Unnas Stadtarchivar Frank Ahland und Guillaume Destrac (r.) haben rund 300 Akten aus dem Zweiten Weltkrieg untersucht, die Dokumente zu vorwiegend gefallenen Soldaten aus dem Raum Unna beinhalten. © Greis
Holzwickeder Soldaten

Akten im Unnaer Stadtarchiv zeigen die „lokalen Gesichter des Krieges“

Mehr als acht Jahrzehnte liegt der Beginn des Zweiten Weltkrieges zurück und Zeitzeugen werden weniger. Im Stadtarchiv Unna offenbaren sich durch die Arbeit eines Franzosen die Holzwickeder Gesichter des Krieges.

Voller Vorfreude zogen sie in den Krieg. Nur um Wochen später in die Heimat zu schreiben, dass sich die Realität an der Front so ganz anders darstellt, als in der Propaganda des nationalsozialistischen Regimes dargestellt. Falls die vornehmlich jungen Männer aus Holzwickede, Opherdicke und Hengsen überhaupt Gelegenheit bekamen, entsprechende Feldpost zu verfassen.

Männer wie der 24-jährige Heinrich Angelkorte, den es als Funker bei der Marine kurz vor Kriegsbeginn wurmte, dass man drei polnische Schiffe nicht versenken durfte. Aus seiner Feldpost lässt sich entnehmen, dass der Überfall auf Polen ausgemachte Sache war, allein es fehlte die offizielle Kriegserklärung.

Jede Akte ein einzelnes Schicksal

Heinrich Angelkorte sollte zu den jungen Deutschen gehören, die früh fallen: Sein Todeszeitpunkt wird für den 1. Oktober 1939 festgehalten. Vermutlich ist das Schiff, auf dem er stationiert war, nördlich der Halbinsel Hela in der Ostsee versunken.

Diese und weitere Informationen zu rund 300 Männern und auch Frauen aus dem heutigen Kreis Unna, die vornehmlich im Dienste der Wehrmacht in den ersten Kriegsjahren starben, liegen allesamt im Archiv der Kreisstadt. Rund die Hälfte der Akten, die meisten mit einem Lichtbild und Feldpost der Gefallenen versehen, beziehen sich auf Menschen aus der Gemeinde Holzwickede.

„Vor mehr als einem Jahr habe ich die Akten erstmals vor einer breiten Öffentlichkeit bei einem Vortrag im Nicolaihaus erwähnt. Dabei war auch ein Foto zu sehen und tatsächlich saß jemand im Publikum und erkannte einen Verwandtschaftsbezug. Das war ein Zufall“, sagt Stadtarchivar Dr. Frank Ahland.

Er und vor allem Guillaume Destrac haben mittlerweile einen sehr genauen Überblick über die einzelnen Dokumente. Der 49-jährige Akademiker Destrac stammt aus Südfrankreich, lebt seit Anfang der 1990er-Jahre in Deutschland und hat sich während eines Praktikums eingehend mit den deutschen Soldatenschicksalen befasst.

Wie nimmt er es als Franzose wahr, wenn in Briefen der Deutschen zu lesen ist, dass man sich darauf freue „dem Polen kräftig eins auszuwischen“; man auf „Befehl zur Vernichtung Englands warte“ oder nicht erwarten kann „den ersten Franzosen zu schießen“?

Destrac differenziert an dem Punkt: „Die Deutschen wurden über ihre ganze Schulzeit und über Organisationen wie Jungvolk und Hitlerjugend indoktriniert.“ Archivar Ahland fügt an, dass sich hinter „den Engländern“ oder „den Polen“ in den Briefen der Soldaten eine amorphe Masse verberge, gegen die das Hitler-Regime über Jahre anstachelte.

Von den rund 300 Akten im Unnaer Stadtarchiv befassen sich ungefähr die Hälfte mit Soldaten, die aus Holzwickede, Opherdicke und Hengsen stammen. Viele davon waren im Zweiten Weltkrieg in der Marine. Die Vermutung von Stadtarchivar Frank Ahland: Weil die Marine im Ersten Weltkrieg nicht eingesetzt wurde, könnten Eltern vor dem Zweiten Weltkrieg gedacht haben, dass es wieder so kommt. Die Söhne hätten entsprechend höhere Chancen auf Unversehrtheit gehabt. © Greis © Greis

Dank der Akten im Stadtarchiv werden für Guillaume Destrac wiederum anonyme Soldaten zu menschlichen Schicksalen. „Bei den Wenigsten steht in den Briefen das Politische im Vordergrund. Die meisten wenden sich an die Familie, erbitten etwa den Schutz der Mutter. Das hat mich gerührt“, so Destrac.

Eine ganze Generation junger Männer geopfert

Und während aufgrund der Opferzahlen in Frankreich der erste der beiden Weltkriege als „der große Krieg“ wahrgenommen wird, hat den 49-Jährigen während seiner Arbeit die Erkenntnis geprägt, dass unter Hitler eine ganze Generation junger Deutscher geopfert wurde. Knapp 150 tote Holzwickeder, Opherdicker und Hengser sind alleine durch diese Akten verbrieft.

In einem Gespräch mit Ortshistoriker Wilhelm Hochgräber habe der mindestens nochmal so viele Gefallene geschätzt, die aus der Gemeinde stammten, so Ahland. „Das hatte ja ungemeine demografische Auswirkungen auf die Städte und Gemeinden nach dem Krieg“, so Destrac.

Vor allem in den letzten Kriegsjahren waren viele deutsche Zivilisten in den Städten und Gemeinden nicht außer Gefahr. Flugzeuge der 8. US-Bomberflotte (Bild) werfen über dem Ruhrgebiet ihre explosive Fracht ab. Nicht nur im Kampf an der Front, sondern auch bei Luftangriffen der Alliierten waren Menschen in Unna und Holzwickede alles andere als sicher. © Stadtarchiv Dortmund © Stadtarchiv Dortmund

Und wäre es nach dem einstigen Amtsbürgermeister für das damalige Amt Unna-Kamen gegangen, dann wären die Gefallenen, die heute im Unnaer Stadtarchiv aktenkundig sind, als Kriegshelden in einem eigens veröffentlichten Ehrenbuch gewürdigt worden. Es kam nicht dazu, weil die Geschichte bekanntermaßen einen anderen Verlauf nahm.

Das nicht Geschriebene regt zum Nachdenken an

Den Familien der Gefallenen wurde dereinst ein Schreiben von Amts wegen zugesandt, mit der Bitte um Lebenslauf, Foto und etwaige Feldpost. Je länger der Krieg dauerte, desto dünner wurde dabei das Papier und nicht selten finden sich Drucksachen auf der Rückseite – etwa Maßnahmen gegen den Kartoffelkäfer. Eine Plage, die nach nationalsozialistischer Propaganda übrigens den Franzosen zuzuschreiben war.

Die meisten Antwortschreiben von Familien an den Amtsbürgermeister schließen mit dem vorgeschriebenen Gruß an Hitler. „Interessant ist, dass der Gruß aber hin und wieder auch fehlt“, so Ahland. Mit Protestbekundungen gegen das Regime musste man äußerst vorsichtig sein, aber das Fehlen des Grußes könnte zumindest Ausdruck der Verbitterung sein. Den Akten ist schließlich auch zu entnehmen, dass manche Familien mehr als nur einen Sohn im Krieg verloren haben.

Die NS-Führungsriege um Hitler, Heß, Goebbels und Göring bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin: Insbesondere Goebbels vielfältige Propaganda-Methoden halfen den Nationalsozialisten, die Bevölkerung für sich zu vereinnahmen. © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

Liegt Feldpost oftmals durch das Amt in abgetippter Form vor, so sind die beigefügten Lebensläufe meist handschriftlich. „Das war nicht immer einfach zu entziffern. Mitunter vermischen sich Sütterlin und Schreibschrift“, so Guillaume Destrac. Auch wenn Lebensläufe meist nur ein bis zwei Seiten umfassen, seien dann eben nur zwei Akten am Tag drin gewesen: „Schon aus Respekt vor den Eltern, wollte ich auch jedes Wort verstehen“, sagt der 49-jährige Franzose.

Erkenntnisse aus Akten-Analyse für eine wissenschaftliche Arbeit

Die 300 Akten im Stadtarchiv sind für ihn zur Passion geworden, die er gerne in eine wissenschaftliche Arbeit überführen möchte. „Ein Ehrenbuch nicht, aber vielleicht wird so aus den Schicksalen noch ein Mahnbuch“, sagt Frank Ahland.

Der Stadtarchivar macht zudem allen, die mögliche Verwandte im Unnaer Archiv vermuten, das Angebot: „Wir sind telefonisch zu erreichen und eine schnelle Recherche bekommen wir hin.“ Davon abgesehen würden sich die Akten auch für wissenschaftliche Arbeiten anbieten: „Wenn Lehrer für den Unterricht oder Schüler für eine Facharbeit ein Interesse daran haben, dann darf man gerne auch mich zukommen“, so Ahland.

Über den Autor
Redaktion Holzwickede
Jahrgang 1985, aufgewachsen auf dem Land in Thüringen. Fürs Studium 2007 nach Dortmund gekommen. Schreibt über alles, was in Holzwickede passiert. 17.000 Einwohner mit Dorfcharakter – wie in der alten Heimat. Nicht ganz: Dort würden 17.000 Einwohner locker zur Kreisstadt reichen. Willkommen im Ruhrgebiet.
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