münster soll über Einweisung entscheiden

Er verwies den Fall nach zweieinhalb Stunden schließlich ans Landgericht Münster. Nur dort kann darüber entschieden werden, ob der 37-Jährige in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht werden soll. Bis es dort zu einer Verhandlung kommt, können aber noch einmal mehrere Monate vergehen. „Nutzen Sie die Zeit, um zu zeigen, dass Sie sich bessern wollen“, erklärte ihm der Richter.

Der Angeklagte fluchte auf dem Weg nach draußen schon wieder laut durch die Gegend und beleidigte auch etliche Zeugen, die vor dem Saal warteten. Die Mutter des Angeklagten hatte die Verhandlung still und kopfschüttelnd von einem Besucherplatz aus verfolgt.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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