Bob Dylan hat sich im Laufe seiner seit den frühen 1960er-Jahren währenden Karriere immer wieder neu erfunden. Und seinen Fans damit immer wieder weh getan. Wie 1978 beim ersten Konzerts einer ersten Deutschland-Tournee in der Westfalenhalle. © picture alliance / dpa
Unvergessene Dortmunder Konzerte

Bob Dylan 1978 in Dortmund: Der Schock wich erst langsam der Faszination

Schwarzer Lidstrich, große Band, ungewohnte Töne: Als Folk-Superstar Bob Dylan 1978 zum ersten Mal nach Dortmund kam, irritierte er seine Fans. Und auch unseren Autoren, der selbst dabei war.

Bob Dylan. Der Name ist für mich bis heute Magie. Ich habe mit Dylan quasi die englische Sprache gelernt. Was bei seinen Texten gar nicht so einfach war. Ich habe damals längst nicht alles verstanden, Mitte der 1970er-Jahre, als 14- oder 15-Jähriger, eigentlich viel zu jung für die Texte des als Robert Zimmermann geborenen Poeten.

Aber ist habe einen sieben Jahre älteren Bruder und mit dessen Musikgeschmack bin ich damals musikalisch sozialisiert worden. Meine Schulfreunde hörten Slade oder Sweet, je nach Gusto. Ich dagegen wuchs mit Liedermachern auf. Amerikanischen und deutschen.

Dylan schwebte über allem – und dann kam diese Konzert-Ankündigung

Pete Seeger, Woody und Arlo Guthrie, Joan Baez, Leonard Cohen auf der einen Seite, Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Konstantin Wecker auf der anderen Seite. Über allen aber schwebte Dylan.

Die Eintrittskarte zum legendären Dylan-Konzert liegt beim Autoren dieser Zeilen gut verwahrt. Er findet sie nur nicht wieder, hat nur noch dieses unscharfe Foto davon.
Die Eintrittskarte zum legendären Dylan-Konzert liegt beim Autoren dieser Zeilen gut verwahrt. Er findet sie nur nicht wieder, hat nur noch dieses unscharfe Foto davon. © Thomas Schroeter © Thomas Schroeter

Ich las die Biografie von Anthony Scaduto, ich hörte all die Alben, von denen seine mal klare, mal so gebrochene Stimme in mein Kinderzimmer drang. Die frühen Platten wie „The Freewheelin‘ Bob Dylan“, „The Times They Are a-Changin‘“, die Sachen aus den 70ern: „Blood on the Tracks“, „The Basement Tapes“, „Desire“.

Und ich war begeistert. Kein Wunder also, dass ich mich tief in mein Sparschwein beugte, als bekannt wurde, dass dieser Gigant für 1978 seine erste Deutschland-Tournee überhaupt ankündigte, dass die erste Station die Westfalenhalle sein würde.

Auch wenn mir der aufgerufene Eintrittspreis Schnappatmung verschaffte: 30 DM kostete das Ticket im Vorverkauf. Für einen Platz weit oben im Rund, im zweiten Rang der Halle. Im Innenraum wurden 45 DM aufgerufen.

Thomas Schroeter auf einer gewohnt unscharfen Fotografie aus der Zeit des legendären Dortmunder Dylan-Konzerts.
Thomas Schroeter auf einer gewohnt unscharfen Fotografie aus der Zeit des legendären Dortmunder Dylan-Konzerts. © Archiv Schroeter © Archiv Schroeter

Zum Vergleich: Freunde von mir zahlten für das Genesis-Konzert 14 Tage zuvor an gleicher Stelle 18 DM, später im Jahr gab ich für die Jugendsünde Barclay James Harvest ebenfalls in Dortmund 17 DM aus.

Dylan spielte in einer ganz anderen Liga

Aber Dylan war eben eine andere Liga. Und damals gab es Gerüchte, dass das vielleicht seine letzte Tournee sein sollte. Also war klar: Das würde ein unvergesslicher Abend. Der steht auch dick in meinem Kalender des Jahres, den ich bis heute aufbewahrt habe. Nicht wegen Bob allerdings, sondern wegen meiner heutigen Frau, mit der ich seit September 1978 zusammen bin.

Der „Hohepriester der 68er“, wie ihn der Spiegel einmal nannte, versetzte dann in der Westfalenhalle nicht nur mir, sondern vielen Konzertbesuchern einen Schock. Günther Netzer vielleicht auch, der dem Vernehmen nach im Publikum saß, extra aus Hamburg angereist war.

Schock weil das, was sich da weit unten auf der Bühne abspielte, so gar nichts mit dem Bob Dylan zu tun hatte, den man kannte, nichts mit dem blassen Jungen zu tun hatte, der da mit Jeans, Hemd, Gitarre und Blues-Harp auf Plattencovern zu sehen war.

Lidstrich und glänzende Hose

Hier stand ein Dylan auf der Bühne, der von einer ganzen Band umgeben war. E-Gitarre hatte man ja erwartet, das war klar. Aber schwarzer Lidstrich, glänzende Hose? Nach dem Konzert meldeten die Fernsehnachrichten: „Der Künstler verblüfft das deutsche Publikum. Dylan präsentiert seine Musik in völlig neuem Bigband-Gewand. Er selbst kleidet sich wie ein Entertainer aus Las Vegas.“

Das war so nicht erwartet worden. Heute ist man durch das Internet, durch soziale Medien vorgewarnt, kann seinen Star auf Schritt und Tritt begleiten. Vor 42 Jahren sah das anders aus. Ich 17-Jähriger und die Menschen um mich herum – darunter auch Fußballstar Günter Netzer – waren tatsächlich verblüfft.

Thomas Schroeter ebenso windzerzaust, aber etwas älter geworden.
Thomas Schroeter ebenso windzerzaust, aber etwas älter geworden. © Thomas Schroeter © Thomas Schroeter

Verblüfft, dass wir Bläsersätze zu hören bekamen, wo wir nur Gitarre oder kleine Bandbesetzung gewöhnt waren. Verblüfft, dass wir „Mr. Tambourine Man“ oder „I Shall Be Released“ erst nach dem zweiten Takt erkannten. Nicht nur verblüfft, sondern erschüttert war ich, als ich „The Times, They Are A-Changin’“ nur anhand des Textes, aber nicht an der Melodie als meinen All-Time-Favoriten meiner Legende zuordnen konnte.

Aus Verblüffung wurde nach und nach Faszination

Die Verblüffung wich bei mir nach und nach, je länger das ungewöhnliche Konzert dauerte, das später von weitaus erfahreneren Menschen als absoluter Meilenstein der Musikgeschichte gefeiert wurde. Ich selbst erlebte an diesem Abend eine Wandlung. Verblüffung wich Ärger. Ärger wich Amüsement. Amüsement wich Spannung. Spannung wich Faszination.

Ja, er faszinierte mich dann doch, dieser Mister Zimmermann. Ich hätte es als 17-Jähriger nicht in Worte fasse können, was der Abend mit dem Lidschatten-Mann in mir bewirkte.

Erst viel später wurde mir klar, dass ich da erlebt hatte, wie der Folksong in der großen weiten Welt der Musik angekommen war, wie ein Mann den Menschen, die seine Musik vergötterten, wohl bewusst vor den Kopf stieß.

Ein schmaler, verloren wirkender Mann mit Liedtexten, die ihm den Literatur-Nobelpreis einbrachten. So sehen, so lieben ihn seine Fans. Aber der wahre Robert Zimmermann ist anders.
Ein schmaler, verloren wirkender Mann mit Liedtexten, die ihm den Literatur-Nobelpreis einbrachten. So sehen, so lieben ihn seine Fans. Aber der wahre Robert Zimmermann ist anders. © picture-alliance/ obs © picture-alliance/ obs

Um sie aus dem Trott zu holen, sie in neue Weiten des Musikhörens zu zwingen. Um anzuecken, wie er es so oft in seinem Leben getan hat, zuletzt 2016 mit der Weigerung, für den Literatur-Nobelpreis nach Stockholm zu reisen.

Ein 17-Jähriger ging beseelt nach Hause

Noch während des Konzerts schloss ich Frieden mit dem neuen Dylan, der da stand und sang. Denn, ehrlich gestanden: Ein „Masters of War“ oder „All Along The Watchtower“ ist eigentlich wirklich nichts für eine schrammelnde Akustik-Gitarre und einen unscheinbaren Jungen. Das muss laut in die Welt hinaus, und das geht nur mit einer kreischenden E-Gitarre.

Und so ging ein 17-Jähriger nach mehr als zweieinhalb Stunden und fast 30 Songs beseelt nach Hause. Besser, er fuhr. Denn nach diesem teuren Konzert gönnte er sich auch noch ein Taxi.

Serie

UNVERGESSENE DORTMUNDER KONZERTE

  • Konzerte sind auf einmal eine Sache aus der Vergangenheit. Zumindest in der Form, wie man über Jahrzehnte das Gegenüber von Künstler und Publikum definiert hat, kommen sie so schnell nicht wieder.
  • Um die Zeit bis dahin zu verkürzen, blicken wir in mehreren Artikeln deshalb zurück auf „Unvergessene Dortmunder Konzerte“, von denen die Leute heute noch reden.
  • Haben auch Sie eine Erinnerung an ein Konzert in Dortmund, die Sie uns erzählen möchten? Schreiben Sie uns an felix.guth@lensingmedia.de.
Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
1961 geboren. Dortmunder. Jetzt in Castrop-Rauxel. Vater von drei Söhnen. Opa. Blogger. Interessiert sich für viele Themen. Mag Zeitung. Mag Online. Aber keine dicken Bohnen.
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Thomas Schroeter

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