Muss ich Stunden nacharbeiten, wenn mein Internet im Homeoffice streikt? © picture alliance/dpa
Arbeitsrecht

Internetausfall im Homeoffice: Was darf der Chef verlangen?

In letzter Zeit gab es größere Internet-Ausfälle in Dortmund. Kann der Chef einen Homeoffice-Mitarbeiter ins Büro zitieren? Oder erzwingen, versäumten Stunden nachzuarbeiten? Experten geben Antworten.

Internetstörungen oder sogar Totalausfälle gibt es immer wieder. Im östlichen Teil der Dortmunder Innenstadt waren viele Vodafone-Kunden ohne Internet, weil bei Bauarbeiten eine Leitung beschädigt wurde. In Husen rüstet O2 gerade auf 5G um, so dass der Mobilfunk stellenweise nicht funktionierte.

Für viele Kunden bedeuten die Störungen, dass sie im Homeoffice nicht arbeiten können. Welche rechtlichen Möglichkeiten haben sie nun gegenüber dem Anbieter? Und: Wie sieht das eigentlich arbeitsrechtlich aus? Wir haben einen Arbeitsrechtsexperten und einen Verbraucherschützer dazu befragt.

Mein Internet im Homeoffice fällt aus, darf mein Chef mich ins Büro zitieren?

Pauschal beantworten, kann der Dortmunder Rechtsanwalt und Arbeitsrechtsexperte Sebastian Fricke die Frage nicht. Es hänge auch immer von der Ursache der Störung ab. „Für die Infrastruktur, also etwa einen funktionierenden VPN-Tunnel, ist der Arbeitgeber verantwortlich.“

Falle das Netz aus anderen Gründen aus, sollte der Arbeitnehmer versuchen, das Problem zu lösen. „Wenn das Netz für eine geringe Zeit ausfällt, kann man eben nichts machen.“

„Wenn man aber von vorneherein weiß, dass man beispielsweise zwei Wochen lang kein Internet haben wird, dann ist es eventuell möglich, dass der Arbeitgeber verlangt, dass man zurück ins Büro kommt.“ Denn klar sei auch: „Ein Anrecht auf Homeoffice haben Arbeitnehmer pauschal nicht.“

Es lohne immer ein Blick in den Arbeitsvertrag. Ist dort vertraglich festgelegt, dass ausschließlich von Zuhause aus gearbeitet wird, ist die rechtliche Ausgangsbasis eine andere, als wenn es sich bloß um eine Absprache handelt – wie momentan bei vielen Arbeitnehmern in der Pandemie. Ist die Heimarbeit nicht im Vertrag festgeschrieben, dann kann der Chef den Arbeitnehmer mittels des „Direktionsrechts“ ins Büro bitten.

Wie sieht es aus, wenn ich zur Corona-Risikogruppe gehöre und mein Arbeitgeber trotzdem will, dass ich während eines Internet-Ausfalls im Büro arbeite?

„Das hängt auch vom Einzelfall ab“, so Sebastian Fricke. Ein Arbeitsgericht müsste im konkreten Fall über die Zumutbarkeit entscheiden. Die derzeit gültige Coronaschutzverordnung gebe Arbeitnehmern kein „subjektives Klagerecht“ an die Hand.

„Einzelne Arbeitnehmer können sich in eine Tätigkeit im Home-Office also nicht einklagen. Arbeitnehmer können sich lediglich an die Arbeitsschutzbehörden der Länder sowie die Unfallversicherungsträger wenden, die die Einhaltung der rechtlichen Vorgaben kontrollieren“, erklärt der Arbeitsrechtsexperte.

Kann mein Chef verlangen, dass ich die Zeit, in der mein Internet ausgefallen ist, nacharbeite?

Nein. „Arbeitszeit kann nicht nachgeholt werden“, stellt der Jurist klar. „Bei Vertrauensarbeitszeit ist das vielleicht was anderes, aber auch nur dann, wenn man weiß, dass man jetzt eine Stunde nicht wird arbeiten können und in der Zeit frei hat.“

Fricke erklärt dazu: „Das Betriebsrisiko liegt in diesen Fällen beim Arbeitgeber.“

Was ist mit Arbeitnehmern, die immer im Homeoffice arbeiten, weil der Arbeitgeber gar keine Niederlassung im Umkreis hat?

„Selbst bei längeren Ausfällen liegt das Betriebsrisiko beim Arbeitgeber, vorausgesetzt, der Arbeitnehmer hat nicht vorsätzlich seine DSL-Leitung gekappt oder den Anschluss nicht bezahlt“, so Fricke.

Abhängig von den Vertragsvereinbarungen könnte der Arbeitgeber zum Beispiel vorschreiben, dass der Arbeitnehmer so lange einen Co-Workingspace nutzt oder in ein Internetcafé geht – vorausgesetzt, solche Anlaufstellen haben geöffnet –, um arbeitsfähig zu sein.

Wer zahlt dann die Mehrkosten?

„Ich würde für die Kosten für das angemietete Büro den Arbeitgeber in der Pflicht sehen“, so Fricke. Die zusätzlichen Fahrtkosten, die im Homeoffice nicht entstehen, müsste der Arbeitnehmer jedoch in Kauf nehmen, weil es sich um einen Arbeitsweg handelt – und der wird grundsätzlich nicht vergütet.

Habe ich als Verbraucher Anspruch auf Rückerstattung beim Internetanbieter?

Rafael Lech ist Leiter der Verbraucherberatung in Dortmund und er erklärt, dass Kunden immer Anrecht auf Vertragserfüllung haben. Er stellt aber auch klar, dass er als Verbrauchschützer nur „in Verbraucherangelegenheiten beraten darf“: „Sobald das Homeoffice ins Spiel kommt, dürfen wir das nicht.“

Rafael Lech rät in einem ersten Schritt zu einer Reklamation, die man schriftlich an das Unternehmen schickt.

Seit Tagen habe ich kein Internet. Muss mein Anbieter mich entschädigen?

„Wenn das Internet ausfällt und die Schadensbehebung länger dauert, muss der Anbieter alternative Möglichkeiten anbieten“, so der Verbraucherschützer. Bei ihm war beispielsweise eine Vodafone-Kunde in der Beratung, der von der Störung in der östlichen Innenstadt betroffen gewesen sei.

Kann ich dem Internetanbieter kündigen, wenn das WLAN immer wieder ausfällt?
Kann ich dem Internetanbieter kündigen, wenn das WLAN immer wieder ausfällt? © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Vodafone bot an, das Datenvolumen des Handyvertrags zu erhöhen, damit das Gerät als Hotspot genutzt werden kann, also quasi als mobiler WLAN-Router. „Leider hatte der Kunde seinen Mobilfunkvertrag nicht bei Vodafone, deshalb war das nicht möglich“, bedauert Lech.

Habe ich bei langen Ausfällen ein Sonderkündigungsrecht?

„Wenn ich eine Frist setze, dass ich bis zu einem bestimmten Tag wieder mit der vollen Leistung rechnen können will, dann ja“, so der Verbraucherberater. Lech fragt sich bloß, wie sinnvoll das wäre. „Einen neuen Anschluss zu bekommen dauert ja auch“, gibt er zu bedenken. „Das ist sicherlich keine kurzfristige Lösung. Auf unserer Internetseite stellen wir aber für den Fall Muster-Kündigungsschreiben bereit.“ Die Adresse lautet: https://www.verbraucherzentrale.de/musterbriefe/digitale-welt

Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
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