42-Jähriger rast von Vreden nach Münster um Drogensucht zu stillen – Blitzer überführt ihn

dzAmtsgericht Ahaus

Auf der Suche nach dem nächsten Schuss raste ein 42-Jähriger nach Münster. Trotz 33 Vorstrafen kommt er am Ende glimpflich davon. Der Richter hatte gute Gründe.

Vreden

, 11.09.2019, 09:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Manchmal gibt es Prozesse, bei denen die Tat in den Hintergrund und das Schicksal eines Menschen in den Vordergrund rückt. So auch beim Prozess gegen einen 42-Jährigen, der wegen des Fahrens ohne Fahrerlaubnis in Vreden und anderen Orten vor dem Amtsgericht Ahaus angeklagt war.

Während der 45-minütigen Verhandlung spricht der Angeklagte kaum ein Wort, kaut auf seinen Fingernägeln, blickt häufig zu Boden. Seine Verteidigerin, die ihren Mandaten seit über 20 Jahren kennt, erklärte, warum: „Es geht ihm nicht gut. Er hat starke Entzugserscheinungen, weil er für die Verhandlung auch kein Methadon verabreicht bekommen hat.“

Zur Erklärung: Methadon ist ein künstlich hergestelltes Opioid, das in Entzugskliniken bei schwerer Abhängigkeit verschrieben wird. Es hat ebenso wie Heroin eine schmerzmindernde Wirkung, ohne aber starke Rauschzustände zu erzeugen. Der Angeklagte wohnt zurzeit in einer betreuten Einrichtung in Münster.

Mit Auto von der Großmutter in Horstmar geblitzt

Der Auszug aus dem Bundeszentralregister des 42-jährigen weist 33 Eintragungen auf. Zahlreiche Diebstähle, Unfallflucht, Fahren ohne Fahrerlaubnis. „In meiner kurzen Zeit als Amtsrichter habe ich eine solche Vielzahl von Vorstrafen noch nicht verlesen müssen“, erklärte der Richter.

Aber auch er erkannte, dass es nie schwere Vergehen waren: „Klassische Beschaffungskriminalität.“ Seine Verteidigerin schlug in dieselbe Kerbe: „Er ist ein Eierdieb geblieben. Die Kriminalität wurde nicht gesteigert.“ So war es auch dieses Mal kein schweres Verbrechen, das ihn erneut vor Gericht brachte.

Im September 2018 wohnte er bei seiner Großmutter in Vreden. Sein Bewährungshelfer nannte diese Maßnahme „so etwas wie der letzte Ausweg aus seiner verzweifelten Situation“.

Doch eines Abends wird der Drang nach dem nächsten Schuss zu groß. Also schnappte er sich den VW Polo seiner Großmutter und raste nach Münster. Hier hatte er Kontakte, die ihm schnell Zugang zu Heroin verschafften. Das Problem: Auf dem Hinweg wurde er auf Höhe Horstmar geblitzt. Einen Führerschein hat der 42-Jährige nie besessen.

Staatsanwaltschaft fordert Haftstrafe

Die Tat räumte der 42-Jährige auf Nachfrage ein. Er habe, wie bei dem Großteil seiner vorherigen Verbrechen, unter einem enormen Suchtdruck gestanden.

Obwohl der Staatsanwalt ebenfalls Mitgefühl mit der Situation des Angeklagten zeigte, betonte er in seinem Plädoyer: „Ich kann diese Umstände nicht mildernd werten. Die Situation war sehr gefährlich, weil Sie viel zu schnell unterwegs waren. Man achtet nicht mehr auf die Mitfahrer.“

Die Therapie sei zwar lobenswert, aber die Vergangenheit zeige, dass er schnell wieder rückfällig werde. „Deshalb fordere ich eine Freiheitsstrafe von neun Monaten ohne Bewährung“, so der Vertreter der Staatsanwaltschaft.

Verteidigerin: „Über das Ziel hinaus geschossen.“

Die Verteidigung war damit erwartungsgemäß nicht einverstanden. „Neun Monate halte ich für über das Ziel hinaus geschossen. Seit einem halben Jahr hat er sich nichts mehr zuschulden kommen lassen.“ Sie schilderte in ihrem Plädoyer, wie sich der Entzug für ihren Mandaten anfühle: „Es ist ein grauenhafter Zustand zwischen Angst, Schmerz und Panik.“

Sie forderte statt einer Haftstrafe eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen. Am Ende wurden es 90. Der Richter erklärte nach dem Verlesen des Urteils: „Ich glaube nicht, dass es etwas gebracht hätte, Sie noch einmal ins Gefängnis zu stecken. Der sinnvollere Weg ist eine Therapie.“ Die letzten Worte richtete er persönlich an den Mandanten: „Sie sind schwer krank, aber Sie müssen dennoch bestraft werden.“

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