Zahlenmäßig werden die massiven Gegner der Maßnahmen gegen das Coronavirus wie hier am 13. April in Berlin zwar als relativ klein eingeschätzt, doch sie verschaffen sich auf Demonstrationen Gehör. © AFP
Querdenker-Bewegung

Zwei Stunden mit den Freiheitsboten: „… und hinterher sind wir wieder die Corona-Leugner“

Kritik, ja massive Kritik äußern viele Menschen am Krisenmanagement in der Pandemie. Manche verweigern das Tragen von Masken, andere demonstrieren. Die Freiheitsboten gehören dazu – eine Kontaktaufnahme misslang.

Auf Demonstrationen gegen die Corona-Politik tragen viele bewusst keine Gesichtsmaske. Bei Autokorsos prangern sie per Megaphon die „Impfgewinnler“ bei der Pharmaindustrie an. Eine Gruppe, die ebenfalls massive Kritik an den Maßnahmen in der Pandemie übt, sind die selbst ernannten Freiheitsboten.

Rainer Blanken ist der einzige Klarname, den man von den Freiheitsboten halbwegs zuverlässig erfährt: Er steht im Impressum auf der Homepage der Freiheitsboten.

»Egal, was wir sagen würden, wir wären hinterher die Nazis, Corona-Leugner, Verschwörungs-theoretiker usw.«

„Daniel“ von den Freiheitsboten

In den vielen Telegram-Gruppen, die sich auch in Unna, Hagen oder Wickede (Ruhr) gegründet haben, wird über den Tag ziemlich viel kritischer Kram gepostet – Videos von Demonstrationen, Vorträge von Ärzten, Sprachnachrichten von Lokalpolitikern und immer wird entweder die Gesundheitsgefahr durch das Coronavirus in Frage gestellt oder die getroffenen Schutzvorkehrungen angeprangert. Tenor: Man raubt uns mutwillig unsere Freiheit.

Kontakt mit den Freiheitsboten bei Telegram

Was aber stört die Freiheitsboten nun genau am Umgang mit der Seuche? Gibt es Gesprächspartner, die ihre Sicht der Dinge sachlich einem interessierten Gegenüber darlegen möchten? Ich habe den Versuch unternommen – und bin gescheitert: Dialog nicht möglich.

Vor wenigen Tagen bin ich Mitglied einer Telegram-Gruppe geworden, um Kontakt mit den Freiheitsboten aufzunehmen. Sofort nach meinem Beitritt unter Klarnamen hießen mich „Daniel“ und „Jenny“ herzlich willkommen.

Plakat bei der Demonstration der sogenannten Querdenker in Berlin am 13. April. © AFP © AFP

Es folgte eine geschlagene Stunde Funkstille – womöglich war mein Anliegen die Ursache für großes Schweigen beim sonst so plapperhaften Telegram: Ich stellte mich umgehend als Redakteur vor und fragte gezielt nach einem Freiheitsboten aus Fröndenberg, der mit mir reden will.

Rhetorische Ablenkungsmanöver

Nach 60-minütigem Abwarten folgte ein typisches Whataboutism, also ein rhetorisches Ablenkungsmanöver, das heißt also eine Entgegnung, die nichts mit meiner Wortmeldung zu tun hatte.

Mit „Ich darf den Redakteur einmal fragen …“, begann der anonyme „ M S“ seinen Beitrag. Was er wissen wollte? Welcher Redakteur einen ihm offenbar nicht genehmen Zeitungsartikel verfasst habe.

Der Artikel handelte von der Demonstration gegen den Lockdown vor ein paar Tagen in der Fußgängerzone und am Ring in Unna. Was „M S“ nicht passte: Der Schreiber des Artikels hatte wahrheitsgemäß erwähnt, dass auch ein Wortführer der AfD Demoteilnehmer gewesen war.

»Ich spreche im Namen aller Menschen, die aufstehen und für die Freiheit kämpfen.«

„Jenny“ von den Freiheitsboten

„Ich habe übrigens mal Grün gewählt, wie passt denn das jetzt in euer Weltbild …“, entgegnete man mir ebenfalls. „Euer Weltbild“ – offenbar wurden sofort Fronten gebildet: „Wir“, die Freiheitsboten, und „ihr“, die undefinierten anderen.

„Finden Sie nicht auch, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist“, postete man kurz drauf ebenfalls als eine jener Parolen, mit denen die Freiheitsboten ihren Unmut ausdrücken würden.

Chef der Gruppe lehnt Interview „für alle“ ab

Auf mein Gesprächsangebot ging hingegen immer noch niemand ein. Mit der Vielzahl der Einträge, die mit meiner Ausgangsfrage nichts mehr zu tun hatten, wurde nur eines erreicht: Aus der gerade einmal 26 Köpfe großen Telegram-Gruppe fühlten sich immer mehr bemüßigt, Whataboutisms loszuwerden.

Zu guter Letzt meldeten sich nochmals Daniel und Jenny, die mich zunächst so freundlich begrüßt hatten: Einen Artikel werde es „defintiv NICHT“ geben.

Sie spreche „im Namen aller Menschen, die aufstehen und für die Freiheit kämpfen“, so Jenny, und die fühlten sich ständig „in die rechte Ecke gedrängt“. Auch Daniel behauptete mir gegenüber, er spreche „für alle in dieser Gruppe“ und lehnte ein Interview für alle ab. „Egal, was wir sagen würden, wir wären hinterher die Nazis, Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker usw.“.

Daniels letzter Satz an mich, zwei Stunden nach meinem Beitritt: „Ich werde Sie jetzt aus der Gruppe entfernen.“

Über den Autor
Redaktion Fröndenberg
Geboren 1972 in Schwerte. Leidenschaftlicher Ruhrtaler. Mag die bodenständigen Westfalen. Jurist mit vielen Interessen. Seit mehr als 25 Jahren begeistert an lokalen Themen.
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