Warum die Hamas und der Dschihad Israel attackieren

Radikalislamisten benutzen ihren Raketenbeschuss auf Israel, um weltweit Sympathien der Muslime zu gewinnen. Doch sie nehmen bewusst Risiken für die Bevölkerung im Gazastreifen in Kauf.
Rauch steigt auf nach einem israelischen Luftangriff. Seit dem 10. Mai beschießen militante Palästinenser Israel mit Raketen. Israels Armee reagiert darauf mit Angriffen auf Ziele im Gazastreifen, vor allem durch die Luftwaffe. Auf beiden Seiten gab es Tote. © picture alliance/dpa/AP

Mehrere Hundert Raketen sind seit Montag auf Städte im Süden Israels abgefeuert worden. Der Beschuss hielt am Dienstag unvermindert an. Im Rundfunk wurden am Mittag im Sekundentakt gefährdete Zonen genannt und die Bevölkerung aufgefordert, in neun Sekunden den nächsten Bunker aufzusuchen, weil die Städte Ashkelon und Ashdod unter Dauerbeschuss standen.

Eine Rakete schlug unweit eines Spitals ein. Laut Angaben der Hamas wurden innerhalb von fünf Minuten 130 Raketen gleichzeitig abgefeuert, um die Raketenabwehr zu schwächen. „Und“, sagte ein Hamas-Sprecher, „wir haben noch sehr viele Raketen zur Verfügung.“

Erstmals waren am Montag auch Ziele um Jerusalem angegriffen worden. Militärs wollen nicht ausschließen, dass demnächst Tel Aviv ebenfalls unter Beschuss kommen könnte. Anflugrouten wurden deshalb bereits am Montag dem neuen Risikopotenzial angepasst.

Zwei Tote und viele Verletzte auf israelischer Seite

Das Raketenabwehrsystem Iron Dome konnte zwar neun von zehn Geschossen abfangen. Aber bis Dienstagmittag waren im Süden Israels zwei Tote zu beklagen. Mehrere Dutzend Israeli wurden verletzt, und Wohngebäude wurden getroffen.

Ein großer Teil der Bevölkerung im Süden des Landes verbrachte die Nacht zu Dienstag im Luftschutzkeller, so denn einer verfügbar war. In älteren Häusern gibt es keinen Schutz vor Geschossen.

Die israelische Luftwaffe reagiert seit Montag mit Angriffen auf Ziele im Gazastreifen. Dabei setzt sie Kampfflugzeuge und Drohnen ein. Laut Armeeangaben wurden 15 Mitglieder der radikalislamischen Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad getötet, die aus israelischer Sicht für die Eskalation der Gewalt verantwortlich sind.

Palästinensische Medien meldeten bis Dienstagmittag 26 Tote. Israels Luftwaffe nahm Anlagen zur Produktion von Raketen ins Visier, Lager- und Trainingshallen, militärische Stellungen sowie zwei Angriffstunnel, um das Eindringen von Terroristen nach Israel zu verhindern.

Kein baldiges Ende der Gewalt in Sicht

Ein Ende der Eskalation ist nicht abzusehen. Man befinde sich „in einer frühen Phase“ des Gegenangriffs, meint ein Militärsprecher. Bisher hat die Hamas Vermittlungsversuche Kairos und Katars abgelehnt.

Der amtierende Ministerpräsident Benjamin Netanjahu droht den militanten Palästinenserorganisationen mit einer harten Reaktion. Es sei eine rote Linie überschritten worden. „Israel wird mit großer Macht reagieren“, sagt er. „Wer uns angreift, wird einen hohen Preis bezahlen.“

Die israelischen Bürger müssten sich darauf einstellen, dass der gegenwärtige Konflikt länger dauern könnte. Wegen der Zuspitzung des Konflikts hat Israels Verteidigungsminister Benny Gantz die Mobilisierung von 5000 Reservisten genehmigt. Derzeit sei aber kein Einmarsch im Gazastreifen geplant, heißt es in Militärkreisen.

Hamas will sich profilieren

Die Hamas verfolgt mit ihren Raketen sowohl gegenüber Israel als auch gegenüber der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) von Mahmoud Abbas politische Ziele.

Nachdem Abbas bereits angekündigte Wahlen wieder abgesagt hat, weil er einen Sieg der Hamas befürchtete, profiliert sich die Hamas als „wahre Vertreterin“ der Palästinenser. Begründet hat Abbas die Verschiebung der Wahlen mit der Weigerung Israels, auch Palästinenser im Ostteil Jerusalems wählen zu lassen.

Die Hamas nutzt den Konflikt um den Stadtteil Scheich Dscharrah im Ostteil Jerusalems, der von den Palästinensern beansprucht wird. Mehrere arabische Familien befürchten, in einem Immobilienstreit mit israelischen Eigentümern ihre Wohnhäuser zu verlieren und zur Räumung gezwungen zu werden.

Der Streit hat die Spannungen in Jerusalem verschärft. Mehr als das: Um die Wogen zu glätten, hat der noch unerfahrene Polizeichef einen populären Versammlungsplatz vor dem wichtigsten Eingangstor zur Jerusalemer Altstadt abgesperrt, um Demonstrationen zu verhindern. Mit dem Verbot heizte er den Konflikt zusätzlich an.

Am Montag eskalierte die Lage

Als dann nationalistische Israeli mit einem Fahnenmarsch am Montag ihren Anspruch auf ganz Jerusalem unterstrichen und „Tod den Arabern“ skandierten, explodierte das Pulverfass. Es kam auch auf dem Haram al-Sharif, einem der wichtigsten islamischen Heiligtümer, zu Unruhen, worauf israelische Sicherheitskräfte eingesetzt wurden.

In dieser explosiven Lage profiliert sich die Hamas erstmals als Verteidigerin des Heiligtums in Jerusalem. Sie hofft, damit nicht nur bei den Palästinensern, sondern in der ganzen muslimischen Welt Unterstützung zu finden.

Dabei nimmt sie bewusst in Kauf, dass sie die Bevölkerung in Gaza ins Verderben treibt. Mehr als das: Die schiere Anzahl der Raketen, die die Hamas auf Israel abfeuert, zeigt zudem, dass sie ihre Finanzen lieber für Waffen verwendet statt sie zum Wohl der Bevölkerung einzusetzen, sagen israelische Beobachter.

Konflikt verzögert Netanjahus Amtsende

Die seit Jahren schlimmste Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern hat in Jerusalem innenpolitische Konsequenzen. Der Versuch, den amtierenden Premier Benjamin Netanjahu durch eine neue Regierung abzulösen, verzögert sich.

Der Königsmacher der neuen Koalition ist Mansour Abbas, ein Islamist. Bis vergangene Woche hatte es so ausgesehen, als würde er mit dem säkularen Mitte-Politiker Yair Lapid und dem Nationalisten Naftali Bennett in eine Koalition einwilligen. Angesichts der Gewalt hat er die Verhandlungen über den Beitritt zur eben noch befürworteten Koalition jedoch eingefroren. Laut Lapid hätte die neue Regierung „in ein paar Tagen“ vereidigt werden können.

Mansour Abbas ist nicht der einzige potenzielle Koalitionspartner, der unter Druck gerät. Bennett, der einen palästinensischen Staat ablehnt, wird von seinen Anhängern mit der Frage konfrontiert, wie er es verantworten könne, den Islamisten Abbas als Koalitionspartner zu akzeptieren.

„Die Situation weist jetzt auf das inhärente Problem einer solchen Regierung hin“, sagte Eytan Gilboa, Politikwissenschaftler am Begin-Sadat-Zentrum für strategische Studien der Bar-Ilan-Universität.

Die USA, die EU und andere Nationen riefen inzwischen zu einem Abbau der Spannungen auf. EU-Außenpolitik-Chef Josep Borrell verurteilte Angriffe auf Zivilisten in Israel als „völlig inakzeptabel“. Sie nährten eine „eskalierende Dynamik“.

Gleichzeitig verurteilt er auch geplante Räumungen palästinensischer Familien aus Ostjerusalem. „Alle Seiten müssen deeskalieren, Spannungen abbauen, praktische Schritte unternehmen, um die Dinge zu beruhigen“, meinte US-Außenminister Antony Blinken, als er seinen jordanischen Amtskollegen in Washington traf.

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